18.02.2018
Evangelische Morgenfeier

Predigt: Führe mich nicht in Versuchung

Eine wichtige biblische Geschichte ist die der Versuchung Jesu in der Wüste. Wie ist das mit der Versuchung? Wer will uns Menschen wann und warum versuchen? Wie ist die Bitte im Vaterunser "Führe uns nicht in Versuchung" richtig zu verstehen? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt der evangelischen Morgenfeier des Weilheimer Pfarrers Eberhard Hadem.
Wüste

Das Vaterunser ist das Gebet, das ich am liebsten bete. Selbst wenn ich mitten in der Nacht geweckt würde, könnte ich es aus dem Stand heraus beten. Doch das bekannteste Gebet der Christen ist teilweise in Verruf geraten. Angeblich sei die sechste Bitte des Vaterunsers, völlig falsch übersetzt worden, hat zuletzt der Papst behauptet. Führe uns nicht in Versuchung – das sei eine schlechte Übersetzung, meinte er vor zwei Monaten, am 6. Dezember, in einem Interview mit dem italienischen Sender TV 2000. Es sei nicht Gott, der den Menschen in Versuchung stürzt, um dann zuzusehen, wie er fällt. Der Papst sagte wörtlich: "Ein Vater tut so etwas nicht; ein Vater hilft, sofort wieder aufzustehen. Wer dich in Versuchung führt, ist Satan." Und er hat vorgeschlagen, dass es in Zukunft im Vaterunser heißen soll: Lass uns nicht in Versuchung geraten – also: Gott möge verhindern, dass wir in die Versuchung des Teufels geraten. 

Ist diese Diskussion nur eine Haarspalterei von Theologen? Ist es egal, mit welchen Worten wir beten, solange wir es nur tun? Wörtlich übersetzt heißt die Bitte des Vaterunsers: Bringe uns nicht hinein in die Versuchung. Also, so sagen die meisten katholischen wie evangelischen Theologen, ist es schon richtig in gefälligeres Deutsch übersetzt: Führe uns nicht in Versuchung. Zumindest die französischsprachigen Katholiken beten schon seit 2013: Lass uns nicht in Versuchung geraten. Eine Katastrophe, sagen die einen, dann gibt es nämlich kein gemeinsam gesprochenes Vaterunser der Christenheit mehr. Andere fänden es klasse, denn dann wäre endlich klar entschieden, dass alles Böse auf der Welt einzig und allein vom Teufel kommt.

Wie ist das nun mit der Versuchung? Woher kommt sie? Wer will uns Menschen wann und warum versuchen? Und was bedeutet ‚Versuchung‘ überhaupt? In der Umgangssprache hat sich die Bedeutung von Versuchung sehr verändert. Die meisten denken dabei eher an die zarteste Versuchung, seit es Schokolade gibt. Oder sie erklären umgekehrt Essen zur Sünde, wenn sie hungrig vor dem Kühlschrank stehen. Versuchung oder Verführung ist Teil unserer Sexualität. Es gibt auch die Versuchung, Häuser, Autos und die neusten Smartphones sein Eigen nennen zu können oder Macht, Geld und Einfluss zu haben.

Manche Übersetzer der Bibel schlagen deshalb vor, statt von Versuchung von ‚Erprobung‘ zu sprechen, was ebenso korrekt übersetzt wäre. D.h. wenn Gott bei mir die Probe aufs Exempel macht, dann testet er, wie stark mein Glaube ist. Eine Vorstellung, die an vielen Stellen der Bibel vorkommt. Denken Sie an Hiob, wo Gott dem Satan in einer Art religiöser Versuchsanordnung erlaubt, Hiobs Glauben auf die Probe zu stellen: Seine Familie stirbt, er verliert all seine Habe, schmerzhafte Krankheiten plagen ihn, das alles wird zum Test für Hiobs Glauben.

Für uns Heutige hat das Bild von Gott, das sich da aufdrängt, ziemlich befremdliche Züge: Nur um einen Menschen zu prüfen, lässt Gott es zu, dass eine ganze Familie sterben muss? Was ist das für ein Gott, der scheinbar Böses im Sinn hat? Oder es zumindest zulässt? Oder will er gar mit Bösem Gutes bewirken? Der Prophet Amos (3,6) fragt einmal sehr ernst: "Ist auch ein Unglück in der Stadt, das der Herr nicht tue?" Und der Prophet Jesaja lässt Gott selbst zu Wort kommen (Jes. 45,7):

"Ich bin der Herr, und sonst keiner; der ich das Licht mache und schaffe die Finsternis, der ich Frieden gebe und schaffe das Unheil. Ich bin der Herr, der solches alles tut."

