Dritter Advent: die Sonne geht ungefähr um 8 Uhr auf und um Viertel nach Vier geht sie schon wieder unter. Acht Stunden und zwanzig Minuten lang scheint heute die Sonne – wenn wir sie hinter den Wolken überhaupt sehen können. Bis zur Sonnwende in einer Woche wird die Zeit des Lichts sogar noch ein paar Minuten kürzer aber dann… dann geht es endlich wieder aufwärts! Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, aber mir macht die Dunkelheit in den Winter-Monaten wirklich zu schaffen. Morgens komme ich schlecht aus dem Bett und habe das Gefühl, eigentlich noch schlafen zu wollen. Und am Nachmittag möchte ich von der Arbeit aufstehen, weil es gefühlt schon fast Nacht ist. Kennen Sie ihn auch, den Winterblues?
Neben dem Adventskranz, der den Frühstückstisch ziert, steht bei uns eine wirklich helle Tageslichtlampe, die meinen Augen und dem dahinter liegenden Gehirn die Botschaft senden soll: Hey! Es ist heller Morgen – jetzt geht’s los! … auch wenn es noch zwei Stunden dauert, bis die Sonne wirklich aufgeht. Es klappt… einigermaßen.
Dass wir Weihnachten mit vielen Lichtern feiern und uns darauf freuen, kann ich also auch aus diesem Grund sehr gut nachvollziehen.
Die Zeit auf Weihnachten hin macht mir Hoffnung, dass es nach der Dunkelheit bald wieder heller wird. Ich zähle die Tage – aber nicht die Tage bis Weihnachten, die Tage bis zur Sonnwende.
Die Wintersonnenwende wurde schon lange vor dem Entstehen des Christentums gefeiert. Klar: Für Menschen, die ohne elektrisches Licht aufwachsen, muss der Winter noch viel dunkler gewesen sein - und vielleicht auch schwerer durchzustehen. Um so schöner, wenn es wieder bergauf geht mit dem Licht!
Manche steinzeitlichen Stätten sind ganz klar ersichtlich auf die Winter-Sonnwende ausgerichtet. Löcher, durch die nur am 21. Dezember das Licht der Sonne fällt, Lücken in Palisaden, die den Punkt des Sonnenaufgangs am 21. 12. markieren. Man hat an diesen Orten sogar Reste von den großen Fest-Mahlen gefunden, die zur Sonnwende gefeiert wurden.
Und was ist jetzt mit dem christlichen Lichterfest, Weihnachten? Die Geburt des Kindes? Das Fest der Liebe?
Verzeihen Sie mir bitte, wenn ich in meiner adventlichen Morgenfeier das Weihnachtsfest noch etwas ausblende. Adventlich wird es trotzdem, versprochen
Sehnsucht nach Grün
Nach grüner Farb’ mein Herz verlangt. Oh ja! Mitten im Winter träume auch ich oft schon vom Frühjahr, wenn die grauen und kalten Tage vorbei sind. Ich wandere durch den Garten und beäuge die Knospen der Haselnuss – ob sie schon anschwellen. Ich untersuche die Wiese und lauere darauf, dass die ersten grünen Halme das braune Gras durchdringen. Ich gehe zu dem Busch, der immer als aller erster farbig blüht – der Zaubernuss – und ich ersehne die ersten gelb-goldenen Fäden, die eigenartigen Blütenblätter dieser Kostbarkeit.
Nach grüner Farb’ mein Herz verlangt…Dieses Lied ist fünfhundert Jahre alt.
Zu der Zeit herrschte in Europa die so genannte ‚Kleine Eiszeit‘. Vielleicht kennen Sie ja die alten Gemälde, die Winterbilder von Bruegel: Unzählige Menschen laufen auf zugefrorenen Kanälen Schlittschuh. Männer stapfen durch tiefen Schnee. Einige wenige Vögel harren in der Kälte aus. Richtige Wimmelbilder – ich entdecke immer wieder was Neues. So unterhaltsam und fröhlich die Bilder wirken, so bitter ist doch die Not, die dahintersteht. Die Temperatur ist um zwei Grad gesunken. Missernten und Hunger sind die Folge. Bauern verlassen ihre Höfe. Menschen fliehen vor dem Hunger in die Städte. Dort wird es eng. Unruhen entstehen.
Nach Grüner Farb’ mein Herz verlangt… Das ist nicht nur die Sehnsucht nach grüner Farbe, es ist die Sehnsucht nach Frische und nach der verlorenen Leichtigkeit des Seins, nach Sorglosigkeit und Frieden. Wer dieses Lied singt, streckt sich innerlich nach einer anderen, einer besseren Welt und im Singen wird diese andere Welt ein wenig schon lebendig.
