Wer bist du? Ich sitze in der Kapelle des Evangelischen Tagungszentrums in Bad Alexandersbad; es ist das Haus im Fichtelgebirge, in dem ich arbeite. Gemeinsam mit einer Lehrerin für Achtsamkeit leite ich ein Wochenende, das zum Innehalten einlädt. Gedanken zu biblischen Texten, kleine Übungen, ein Spaziergang mit Impulsen. Jetzt, in der Kapelle, ist es diese Frage, die uns beschäftigt: Wer bist Du? 

Verteilt im Raum sitzen wir uns immer zu zweit gegenüber. Die Aufgabe: Eine stellt der anderen diese Frage: Wer bist du? Die andere antwortet mit einem Satz, der nachklingen darf. Dann ein: Danke. Danach Stille, und die Frage wird erneut gestellt: Wer bist du? Eine Antwort. Danke. Stille. Das wird so lange wiederholt, bis ein Gong dazu aufruft, die Positionen zu wechseln. 

Ich bin froh, dass es bei mir – eher zufällig – eine langjährige Freundin ist, mit der ich diese Übung mache. Trotzdem, es fällt mir nicht leicht. Wer bist du? Ich nähere mich der Sache von weitem: Ein Mensch, sage ich, und wir kichern ein bisschen, wie zwei Schulmädchen, die bei der Aufgabenstellung ein wenig schummeln. Danke. Stille. Wer bist du? Eine Frau. Eine Theologin. Eine Mutter. Eine Freundin. Wer bist Du? Eine, die liebt. Die sich oft Sorgen macht. Die auf der Suche ist. Wer bist du?    

Die immer gleiche Frage treibt mich in die Tiefe. Ich merke, wie ich unsicherer und klarer werde zugleich. Wer bin ich, wenn meine Rollen wegfallen? Was macht mich aus? Anders als ich es sonst von mir kenne, formt sich die Antwort erst im Sprechen. Wohin wird das noch führen? Als die Klangschale ertönt, atme ich auf. Erschöpft, aber auch aufgewühlt, zugleich in einer Weise mir selbst nah, wie ich es lange nicht erlebt habe. Lebendig. 

Als die Einheit in der Kapelle zu Ende ist, ziehe ich mich zurück. Wer bist du? Die Frage hallt nach. Ich möchte allein sein mit ihr. 

In die Tiefe gehen

In die Tiefe gehen: Das kostet Überwindung, dazu braucht es Mut. Bei der Übung in der Kapelle habe ich das auf besondere Weise erlebt. Es kann sein, dass auf dem Grund ein Schatz auf mich wartet. Es kann aber auch sein, dass ich etwas entdecke, das mich verunsichert. Es ist ein Wagnis. Es ist ein Geschenk.     
"Fahre hinaus, wo es tief ist": Das ist ein Satz aus dem Neuen Testament, der mich zu einem solchen Wagnis auffordert. Ein schillernder Satz, der mich umtreibt und antreibt, seit ich ihn das erste Mal gehört habe. Auch, weil in ihm so viel von dem steckt, was für mich das Leben und meinen Glauben ausmachen. Die Frage, wer ich bin, gehört auch dazu.  

"Fahre hinaus, wo es tief ist": Ich erzähle Ihnen die Geschichte zu diesem Satz. Sie steht im Lukasevangelium  und spielt in der Zeit, in der Jesus begonnen hat, durch den Norden Israels zu ziehen und von Gott zu erzählen. Von Anfang an hat er dabei offensichtlich die Menschen fasziniert; es sind schnell immer mehr geworden, die ihn hören wollten. An einem Tag am See Genezareth waren es dann wohl zu viele, die ihn umringt haben. 

Und Jesus sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus. 

Simon, von dem hier erzählt wird, wird später unter dem Namen Petrus bekannt werden. Für ihn fängt in diesem Moment das gemeinsame Leben mit Jesus an, und zwar mit eben dieser Aufforderung: 

Als Jesus aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!

"Fahre hinaus, wo es tief ist": Eine Anweisung, die allem widerspricht, was der Fischer Simon vom Fischen weiß. Tagsüber, in der prallen Sonne, halten sich die Fische am Grund des Sees auf; es macht wenig Sinn, sich jetzt noch einmal an die Arbeit zu machen. 

Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort (hin) will ich die Netze auswerfen. Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen. Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und mit ihnen ziehen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken. Als das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die mit ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten. 

Heiliger, starker Gott

Hagios ho Theos. Heiliger, starker Gott: Simon spürt ihn. Er fällt Jesus zu Füßen, kommt ihm ganz nah – und ruft gleichzeitig: Geh weg von mir, ich bin ein sündiger Mensch. So groß empfindet er den Abstand, so groß ist Gott. So klein fühlt sich Simon. Als "Mysterium tremendum" hat ein Theologe bezeichnet, was Simon erlebt: Gott als ein Geheimnis, das Menschen in ihren Grundfesten erschüttert, erschreckt – so, wie Simon. Zugleich aber gibt es da noch das andere, das Simon ebenso erlebt: Gott als ein "Mysterium fascinans" – ein Geheimnis, das uns zutiefst berührt und anzieht. Hagios ho Theos. Heiliger, starker Gott. 

Der Sehnsucht folgen

Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.

Simon folgt Jesus nach. Und zwar von dem Moment an, als Jesus ihn anspricht. Das finde ich beachtlich! Offensichtlich hat Simon keine Angst davor, verspottet zu werden, als er die schon gereinigten Netze nimmt und noch einmal in die Mitte des Sees hinausfährt. Warum folgt er dieser Aufforderung? Woher dieses Vertrauen, woher dieser Mut? 

Weg vom sicheren Ufer, hinein ins Unbekannte: Wahrscheinlich, so stelle ich mir vor, war da schon länger eine Unruhe, eine Sehnsucht in Simon. Und jetzt, als Jesus ihn anspricht, bricht diese Sehnsucht sich Bahn. Und Simon lässt es zu.  

Sehnsucht nach Tiefe. Ich denke an das Buch des Münchner Autors und Journalisten Tobias Haberl. "Unter Heiden. Warum ich trotzdem Christ bleibe" heißt es. Es ist ein modernes Glaubensbekenntnis; ein Bestseller, der bei vielen Menschen offensichtlich einen Nerv getroffen hat. Vielleicht hätte Simon sich ganz gut wiederfinden können in dem, was Haberl über seine Sehnsucht schreibt und darüber, dass er ihr folgt, ganz gleich, was andere davon halten. An einer Stelle sagt er: 

"Ich möchte es mir an Gottes Seite nicht gemütlich machen, sondern ergriffen, überwältigt und verwandelt werden, möchte eintauchen in eine Sphäre, in der sich das Unerwartete auftut, wir Christen sprechen von Wundern. Eine lichtvolle Welt, in der nicht die Mächtigen, Raffinierten, Kaltschnäuzigen, sondern die Hungernden, Trauernden, Sanftmütigen triumphieren. Ein Erfahrungsraum, in dem ich nichts im Griff habe, sondern bewusst die Kontrolle abgebe, damit etwas mit und an mir geschehen kann. […] Ich sehne mich nicht nach sinkenden Roaming-Gebühren, sondern nach dem Einbruch des Heils in eine Welt des Unheils, nach einer Wahrheit, die alles einschließt, worüber ich staune und wovor ich mich fürchte, die Schönheit, die Liebe, den Schmerz und den Tod." 

Der Einbruch des Heils in eine Welt des Unheils. Eine Wahrheit, die alles einschließt: die unbeschreibliche Schönheit des Lebens, aber auch das unergründlich Dunkle, das Kreuz. Simon wird all das miterleben, wenn er jetzt aufbricht und mit Jesus zieht. Er geht das Wagnis der Nachfolge ein.

"Ich glaube an Gott, weil ich nichts aufregender finde als eine Reise, von der ich nicht weiß, wohin sie mich führt und wie sie mich verändert. […] Ich glaube an Gott, weil ich mir nichts Größeres vorstellen kann, als dem Geheimnis eines Mannes nachzuleben, der die Welt vom Kopf auf die Füße gestellt hat, indem er sein Leben hingegeben hat." 

Volle und leere Netze

Es ist ein grandioser Fischfang, den Simon macht. Er tut, was Jesus sagt – und wird überwältigt von dem, was daraufhin geschieht: Die Netze reißen vor lauter Fischen. 