Solche Sätze der Bibel erschrecken mich, machen sogar Angst. Wir könnten es uns leicht machen und sagen, das seien alles veraltete Vorstellungen aus dem ersten Teil der Bibel, dem Alten Testament, die für Christen bedeutungslos geworden seien. Seit Jesus die Menschen gelehrt hat, dass Gott unser aller Vater ist, gelte nur noch, was im Neuen Testament aufgeschrieben ist.

Aber Jesus war selber Jude und hat da keinen Unterschied gemacht: für ihn war der Gott seines jüdischen Volkes eben genau derselbe Gott, den er als Vater, in seiner aramäischen Sprache mit ‚Abba‘, auf Deutsch ‚lieber Papa‘, angesprochen hat.

Bevor Jesus am Kreuz gestorben ist, hat er trotzdem seine ganze Verzweiflung und Anklage herausgeschrien: "Mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Jesus hat sich aus dieser Spannung, die ihn beinahe zerreißt, nicht befreit, sondern hat sie ausgehalten: Er hat Gott liebevoll Vater genannt – und zugleich angeklagt, dass er schweigt und sich vor ihm verbirgt; noch schlimmer: ihn allein lässt. Jesus hat dieselbe Spannung gespürt, die wir auch spüren, wenn uns Leiden und Schmerzen begegnen, die wir uns nicht erklären können, und für die wir niemanden verantwortlich machen können. Der liebevolle Gott und der schweigende Gott – da reiben sich unterschiedliche Gottesvorstellungen aneinander. Nicht nur theoretisch, sondern ziemlich handfest und schmerzhaft; nicht nur für Jesus, sondern auch für uns heute.

Eine wichtige biblische Geschichte ist die der Versuchung Jesu in der Wüste. Jesus ist immer wieder in die Wüste gegangen, hat die Stille gesucht, sich zurückgezogen, wenn ihm die Fragen der Jünger und der Streit mit den Schriftgelehrten zu viel wurden. Aber auch um Kraft zu sammeln, zur Ruhe zu kommen, mit seinem Vater im Gebet ins Gespräch zu kommen. Die karge Wüste hilft, das Wesentliche zu erkennen. Sie kann eine Kraftquelle sein. In der Versuchungsgeschichte, wie sie der Evangelist Matthäus erzählt, heißt es ausdrücklich, dass Jesus vom Geist Gottes in die Wüste geführt wird. Doch dann bekommt die Geschichte (Mt. 4, 1 – 11) eine ungewöhnliche Wendung: 

"Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde. Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. Und der Versucher trat herzu und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden.  Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben: ‚Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.‘ Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben: ‚Er wird seinen Engeln für dich Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.‘ Da sprach Jesus zu ihm: Wiederum steht auch geschrieben: ‚Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.‘

Wiederum führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. Da sprach Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben: ‚Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.‘ Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel herzu und dienten ihm."

Ein Theaterstück, ein Drama mit Hollywood-Potential! Weil die wenigen Informationen, die wir bekommen, offen lassen, wie wir uns das vorstellen können. Kino im Kopf! Was wir verstehen: Jesus wird versucht, so wie alle Menschen in Versuchung geraten können. Aber die Spannung wird noch gesteigert: Der Geist Gottes ist dafür verantwortlich. Jesus wird von Gott mit der klaren Absicht in die Wüste geführt, damit er vom Teufel versucht würde. Ich verstehe das so, dass Gott letztverantwortlich ist für die Versuchung Jesu, den Test in der Wüste. Auch wenn er dazu die Hilfe des Teufels benötigt, ist es doch Gott selbst, der Jesus in die Wüste führt.