Ursprünglich war es wahrscheinlich nur ein einfaches Lied über den Winter und die Sehnsucht nach Frühling. Die kleine Eiszeit gibt dem Lied dann eine neue, tiefere Bedeutung. Die Hoffnung wird dringlicher, vielschichtiger.
Michael Prätorius hat es dann in eine Sammlung kirchlicher Lieder aufgenommen und dem Lied damit noch eine Bedeutungs-Ebene hinzugefügt: Die Sehnsucht nach der Farbe Grün steht jetzt für die Sehnsucht nach dem Erlöser. Er bringt wahres Leben und echte Freude. Grün ist die Farbe der Hoffnung.
Johannes tauft am Jordan
Johannes zog durch die ganze Gegend am Jordan und verkündete den Menschen:
"Lasst euch taufen! Ändert euer Leben! Gott will euch eure Schuld vergeben!"
Genau so steht es im Buch des Propheten Jesaja:
"Eine Stimme ertönt in der Wüste: ›Macht den Weg bereit für den Herrn, ebnet ihm die Straße. Jede Schlucht soll aufgefüllt werden und jeder Berg und jeder Hügel abgetragen. Was krumm ist, muss gerade werden und die unebenen Wege eben. Alle Welt soll sehen, dass Gott die Rettung bringt.‹"
Johannes tritt in einer Zeit großer Not auf: Das Volk leidet unter der römischen Besatzung. Die Situation, in der Johannes und Jesus leben, ist schier unerträglich. Auch hier: Hunger und Landflucht. Verantwortlich sind die Römer, die die Provinz systematisch ausbeuten.
Zur Zeit, als dieser Text schriftlich verfasst wird – 50 Jahre nach Jesu Tod etwa – liegt die Stadt Jerusalem schon in Trümmern. Die Römer haben den Tempel bis auf die Grundmauern zerstört. Große Teile der Bevölkerung sind ermordet, versklavt oder vertrieben. Eine wahrhaft trostlose Situation.
Lukas erzählt die Geschichte Jesu für seine Zeit. Er erzählt sie für die Zeitzeugen der großen Katastrophe. So wachsen neue Bedeutungsebenen wie Jahresringe um die Geschichte von Johannes und Jesus herum.
Eine Stimme ertönt in der Verwüstung: Bahnt Gott einen Weg – mitten durch die Trümmer! Füllt die Löcher, tragt die Schuttberge ab! Das Hohe soll erniedrigt, und was Niedrig ist, soll erhöht werden.
Jetzt sehen wir keine Wüste mehr vor uns, durch die ein Weg gebahnt wird, sondern eine Stadt in Trümmern. Erinnerungen an Berlin und Dresden nach dem Krieg. Bilder aus zerstörten Städten, wie wir sie oft in den Nachrichten sehen.
Und die Hohen – das sind die Machthaber. Römer. Soldaten. Herrscher. Sie sollen entmachtet werden. Und die Niedrigen, die erniedrigten und versklavten. Sie sollen erhöht werden. — Hoffnung!
Lukas erzählt eine Hoffnungs-Geschichte gegen den Augenschein. Er setzt seinen Text gegen die hoffnungslose Wirklichkeit seiner Gemeinde. Die Menschen sollen wissen, dass mitten hinein in das Chaos Gott kommen wird. Er bringt die Dinge zurecht. Daran sollen die Leute festhalten und den Mut nicht verlieren.
Konsequenzen
Lukas betont aber auch die notwendigen Konsequenzen. Der angekündigte Wandel betrifft alle. Es wandelt sich nicht nur die Welt außen rum. Auch die innere Haltung zur Welt und zueinander muss sich wandeln.
Die Menschen kamen in Scharen zu Johannes heraus, um sich von ihm taufen zu lassen. Er sagte zu ihnen: "Ihr Schlangen! Wie kommt ihr darauf, dass ihr dem bevorstehenden Gericht Gottes entgeht? Zeigt durch euer Verhalten, dass ihr euer Leben wirklich ändern wollt! Und redet euch ja nicht ein: ›Abraham ist unser Vater!‹ Denn ich sage euch: Gott kann diese Steine hier zu Kindern Abrahams machen. Die Axt ist schon an die Baumwurzel gesetzt: Jeder Baum, der keine gute Frucht bringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen."
Ui! So ernst und bedrohlich plötzlich! Axt, Feuer – das klingt nach Tod und Teufel. Johannes meint es ernst – und Lukas auch. Die Umkehr, die als göttliches Geschenk kommt, erfordert Umdenken. Vielleicht besonders bei denen, die Unrecht erlitten haben. Ein echter Neuanfang ist nötig. Neubesinnung, Umkehr. So, wie es bisher gelaufen ist, kann es nicht weiter gehen. Aber wie? Wie soll es weitergehen?