Ich verrate Ihnen jetzt kein Geheimnis, wenn ich sage: Die Regel ist das nicht. Nicht in biblischen Zeiten, und erst recht nicht heute. Volle Netze, Menschen, die sich eng zusammendrängen, um von Gott zu hören: Wir erleben es eher selten in unseren Kirchen. Im Gegenteil: Wir werden weniger statt mehr – in der bayerischen Landeskirche ebenso wie anderswo. Das tut mir weh, ich bin da auch ratlos: Warum erreichen wir viele Menschen nicht? Es geschieht doch so viel Gutes in den Gemeinden, da ist so viel Einsatz, da sind so viele wunderbare Ideen in der Kirche!  

Es gibt die Geschichte vom Fischzug des Simon auch anders erzählt als in der Bibel. Da ist am Ende kein einziger Fisch im Netz, und Simon sagt zu seinen Freunden: "Ich habe es gewusst, natürlich. Aber es heißt wohl auch: Selig sind, die nicht sehen und dennoch glauben. Und die das Netz auswerfen zu jeder Zeit, auch, wenn sie keinen Erfolg haben."  Mir sagt diese Umerzählung: Entscheidend ist am See Genezareth nicht die Zahl der gefangenen Fische. Entscheidend ist, dass Simon der Aufforderung Jesu folgt: Fahre hinaus, wo es tief ist. Und Simon tut es, ganz egal, wie schwierig die Umstände sind, ganz gleich, ob er sich damit blamieren wird: Er fährt in die Tiefe und wirft das Netz aus. 

Auch wenn es Enttäuschungen gibt und manchmal nur spärlich gefüllte Netze – die Geschichte vom Fischzug des Simon stößt uns an: Hört nicht auf damit, weiterzutragen, wie ein Leben in Gottes Sinn aussieht, was euch begeistert und berührt daran! Es ist immer auch ein Wagnis dabei; wir verlassen sicheres Terrain, wenn wir hinausfahren, wo es tief ist. Aber auf diese Tiefe kommt es an, auch in unserem Reden von Gott, dem Suchen, dem Herantasten an ihn. Wir dürfen in unseren Kirchen das Geheimnis, das am Grund des Lebens liegt, nicht aufgeben zugunsten gefälliger Wahrheiten, die wir am sicheren Ufer in seichtem Wasser verkünden. 

Wer bist Du, Gott? Es gibt wunderbare Bilder, die wir da in der Bibel finden. Und doch geht Gott in keinem davon ganz auf. Da bleibt etwas, das unverfügbar ist. Eine Tiefe, die wir nie ganz ergründen werden, und die gerade deshalb dem Leben gerecht wird. Diesem unbegreiflichen Leben.

Die Wirklichkeit des Glaubens

"Gott ist schrecklich. So schön er auch ist – so unendlich tief seine Liebe und Zuneigung zu den Menschensein mag. Ich erschrecke vor Gott." 

So sagt es die Schriftstellerin und Religionswissenschaftlerin Esther Maria Magnis. "Gott braucht dich nicht", heißt das Buch, in dem sie ihren Glaubensweg beschreibt. Der Vater wird schwer krank, er stirbt, als sie 17 Jahre alt ist. Sie haben so sehr gebetet für seine Heilung, Esther und ihre Geschwister. Wieso hat Gott nicht geholfen? Magnis schämt sich für Gott und für ihren Glauben an ihn. Sie geht auf Abstand zu ihm, er soll aus ihrem Denken verschwinden. Es gelingt ihr nicht. Stattdessen nähert sie sich Gott neu an. Dann wird der Bruder krank. Auch er wird sterben. Und Magnis geht den Weg in die Tiefe: 

"Unser Glaube, der Glaube der Christen, hat einen Schrecken. […] So wie diese Welt. Und erst dann kommt die Frohe Botschaft". 

Esther Maria Magnis wehrt sich gegen "weiches, gemütliches Gesäusel", wenn es um Gott geht. Es wird Gott nicht gerecht, der eben nicht nur als Güte erfahren wird, sondern auch "brüllt, schweigt, abwesend scheint".

Die Wirklichkeit des Glaubens, das ist nicht nur das Leichte und Helle. Das ist auch das Schwere und Dunkle. Und manchmal geht beides ineinander über. So, wie in der Zeit, nachdem die erste Operation des Bruders gut verlaufen ist. Esther Maria Magnis geht mit der Familie in die Kirche. Sie singen: "Lobe den Herren".  