Dort, wo man eigentlich nicht leben kann, sondern nur überleben. Und es ist eine lange Zeit, die er dort verbringt: 40 Tage und 40 Nächte. Offensichtlich hat Jesus Hunger, kein Wunder. Und trotzdem irrt er nicht wie ein erschöpfter Mensch im Delirium durch die Wüste, sondern kann gelassen dem Teufel Paroli bieten, als nähme er an einer Diskussionsveranstaltung der Volkshochschule teil. Der Teufel verlässt am Schluss die Bühne, wie ein Staubsaugervertreter, der nichts aus seinem tollen Sortiment verkaufen konnte. Engel treten auf und dienen Jesus. Als Hörer oder Leser fragt man sich: Hätte ich auch so cool und gelassen reagiert wie Jesus? Wer kann in solchen Versuchungen tatsächlich bestehen – ohne der Sohn Gottes zu sein?

Die Angebote, die der Teufel Jesus macht, sind nur scheinbar außergewöhnlich. Das Gegenteil ist der Fall: auch uns begegnen sie, sind ständige Begleiter unseres Alltags. Der Teufel stellt Jesus im Grunde genommen immer dieselbe Frage in verschiedenen Verkleidungen: ‚Willst du Herr der Welt sein?‘ Man muss nicht Arzt im Krankenhaus sein, um die Versuchung zu spüren, sich als ‚Gott in Weiß‘ aufzuspielen. Ich muss nicht Chef im Betrieb oder auch Lehrer oder Pfarrer sein, um der Versuchung zu begegnen, meine Autorität permanent durchsetzen zu wollen. Ob ich Herr in meiner kleinen Welt sein will, ist eine Frage, die jedem in seinem privaten und öffentlichen Umfeld begegnet.

Willst du Herr der Welt sein? – diese Frage bekommt für Jesus verschiedene Facetten. "Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden." Was für ein kluges Angebot des Versuchers! Der Teufel ist der große Einredner, der dem Menschen am Ohr klebt und ihm einflüstert, was alles einen viel besseren Sinn haben könnte. Das Hungerproblem wäre mit einem Schlag gelöst. Geschickt, wie der Versucher bei dem ansetzt, was Jesus wohl gerade am körperlichsten spürt: seinen Hunger.

Mag auch Jesus der Versuchung widerstehen – könnte ich ihr widerstehen? Genau wegen dieser Frage könnten wir deshalb wie der Papst diese Bitte des Vaterunsers so verstehen: Bitte, Gott, bring mich nicht in eine Situation, in der ich versagen könnte. Lass mich nicht in Versuchung geraten. Das ist eine mehr als verständliche menschliche Bitte. Dann weiß ich um meine Schwäche und bitte um Bewahrung, weil ich befürchte, dass mein Glaube, mein Vertrauen zu Gott, einer Probe nicht standhalten könnte.

Die entscheidende Frage ist aber, ob es einen Anspruch Gottes an mich gibt. Und wenn ja, wie der aussehen könnte. Ich verstehe es so, dass die Bitte Führe uns nicht in Versuchung einen solchen Anspruch voraussetzt. Wenn ich diese Bitte an Gott ausspreche, dann akzeptiere ich zugleich, dass Gott einen Anspruch auf mich und mein Leben haben darf. Dass er mich auf die Probe stellt, dass er mich durch Anfechtung und Prüfung führen kann. Gott darf mich fordern, versuchen, erproben – und ich darf ihn darum bitten, dass er es nicht tun möge.

Mir sind in meinem Leben Dinge aus den Händen geschlagen worden, die ich behalten wollte. Und Dinge versagt worden, die ich gerne gehabt hätte. Zwei meiner besten Freunde haben sich das Leben genommen. Ich habe mich schuldig gefühlt, ich habe mir Vorwürfe gemacht. Ich konnte es nicht verstehen und verstehe es auch heute nicht. Erst als ich meine beiden Freunde freigab und ihnen nicht mehr egoistisch vorwarf, dass sie mir Schmerzen verursacht und Glaubenszweifel und Kummer zugemutet haben, erst als ich sie loslassen konnte, begann ich wieder frei zu atmen. Ich habe das als eine Situation verstanden, in der ich in Versuchung geführt wurde, in der ich Anfechtungen erlebt habe, die meinen Glauben ins Wanken brachten. Schrecklich die Vorstellung, dass Gott den Tod dieser beiden Menschen zugelassen hat, ihn also zumindest nicht verhindert hat.

