Im Radiostudio geht das Licht aus. Stromausfall. Der Reporter läuft schnell in eine kleine Kammer des Senders und schaltet die großen Autobatterien an. "Stromausfall haben wir mindestens einmal pro Woche", erzählt der Radioreporter des lutherischen Radiosenders im Norden von Tansania. Er kennt das Land: Mit seinem Truck ist er zum Kilimandscharo, in die Steppe oder in die Wüste gefahren, um dort Antennen zu montieren.
Für die meisten Tansanier ist das Radio der Kontakt zur Welt. In vielen Dörfern gibt es keinen Strom. Da sind batteriegetriebene Radios die einzige Quelle für Nachrichten und Unterhaltung. Radiostationen spielen deshalb eine wichtige Rolle im Land. Der letzten Statistik zufolge, die aus dem Jahr 2010 stammt, haben nur rund fünf Prozent der Tansanier einen Zugang zum Fernsehen, hingegen hören rund 15 Millionen Tansanier täglich Radio.
Das "Lutheran Radio Centre" gibt es seit 1994, doch auf dem afrikanischen Kontinent hat das Radio eine lange Tradition. Bereits 1962 wurde in Addis Abeba vom Lutherischen Weltbund eine Kurzwellenstation eingerichtet. Damals sendete die Station eine halbe Stunde am Vormittag und eine halbe Stunde am Nachmittag. Später wurde ein weiterer Radiosender in Zwaziland eingerichtet.
In Tansania richtete die lutherischen Kirche in den 1990er Jahren zunächst eine Radiostation in der Hauptstadt Darressalam ein. Dann folgte der Sender in Moshi. Heute sendet die Radiostation ein 24-Stunden-Programm mit Musik- und Wortprogramm.
"Unser Programm will die Menschen in der Region rund um den Kilimandscharo und die Städte von Arusha und Moshi unterstützen", erklärt Pfarrer Emmanuel Kileo. Er leitet den Sender mit rund zwanzig Redakteurinnen und Redakteuren.
"Von unseren Sendungen sind 70 Prozent Hilfsangebote und Ratgeber-Sendungen, die restlichen 30 Prozent widmen sich der Verkündigung des Evangeliums", erklärt Kileo die Programmstruktur. In drei Arbeitsschichten berichten die Redakteure und freie Mitarbeiter aus den Regionen.
Die Ausstattung des Senders ist sichtlich in die Jahre gekommen. Zwar hat die Synode der lutherischen Kirche in Tansania erst kürzlich beschlossen, die Medienarbeit in Tansania verstärken zu wollen. Doch ist von diesem Beschluss nicht viel zu sehen. Der einzige Server ächzt unter der Datenlast, die PCs rumpeln langsam vor sich hin, und das große Studio, in dem früher Musikproduktionen und CD-Aufnahmen gemacht wurden, ist mit seiner altertümlichen Technik wie aus der Zeit gefallen.
Für den gesamten Betrieb stehen dem Sender jährlich rund 900 Millionen tansanische Schilling zur Verfügung. "Wir müssen von diesem Geld Gehälter und Honorare, Sendeplätze, diverse staatliche Lizenzen und Gebühren sowie Strom und Diesel bezahlen", erklärt Pfarrer Kileo. Von der lutherischen Kirche erhält der Sender lediglich 3,5 Millionen tansanische Schilling. "Das Budget stellt uns jedes Jahr vor große Herausforderungen", sagt Kileo. Ein diplomatischer Satz für eine eher desolate Situation.
Das trübt die Laune im Redaktionsraum eher wenig. Diakon Deo Mosha sitzt gerade im Studio und moderiert live seine Sendung. Auf dem Sendeplan steht das Reformationsjubiläum. "Ich erzähle davon, wie Martin Luther sich mit seinem Glauben auseinandergesetzt hat und wie er Kritik an den Kirchen geübt hat ", sagt Mosha. "Luther hat sich dagegen gewehrt, dass Kirchen mit ihren Heilsversprechungen Geld verdienen wollten", fügt der Diakon hinzu. Die lutherische Kirche predige die Freiheit des Einzelnen in Verantwortung vor Gott. Das sei bei Freikirchen und Pfingstkirchen nicht der Fall: Sie hielten gerne die Hand auf und kassierten Geld für ihr Heilsversprechen. Diakon Mosha spricht gerne über seinen Glauben. Deshalb bekommen die Hörer auch die Gelegenheit, in der Sendung anzurufen und mit ihm zu diskutieren.
