Ein Koffer, ein Rucksack und ein Zugticket nach Dänemark – mehr hatte ich an diesem Tag nicht dabei. Während ich auf dem Bahnsteig stand, war mir noch gar nicht bewusst, wie sehr dieses eine Jahr mein Leben verändern würde. Mit 16 Jahren ließ ich meine Familie, meine Freunde und mein gewohntes Zuhause hinter mir und machte mich auf den Weg in ein völlig neues Leben.
Heute, ein Jahr später, kann ich kaum glauben, wie viel ich erlebt und gelernt habe. Aus der anfänglichen Aufregung wurde ein Jahr voller neuer Menschen, besonderer Momente und Erfahrungen, die ich nicht mehr missen möchte.
Der Start in ein unbekanntes Abenteuer
Alles begann an einem Sonntagmorgen. Voller Vorfreude, aber auch mit einem mulmigen Gefühl im Bauch, verabschiedete ich mich von meinen Eltern und stieg in Nürnberg in den Zug Richtung Dänemark. In diesem Moment wurde mir erst richtig bewusst: Jetzt geht es tatsächlich los. Ein ganzes Jahr fern von zu Hause lag vor mir.
Im Zug lernte ich andere Austauschschülerinnen und Austauschschüler von Youth For Understanding (YFU) kennen. Uns verband sofort etwas: Wir alle hatten unsere Familien, Freunde und unser gewohntes Leben zurückgelassen und machten uns auf in ein unbekanntes Abenteuer.
Am Abend kamen wir in Odense an. Bevor es zu unseren Gastfamilien ging, erwartete uns dort ein einwöchiges Willkommenscamp. Gemeinsam mit Jugendlichen aus verschiedenen Ländern tauchten wir in die dänische Kultur ein und bereiteten uns auf das Austauschjahr vor. Unsere ersten dänischen Sätze waren definitiv nicht perfekt, aber wir hatten viel Spaß dabei, die Sprache auszuprobieren.
Dann war es plötzlich so weit: Nach einer Woche wurden wir von unseren Gastfamilien abgeholt. Jetzt begann das eigentliche Abenteuer.
Aus einer Gastfamilie wurde eine zweite Familie
Etwa eine Woche vor meiner Abreise hatte ich meine Gastfamilie bei einem Videocall zum ersten Mal gesehen. Das war ziemlich aufregend. Wir stellten schnell fest, dass wir einiges gemeinsam hatten: Handball und die Freude am Backen. Das fühlte sich sofort wie ein gutes Zeichen an.
Meine Gasteltern Carsten und Rikke leben mit ihren beiden Hunden Buster und Melvin in einem Haus etwas außerhalb von Aarhus. Von Anfang an bezogen sie mich in ihren Alltag ein. Auch in der Nachbarschaft wurde ich schnell aufgenommen. Dort gab es regelmäßige kleine Feste und Spieleabende. So lernte ich nicht nur meine Gastfamilie, sondern auch viele Menschen aus meinem neuen Umfeld kennen.
Rückblickend war es für mich ein großes Glück, bei Carsten und Rikke gelandet zu sein. Sie gaben mir von Anfang an das Gefühl, willkommen zu sein. Mit der Zeit wurden auch die kleinen Routinen wichtig: Spaziergänge mit den Hunden, gemeinsames Backen und Familienabende. Aus einem fremden Haus wurde ein Zuhause.
Schule auf Dänisch
Schon in der zweiten Woche begann die Schule. Das dänische Schulsystem unterscheidet sich in einigen Punkten vom deutschen. Die Folkeskole umfasst die ersten neun Schuljahre. Danach können Jugendliche unter anderem eine zehnte Klasse oder eine Efterskole, eine besondere Form des Internats, besuchen oder auf ein dreijähriges Gymnasium wechseln.
Auch der Unterricht war für mich zunächst ungewohnt. Gruppenarbeit, gemeinsames Lernen und ein gutes Verhältnis zwischen Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften spielen eine große Rolle. Insgesamt erlebte ich die Schule als ruhiger und entspannter, als ich es aus Deutschland gewohnt war. Dadurch entstand eine Atmosphäre, in der ich mich gut einbringen und meine Meinung äußern konnte.
Vor allem aber schloss ich dort viele Freundschaften. Obwohl Däninnen und Dänen oft als eher zurückhaltend beschrieben werden, fühlte ich mich schnell als Teil der Gemeinschaft. Ich wurde zu Geburtstagen eingeladen, fuhr mit Freundinnen nach der Schule in die Stadt oder verbrachte mit ihnen Zeit im Café. Auch die Schulfeste halfen mir, meine Mitschülerinnen und Mitschüler besser kennenzulernen.