Doch Gott schweigt dazu. Und ich spüre die kindliche Erwartung, die immer noch tief in mir ist, dass Gott kein schweigender, verborgener Gott sein darf. Wenn Gott mir unwirklich vorkommt, wenn sein Schweigen abweisend ist, als wär da nur ein stummer, leerer Horizont, in dem ich mich mit meinen Gedanken verlaufen kann ohne einen Ausweg zu finden, dann ist Gott mir fern. Und ich ihm. Dann wünschte ich mir, Gott wäre ein begreiflicher Gott, ein Gott, der mir und anderen Sicherheit garantieren könnte, ein Gott, der dafür sorgt, dass Kinder nicht weinen müssen, und dass die Liebe und das Glück niemals den Tod findet. Bis ich nach einer Weile merke: Diesen kindlichen Gott – vielleicht sollte ich eher sagen: diesen kindischen Gott, weil ich mir ein Bild von ihm gemacht habe, das meinen Wünschen sehr ähnlich ist – den gibt es nicht!

Jesus hat uns das Vaterunser gelehrt. Es zeigt mir einen Gott, der so ganz anders ist, als ich mir Gott ausgedacht hätte. Wenn ich das Vaterunser bete, sage ich dem Vater Jesu alles, was mich bewegt, bedrückt oder bedrängt. Wenn ich auch das, was ich in manchen Falten meines Herzens vor mir selbst verborgen habe, demselben Vater sagen kann, zu dem auch Jesus gebetet hat, der selbst verzweifelt war und versucht wurde wie auch ich verzweifelt sein kann – dann gibt es nichts, was ich meinem Vater im Himmel nicht sagen oder klagen oder vor die Füße schmeißen könnte an Verzweiflung, Wut und Zorn oder Enttäuschung und Hilflosigkeit.
An einen Gott zu glauben, den ich mit Vater ansprechen kann, den ich um Hilfe bitten kann, ist für meinen Glauben sehr wichtig. Ebenso wichtig ist es, dass ich Gott klagen darf, wie es mir geht, ihn sogar anklagen darf, ohne aus meinem Herzen eine Mördergrube zu machen. Der Mann Hiob in der Bibel hat dafür starke Worte gefunden; bei ihm kann ich in die Sprachschule gehen, wie ich Gott klagen und sogar anklagen darf. Ich lese in Auszügen aus dem Buch Hiob in heutiger Sprache, was Hiob sagt: "Ich war völlig arglos. Da hat er, Gott, mich angegriffen. Er packte mich am Genick und schleuderte mich zu Boden...Er schlägt mir ohne Grund neue Wunden...er benutzt mich als Zielscheibe, seine Pfeile umschwirren mich. Gott der Allmächtige, macht mich wahnsinnig." (i.A. Kap.9;16;30) An anderer Stelle (Kap. 30) schreit Hiob zum Himmel:

"Gott, ich schreie zu dir um Hilfe; du antwortest nicht. Ich stehe da, aber du achtest nicht auf mich. Du bist mein grausamster Feind geworden; du spielst deine Macht gegen mich aus. Du hebst mich hoch und lässt mich los; du lässt mich in einem Orkan zerschellen.
Hiob betet zu Gott, direkt und schonungslos, so wie Menschen zu Gott beten, die aus ihrem Herzen eben keine Mördergrube machen."

Das ist es, was ich von dem Menschen Hiob und auch aus der Geschichte der Versuchung Jesu immer wieder neu lerne: Jesus ist ganz Mensch geblieben, der zu seinem Vater gebetet hat. Er hat sich vom Teufel nicht zum ‚Herrn der Welt‘ hochstilisieren lassen. Jesus hat sich nicht dazu verführen lassen, sein Menschsein aufzugeben. Ich versuche in meinen Worten zu beschreiben, wie er dem Teufel in der Wüste widersteht: ‚Ich, Jesus, muss meine Hingabe zu Gott nicht dadurch beweisen, dass ich Dinge tue, die ein Mensch nicht tun kann: Steine zu Brot machen, von einer Tempelzinne springen, Engeln Befehle geben, so wie die Herren der Welt ihren Soldaten befehlen. Ich muss nicht den dicken Macker spielen um zu zeigen, dass ich der Sohn Gottes bin!‘

Jesus begegnet uns in der Wüste als Mensch, nicht als Gott. Das ist das Evangelium: Wenn Gott uns nahe kommt, begegnet er uns als Mensch. So können wir ihm begegnen, ohne uns selbst als Götter aufzuspielen. Ich muss Gott nicht beweisen, dass ich ein würdiges Kind Gottes bin, eine Schwester oder ein Bruder Jesu. Niemand muss das. Jesus nicht und wir alle auch nicht. Ich darf wie Jesus vor Gott ganz Mensch bleiben, mit aller Verzweiflung, aller Freude, mit allen Falten meines Herzens, so wie ich geworden bin.