Die Leute fragten Johannes: "Was sollen wir denn tun?" Er antwortete ihnen: "Wer zwei Hemden hat, soll dem eins geben, der keines hat. Wer etwas zu essen hat, soll entsprechend handeln." Es kamen aber auch Zolleinnehmer, um sich taufen zu lassen. Die fragten ihn: "Lehrer, was sollen wir tun?" Er antwortete ihnen: "Verlangt nicht mehr, als in euren Vorschriften steht!"
Es fragten ihn aber auch Soldaten: "Und wir, was sollen wir tun?" Johannes antwortete ihnen: "Misshandelt und erpresst niemanden und gebt euch mit eurem Sold zufrieden!" […]
Mit diesen und vielen anderen Worten rüttelte Johannes das Volk auf – und verkündete so die Gute Nachricht.
Das Hemd, das zu viel ist, abgeben. Wer genug zu essen hat: teilen. Für die Zöllner: Nicht mehr verlangen als vorgeschrieben. Und für Soldaten: Nicht mehr plündern, nicht vergewaltigen, den Regeln folgen. Auf den ersten Blick ist das doch ganz einfach – oder?
Die Zolleinnehmer werden nicht dazu genötigt, den verrufenen Job aufzugeben. Die Soldaten werden nicht dazu aufgefordert, ihre Waffen niederzulegen.
Die Beispiele sagen auch: Umkehr ist Alltag. Sie erfordert keine extremen Taten, keine großen Gesten: Kleidung. Nahrung. Rechtssicherheit. Umkehr soll den Alltag durchdringen, wie der Duft von frischgebackenen Weihnachtsplätzchen die ganze Wohnung durchströmt.
Verwickelt
Sobald ich damit beginne, mir lebendige Umkehr ganz konkret vorzustellen – mit allen nötigen Konsequenzen, merke ich zweierlei:
Erstens: Die Konsequenzen sind viel umfassender, als ich das gedacht hätte. Wenn wir wirklich so leben würden, dann wäre unser Besitz gar nicht mehr unser Besitz. Unser Überfluss wäre vielmehr dazu da, denen zu geben, die schlechter dastehen als wir. Der Leistungsgedanke – der ist ja der Motor unserer Gesellschaft – wäre untergraben. Wie sollte man das politisch umsetzen?
Und dann merke ich, zweitens, wie tief ich in unsere real existierende Ordnung verwickelt bin. Sie ist tief in mir verankert - und ich in ihr. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie eine Gesellschaft ohne Eigentum, und wie eine Arbeitswelt ohne Leistungs-Gedanken aussehen könnten. Gleichzeitig sehne ich mich nach einer besseren, gerechteren Ordnung: So, wie es jetzt ist – das ist noch nicht die optimale Lösung. So kann es doch nicht bleiben…
... Nach grüner Farb‘ mein Herz verlangt ...
Die Predigt des Johannes lässt die Sehnsucht nach einer besseren Welt leuchten und trägt sie hinein in das Leben seiner Gemeinde, das von Chaos und Zerstörung geprägt ist.
Es kann sie geben, diese andere Welt, verspricht Lukas. Gottes Ankunft stellt alles in Frage. Das ist erschütternd – aber gleichzeitig auch erfrischend und verlockend. Da wird der Advent zu einer hoffnungsfrohen Lockerungsübung.
Rollenbilder
Einen kleinen Ausblick auf eine andere Welt habe ich diesen Sommer erlebt: Ich war in Gennetines, einem Dorf in der Auvergne. Dort gibt es jedes Jahr ein Tanzfest. Französische und internationale Volkstänze. Von den Bühnen herab klingen meistens Geige und Akkordeon – so, wie wir es grad nochmal gehört haben.
Ich kann die dort üblichen Tänze kaum tanzen noch spreche ich Französisch. Aber ich mag die Musik und die ausgelassene Stimmung auf dem Platz und in den großen Zelten, in denen getanzt wird – das alles ist einfach wunderbar. Am meisten hat mich beeindruckt, dass dort auf dem Festival – wenigstens teilweise – eine andere Gesellschaftsordnung herrscht, als ich sie bisher kenne.
Traditionell tanzen Männer und Frauen in Paaren. Dabei gibt es oft einen Überschuss an Frauen und das gibt Probleme. Frauen stehen rum, warten auf einen Mann, der mit ihnen tanzt. Kein schönes Gefühl. Es entsteht ein Machtgefälle.