Handball, Reisen und der neue Alltag
Einen Teil meiner Freizeit verbrachte ich beim Handball. Obwohl ich damals schon seit zwölf Jahren spielte, war es etwas Besonderes, meinen Sport ausgerechnet in der Handballnation Dänemark auszuüben. Das Training und die Spiele machten mir großen Spaß – und auch dort entstanden neue Freundschaften.
Wenn ich nicht in der Sporthalle war, ging ich mit den Hunden spazieren, erkundete die Umgebung oder schlenderte durch Aarhus. Gerade diese kleinen Momente halfen mir, meine neue Heimat immer besser kennenzulernen.
Während meines Austauschjahres sah ich außerdem viele Orte in Dänemark. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir eine Reise nach Skagen mit anderen Austauschschülerinnen und Austauschschülern. Zwischen Dünen und türkisblauem Wasser standen wir am nördlichsten Punkt des Landes, wo Nord- und Ostsee aufeinandertreffen.
Der Moment, in dem die Sprache keine Hürde mehr war
Eine der größten Herausforderungen war am Anfang die Sprache. Es war ungewohnt und manchmal schwierig, in einem Umfeld zu leben, in dem ich viele Gespräche noch nicht verstand. Im Alltag merkte ich schnell, wie sehr man auf Sprache angewiesen ist – beim Einkaufen, in der Schule oder am Esstisch.
Mit viel Übung, Geduld und der Unterstützung meiner Gasteltern und Freunde wurde es von Monat zu Monat leichter. Am Anfang machte ich viele Fehler und sprach manches wahrscheinlich ziemlich lustig aus. Doch alle blieben geduldig, erklärten mir neue Wörter und ermutigten mich, einfach weiterzusprechen. Nach einigen Monaten konnte ich mich vollständig auf Dänisch verständigen.
An einen Moment erinnere ich mich besonders gern: Im Bus fragte mich eine ältere Dänin nach einer Haltestelle. Wir kamen ins Gespräch und unterhielten uns eine Weile. Als ich ihr erzählte, dass ich Austauschschülerin aus Deutschland war, konnte sie es kaum glauben. Da merkte ich, wie weit ich sprachlich gekommen war.
Besonders stolz war ich auf meine mündliche Prüfung in Naturgeografie, die ich komplett auf Dänisch ablegte und sehr gut bestand. Wenn ich daran dachte, wie wenig ich zu Beginn verstanden hatte, fühlte sich das wie ein riesiger Erfolg an.
Was "Hygge" für mich bedeutete
An Dänemark mochte ich besonders die Lebenseinstellung, die oft mit dem Wort "Hygge" beschrieben wird. Für mich bedeutete es, gemeinsam Zeit zu verbringen und auch kleine Augenblicke bewusst zu genießen: beim Zusammensitzen im Wohnzimmer, bei Spieleabenden oder mit einem Getränk in der ersten Frühlingssonne.
Auch Feste lernte ich neu kennen. An Geburtstagen wurde die große dänische Flagge im Garten gehisst und der Tisch mit kleinen Flaggen dekoriert. Zu Weihnachten besuchten wir am Nachmittag einen Familiengottesdienst. Anschließend aßen wir Flæskesteg mit karamellisierten Kartoffeln, sangen Lieder und tanzten um den Weihnachtsbaum. In der Vorweihnachtszeit und vor Ostern kam die ganze Familie zum Julefrokost oder Påskefrokost zusammen.
Hygge war für mich deshalb weniger eine bestimmte Dekoration oder Tradition als das Gefühl, willkommen zu sein und gemeinsam aus einem gewöhnlichen Abend etwas Besonderes zu machen.
Mit mehr als einem Koffer zurück
In diesem Jahr habe ich viele schöne und wertvolle Erfahrungen gesammelt, neue Menschen kennengelernt und gelernt, mir selbst mehr zuzutrauen. Dafür bin ich sehr dankbar.
Ein Austauschjahr ist nicht immer leicht. Es braucht Mut, Geduld und die Bereitschaft, sich auf Unbekanntes einzulassen. Aber genau darin liegt die Chance. Deshalb möchte ich andere Jugendliche ermutigen, über einen Austausch nachzudenken. Ebenso wertvoll ist es, als Gastfamilie einen jungen Menschen für einige Monate in das eigene Leben aufzunehmen.
Als ich nach einem Jahr wieder am Bahnsteig stand, hatte ich noch immer einen Koffer und einen Rucksack dabei. Doch ich brachte viel mehr mit nach Hause: eine neue Sprache, eine zweite Familie, enge Freundschaften und das Gefühl, auch an einem zunächst fremden Ort ein Zuhause finden zu können.
Hinweis: Pia absolvierte ihr Austauschjahr mit Youth For Understanding (YFU). Aumüller Druck Regensburg unterstützte sie mit einem Teilstipendium.