Jesus besteht in der Versuchung also nicht deshalb, weil er der Sohn Gottes ist, sondern weil er ganz Mensch bleibt. Auch später, wenn er wenige Tage vor seiner Kreuzigung im Garten Gethsemane einsam beten wird, weil er ahnt, was kommen wird, was er erleiden muss, da spielt Jesus wieder nicht die göttliche Karte aus, die ihm schon der Teufel in der Wüste in die Hand spielen wollte: ‚Du als Sohn Gottes hättest doch ganz andere Möglichkeiten.‘

Noch einmal will ich versuchen zu beschreiben, wie Jesus im Garten Gethsemane der Versuchung widersteht. Er könnte sagen: ‚Ich muss nicht beweisen, dass ich Gottes Sohn bin, womöglich schon gleich selber aufs Kreuz steige, um zu zeigen, dass ich der Messias bin. Ich will auch jetzt bleiben, der ich bin: ein Mensch. Einer, der Angst hat wie jeder andere Mensch auch. Das ist meine Story, meine Geschichte: die eines verzweifelten Menschen. Deshalb bitte ich dich, mein Vater im Himmel: Lass diesen Kelch an mir vorübergehen. Als Mensch kann ich mir doch gar nichts anderes von dir wünschen, oder? Niemand möchte sterben. Weder alt noch jung. Ich auch nicht.

Aber wenn es dann doch anders sein soll, wenn ich wirklich sterben werde, dann Vater, kümmere dich bitte um mich! Nicht mein, sondern dein Wille geschehe. Das ist dann nämlich ganz und gar deine Story: deine göttliche Geschichte, was du mit mir noch vorhast. Aber bis dahin, Vater im Himmel, lass mich hier im Garten Gethsemane bei meiner Story bleiben, dass ich ganz und gar ein Mensch bin mit aller Angst und Verzweiflung, die in mir ist, und die ich dir sagen möchte. Lass mich nicht dem religiösen Wahn verfallen, ich müsste und könnte ein Übermensch sein. Bitte Vater, lass mich nicht in diese Fantasie hinein geraten. Führe mich nicht in Versuchung.

Und dann kommt Karfreitag, und drei Tage, und Ostern und Auferstehung – und Jesu Jünger werden Zeugen jener Geschichte, die Gott mit Jesus vorhat und die immer noch weitergeht.

Der Jesus im Garten Gethsemane sagt dasselbe, was er dem Teufel in der Wüste sagt: dass er ein Mensch bleiben will. Jesus will nicht so tun, als hätte er keine Angst. Er will nicht so tun, als stünde er über der Versuchung, als könne sie ihm nichts anhaben. Im Gegenteil, er bittet seine Jüngerinnen und Jünger eindringlich: Wachet und betet mit mir, damit ihr nicht in Versuchung fallt. Als ob Jesus ihnen sagen würde: ‚Wenn ich weiß, dass ihr mit mir und für mich betet, dann kann ich es vielleicht auch aushalten, was kaum auszuhalten ist. Bitte lasst mich nicht allein!‘

Gott kann mich auf die Probe stellen. Ob ich dann bereit bin, Mensch zu bleiben – das ist die Frage. Darum geht es, wenn ich für mich selbst oder mit anderen das Vaterunser und auch die sechste Bitte bete: Führe mich nicht in Versuchung.

Und um das andere geht es auch: Dein Wille geschehe – dass ich zugleich offen werde für das, was Gott mit mir vorhat und was ich nicht weiß oder noch nicht weiß. Und vielleicht auch nie verstehen werde. Das aber ist seine, Gottes Geschichte mit mir. Diese Story will ich ihm überlassen. Jetzt aber will ich beten, wie Jesus uns gelehrt hat, dass wir beten sollen.

Evangelische Morgenfeier vom 18.02.2018 (Invokavit) mit Pfarrer Eberhard Hadem, Weilheim, Thema: Führe mich nicht in Versuchung

Das PDF mit dem vollständigen Text kann beim BR heruntergeladen werden unter diesem Link.

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