Später wird Mosha die Tageszeitungen durchblättern und die Schlagzeilen daraus vorlesen, denn eine Nachrichtenredaktion gibt es nicht. Dafür aber zahlreiche Ratgebersendungen. Grace Munro, die gerade in die Redaktion gekommen ist, bereitet gerade die Moderationstexte für ihre Frauensendung vor. Darin möchte sie über Gewalt in der Familie sprechen. "Ich berichte von Frauen und Kindern, die Gewalt erfahren haben, und zeige Wege auf, wie sie sich dagegen wehren können", erzählt Munro. Gerade hat sie mit einem Kind gesprochen, das vom Vater mit einer heißen Eisenpfanne geschlagen wurde. In der nächsten Sendung soll es mal wieder um die Beschneidung von Frauen gehen. "Das ist ein schrecklicher Brauch, der in vielen Familien immer noch üblich ist", sagt Munro. Oft bekommt sie nach ihrer Sendung wütende Anrufe von Männern. "Damit kann ich umgehen", sagt die Redakteurin. "Ich möchte den Frauen und Kindern zeigen, dass sie Rechte haben und sich nicht fürchten müssen", sagt Munro.
Die Radiostation in Moshi hat nur wenige festangestellte Mitarbeiter. Die meisten Journalisten arbeiten freiberuflich und können von dem geringen Honorar nicht leben. Für einen Beitrag werden rund 3000 tansanische Schilling bezahlt, das sind vier Euro. Das reicht nicht für das Leben: Die Miete für eine Zweizimmerwohnung in Moshi kostet rund 300 Euro im Monat, eine einfache Fahrt in einem Kleinbus 50 Cent. Auch deshalb ist es üblich, den Journalisten in Tansania eine Fahrtkostenpauschale zu zahlen, damit sie überhaupt über eine Veranstaltung oder ein Ereignis berichten.
Als Folge davon berichten die meisten Medien hauptsächlich über offizielle Ereignisse oder Unternehmen, während Berichte über Problemfelder oder Konflikte kaum noch Beachtung finden. Auch das lutherische Radio hat Sendungen, die komplett vom Staat finanziert sind. Da finanziert die Steuerbehörde eine Ratgebersendung und das Landwirtschaftsministerium bezahlt Radio-Tipps zum Anbau von Gemüse oder zur Viehzucht.
Über die Zukunft des lutherischen Radiosenders spricht Pfarrer Kileo nur ungern. Zu ungewiss ist die finanzielle Basis – und zu schwierig die wirtschaftliche und politische Lage. Einerseits wurde unter Präsident John Magufuli die Infrastruktur erheblich verbessert.
Die letzte staatliche Erhebung zur Medienlandschaft in Tansania stammt von 2010. In einem überwiegend ländlichen Raum verfügten 80 Prozent aller Bezirke über ein Glasfasernetz. Damit stieg die Zahl der Internetnutzer innerhalb von zwei Jahren von 2,5 Millionen Nutzern in 2008 auf über 4,8 Millionen Nutzer in 2010. Allerdings hatten damals rund 40 Prozent der Menschen überhaupt keinen Zugang zum Internet oder sonstigen Massenmedien.
Das dürfte sich inzwischen geändert haben. Wenn 2010 rund 21 Millionen Menschen in Tansania ein Mobiltelefon nutzten, dürfte die Zahl exponentiell gestiegen sein. Das Land hat einige Entwicklungsstufen übersprungen: Für die meisten Tansanier ist es selbstverständlich, Rechnungen über das Smartphone zu bezahlen und soziale Medien oder Apps zu nutzen. Natürlich gehören auch Radiosender und Fernsehstationen oder Zeitungen dazu.
Auf der anderen Seite wurde im Jahr 2016 unter Präsident John Magufuli ein restriktives Mediengesetz verabschiedet. Die bis dahin unabhängige Medienkontrolle wurde durch eine staatliche Einrichtung ersetzt. Heute müssen sich Journalisten offiziell registrieren und dürfen nur mit staatlicher Akkreditierung arbeiten.
Diese staatliche Kontrolle hat natürlich Auswirkungen, wie die unabhängige Organisation "Freedom House" feststellt: Im September 2016 wurden fünf Medienvertreter verklagt, weil sie kritische Bemerkungen über Magufuli und dessen Medienpolitik geäußert hatten. Dann wurde das in Tansania sehr populäre Whistleblower-Webseite JamiiForums angeklagt, weil sich die Betreiber weigerten, die Daten der Nutzer herauszurücken. Und schließlich wurden zwei Zeitungen, die Mawio und Mseto, verboten, nachdem sie kritische Berichte über die politischen Spannungen in Sansibar und Korruptionsvorwürfe im Umfeld von Präsident Magufuli veröffentlicht hatten.
Zwar ist die Pressefreiheit in der Verfassung verankert, doch garantiert dies nicht mehr eine Freiheit der Presse, resümiert der Bericht von Freedomhouse nüchtern. Die aktuelle Rechtsprechung gebe den Regierungsorganisationen viele Möglichkeiten, die Medienarbeit einzuschränken mit der Begründung, die Berichterstattung gefährde die nationale Sicherheit oder das öffentliche Interesse.