Und normalerweise führen die Männer, Frauen werden geführt. Dort aber ist vieles anders: Sowohl Männer als auch Frauen lernen, wie man beim Tanzen führt. Und beide lernen, wie man geführt wird. Männer können führen, sie können sich aber auch führen lassen. Frauen können sich führen lassen, sie können aber auch die Führung übernehmen. Alle, wie sie wollen. Man muss sich nur absprechen.
Und dann ist es plötzlich egal, wer mit wem tanzt. Jeder kann jede Rolle einnehmen. Manche wechseln sogar während des Tanzens die Rollen. Ich sehe das alles, schaue zu, tanze in Gedanken mit. Ich staune und freue mich an der bunten Gesellschaft.
Ich erlebe viel mehr als nur einen Tanz: Freiheit. Durch die Freiheit in der Wahl der Rolle entsteht unter der Hand auch ein neues Bild von Mann und Frau. In der Regel habe ich kein Problem damit, ein Mann zu sein. Ich füge mich ganz automatisch in die vorgegebenen Erwartungen, die mir so selbstverständlich sind, dass ich sie oft gar nicht bemerke.
Beim Tanzfest in der Auvergne habe ich diese Erwartungen sehr wohl bemerkt – allein dadurch, dass ich sie plötzlich nicht mehr erfüllen musste. Wie schön ist es, wenn Männer und Frauen und einfach alle wahrhaftig und schlicht Menschen sind – gerade so, wie sie eben sind!
Ich weiß, das Thema Geschlechterrollen führt oft zu bitterem Streit. Manche haben sogar Angst davor, dass ihnen etwas verloren geht, wenn Menschen diese festen Rollen aufgegeben. Ich will nicht streiten und auch niemandem etwas wegnehmen. Ich habe einfach erlebt, wie es ist, wenn sich diese engen Vorgaben lösen. Nichts kommt durcheinander, im Gegenteil: Alles findet ganz natürlich seinen Platz. Es ist fast wie bei einem Tanz. Auf den ersten Blick sieht es chaotisch aus, aber es gibt da eine fröhliche Ordnung, die sich immer neu findet. Für mich war es eine Befreiung. Die Woche auf dem Festival war wie ein Ausflug in eine andere Gesellschaftsform. Es bleibt eine Sehnsucht: Könnten sich nicht auch im Alltag diese festen Rollen lockern? Die Ordnung, wie ich sie alltäglich erlebe, sie ist mir ein bisschen fraglich geworden. Sie könnte ja auch ganz anders sein: freier, tänzerischer.
Advent heißt Ankunft: Christen warten auf das Ankommen des Gottessohnes, auf die Ankunft des Erlösers, der die Welt zurechtbringt. Die Welt ist, wie sie ist. Und sie läuft nicht rund. Unvollkommen ist sie und manchmal einfach dumm geregelt. Sie lässt viel Raum für Sehnsucht.
Wenn Menschen anfangen, sich nach Veränderung zu sehnen, dann ist sie oft gar nicht mehr so weit. Je mehr sich von dieser Sehnsucht anstecken lassen, umso schneller kann es gehen. Alte Muster lockern sich, neue Freiheiten wachsen. Vieles ist auch schon besser geworden.
Weil viele sich nach einer größeren Gerechtigkeit gesehnt haben, haben wir jetzt ein Rechtssystem, das im Grunde alle Menschen gleichbehandelt – na ja, gleich behandeln sollte. Es gibt immer noch Luft nach oben.
Manchmal aber ist eine echte Veränderung gar nicht abzusehen, nicht zu erwarten. Dann ist es sinnlos, optimistisch auf eine Lösung innerhalb dieser Welt und dieses Lebens zu hoffen. Und dann: nicht gleichgültig werden, nicht verbittern, die Sehnsucht nicht aufgeben. Mich weiter sehnen und weiter ausstrecken nach einem anderen, viel weiteren Horizont. Das letzte Wort hat Gott, Leben und Liebe und Licht. In diesem Glauben hoffe und vertraue ich: Es kann alles auch ganz anders sein. Und durch diesen Lichtschimmer verliert die Ordnung der Welt etwas von ihrer Macht. So komme ich durch jeden Winter. Voller Sehnsucht strecke ich mich nach einer anderen, einer neuen Welt. Es ist Advent.
Vaterunser
Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben
unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft
und die Herrlichkeit
in Ewigkeit. Amen
Segen
Der Herr segne Dich und behüte Dich
Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über Dir und sei Dir gnädig
Der Herr erhebe sein Angesicht auf Dich
und gebe Dir Frieden.