"An der Stelle, wo es heißt: …der dir Gesundheit verliehen, dich freundlich geleitet. In wie viel Not hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet – da erstickten uns die Stimmen. Und wir brachten keinen Ton mehr heraus. Auch wenn wir wussten, dass es wahr war, wir konnten es nicht aussprechen. So paradox die Welt sein kann, so paradox ist manchmal die Wirklichkeit des Glaubens. Wie zwei Felsen stark und hoch nebeneinander, die vor einem in den Himmel ragen, und das Einzige, was einen Weg hindurchfindet, sind Tränen." 

Vielleicht spricht Ihnen dieses Bild ebenso aus der Seele wie mir. Die zwei Seiten der Wirklichkeit des Glaubens: Da gibt es die Erfahrung, dass ich geliebt, behütet und reich beschenkt bin im Leben. Und dann gibt es das, was ich nicht begreifen kann, was mir das Herz zerreißt, eben: zwei Felsen, stark und hoch nebeneinander, die in den Himmel ragen, und das Einzige, was einen Weg hindurchfindet, sind Tränen. Tränen: Ich bin verletzlich, hilflos. Und möchte doch vertrauen.  

Heiliger, starker Gott. Das griechische Wort für Tiefe – die Tiefe des Wassers am See Genezareth – wird an anderer Stelle mit Höhe übersetzt. Ich komme ins Spielen mit den Bildern: Die Tiefe, in die Jesus den Simon und uns alle weist. Die Höhe, die in den Himmel reicht. Und überall ist Gott da. Gott, den die Welt nicht fassen kann: Er umfasst die Welt. 

Fürchte dich nicht 

Zurück in der Kapelle des Tagungshauses in Bad Alexandersbad. Diesmal bin ich nicht mit einem Seminar hier, ich sitze allein in der Bank. Ich blicke nach vorne, in die leicht gewölbte, tiefblaue Fläche, auf die der Raum ausgerichtet ist. Immer wieder zieht es mich hierher. Manchmal am späten Abend, wenn ich im Tagungshaus übernachte. Manchmal auch mitten im Trubel des Arbeitsalltags, und wenn es nur für wenige Minuten ist.

"Fahre hinaus, wo es tief ist": Ich versenke meinen Blick in das Blau der Wand. Dunkle Schattierungen. Kleine Erhebungen. So vieles, was ich darin sehen kann. Da sind mein Glück, mein Schmerz, meine Fragen. Da ist meine Sehnsucht nach ihm, dem ich vertraue und den ich vermisse zugleich: Gott. 

Langsam wandert mein Blick weiter auf der blauen Fläche. Weg von ihrer Mitte, hin zu ihrem Rand – und da ist das Kreuz. Es ist ein filigranes Kreuz, zwei dünne Stäbe, an die der Körper des Gottessohnes angebracht ist. Da ist er, am Rand des tiefen Blaus, in das er mich schickt, und dabei mir zur Seite. Hinter dem Gekreuzigten, ins Blau hineingemalt: eine goldene Scheibe. Die Ostersonne? Die Welt, die Christus erhellt, erfüllt – in ihrer Breite und Länge, ihrer Höhe und Tiefe? Da ist meine Tiefe, da ist seine Tiefe, in der wir uns begegnen. 

Fürchte dich nicht, sagt Jesus zu Simon am See Genezareth: Ich bin da. Das Gold der Scheibe hinter dem Gekreuzigten ist durchzogen von kleinen dunklen Schatten, und die Dunkelheit und das Gold sind nicht zu trennen. 

Wer bist du?, hat die Freundin mich damals gefragt, hier in der Kapelle, immer und immer wieder. Das letzte, was ich geantwortet habe, war: Ein Kind Gottes. Dann wusste ich nichts mehr zu sagen.

Die Evangelische Morgenfeier

"Eine halbe Stunde zum Atemholen, Nachdenken und Besinnen" - der Radiosender Bayern 1 spielt die Evangelische Morgenfeier für seine Hörer:innen immer sonntags von 10.05 bis 10.30 Uhr. Dabei haben Pfarrer:innen aus ganz Bayern das Wort. "Es geht um persönliche Erfahrungen mit dem Glauben, die Dinge des Lebens - um Gott und die Welt."

Sonntagsblatt.de veröffentlicht die Evangelische Morgenfeier im Wortlaut jeden Sonntagvormittag an dieser Stelle.