Eine Alpenüberquerung – für viele ein Traum, für manche eine Mutprobe, für alle ein Abenteuer. Doch vor allem ist es ein besonderer Weg, um Gott zu erfahren. Wer sich mit dem Studienzentrum Josefstal auf den Europäischen Fernwanderweg E5 von Oberstdorf nach Meran begibt, erlebt weit mehr als atemberaubende Gipfelpanoramen.
Fast 90 Kilometer, rund 5.500 Höhenmeter und sechs Tage voller Gemeinschaft, Natur und geistlicher Impulse. Es geht um innere Einkehr, um die Frage nach Gott – und darum, was es bedeutet, als zehnköpfige Gruppe unterwegs zu sein. Patrick Wolf, hauptberuflich Referent für Kommunikation in der Wirkstatt evangelisch in der ELKB und ehrenamtlich Vorsitzender des Stiftungsvorstands der Evangelischen Jugend in Bayern (EJB), berichtet von seinen Erfahrungen bei der spirituellen Alpenüberquerung.
1. Tag: Von Oberstdorf zur Kemptner Hütte
Am Bahnhof in Oberstdorf ist frühmorgendliches, geschäftiges Treiben. Zehn Menschen treffen sich, viele sehen sich zum ersten Mal. "Ich heiße Patrick, komme aus Nürnberg und wollte schon immer mal über die Alpen gehen", stelle ich mich der Gruppe vor, die von Daniel Hutmacher, Fortbildungsreferent im Studienzentrum Josefstal, geleitet wird. Eine andere Teilnehmerin ergänzt lachend: "Und ich habe noch nie in einer Hütte geschlafen – mal sehen, wie das wird." Unsere Rucksäcke sind unterschiedlich schwer, das sieht man auf den ersten Blick. Daniel gibt erste Instruktionen und Tipps, dann schultern wir unser Gepäck und starten. Es ist 11 Uhr.
Am Bach entlang kommen wir schnell ins Gespräch. Verschiedener könnten wir kaum sein: Manche sind alte Bergfüchse, andere wagen ihren ersten Aufstieg. Wir sind zwischen 30 und 61 und tragen nicht nur unterschiedliches Gewicht, sondern auch unterschiedliche Erfahrungen mit. Und doch verbindet alle die Lust auf ein gemeinsames Abenteuer in den nächsten sieben Tagen.
In Spielmannsau ist nach zwei Stunden die erste größere Pause, bevor wir zur Marienkapelle die ersten Anstiege laufen. "Schon früher sind Menschen auf Berge gestiegen, um Gott näher zu sein", erklärt uns Daniel an der Kapelle angekommen. Von hier oben sieht man eben alles besser und eine kürzere Verbindung in den Himmel ist es auch, denke ich mir. Nach kurzer Verweildauer dann die erste spirituelle Übung: in den nächsten Minuten schweigend laufen. Eben noch angeregte Gespräche und gegenseitiges Kennenlernen, jetzt nur noch das eigene Atmen und die Stille der Berge. Anfangs fällt es mir schwer – die Gedanken springen zurück zum Schreibtisch, zu Mails, die ich gerade noch im Zug beantwortet habe. Doch dann rauschen Wasserfälle, glitzern Bäche, Regen tropft auf die Steine. Ich frage mich: Wofür will ich offen sein?
Am späten Nachmittag erreichen wir, jeder und jede im eigenen Tempo, unser erstes Zwischenziel: die Kemptner Hütte. Keine Dusche – aber ein Abendessen, das nach dem Aufstieg doppelt so gut schmeckt. Daniel ist zufrieden: "Ihr wart schnell, das wird eine gute Woche." Beim Reflektieren bilden wir "Buddy-Paare" – kleine Tandems, die aufeinander achten sollen. Mein Buddy wird Jens Nielinger, er ist extra von der Insel Rügen angereist und erfüllt sich seinen "Lebenstraum", wie er selbst sagt. Was das bedeutet, werden wir noch intensiver zu spüren bekommen. Aus Fremden wird langsam eine Gemeinschaft.
2. Tag: Von der Kemptner zur Memminger Hütte
7:15 Uhr Abmarsch, feiner Regen, nur wenige Höhenmeter bis zum Grenzstein zwischen Bayern und Tirol. Daniel liest einen Psalm aus dem Pilgerheft, alle blicken auf "ihren" Berg und halten inne, während andere Bergführer mit ihren Gruppen an uns vorbei ziehen. Dann machen wir uns auf den Weg, der Abstieg bei stärker werdendem Regen nach Holzgau fordert die Knie. Im Tal angekommen wärmt die Gulaschsuppe im Gasthof dafür umso mehr.
Den langen Weg durch das Tal überbrücken wir mit einer Busfahrt und steigen dann zur Memminger Hütte auf. 1.000 Höhenmeter, begleitet von Sonne, die plötzlich durchbricht. Oben breitet sich ein Panorama aus, das wie gemalt wirkt: schroffe Wände, weite Grashügel, Gipfel rund um den Seekogel. Wir schlafen im 18-Personen-Matratzenlager – eng, aber irgendwie gemütlich.
3. Tag: Über die Seescharte nach Zams
Wieder 7:15 Uhr, dieses Mal aber eine Andacht direkt zum Start in den Tag. Wir üben zum ersten Mal unser dann tägliches Ritual ein. Ein Morgengebet aus Iona, das im Pilgerheft steht. Dazu gehört auch das Lied "Laudate omnes gentes" und "Vom Aufgang der Sonne". Mein Buddy Jens ist der sangeskräftige, deswegen stimmt er an. Rechzeitig als die Sonne tatsächlich hinterm Berg hervor scheint. Ein Gänsehautmoment. "Viele Wege führen zu Gott, einer geht über die Berge", zitiert Daniel den ehemaligen Innsbrucker Bischof und begeisterten Bergsteiger Reinhold Stecher.
Wir packen zusammen und steigen zur Seescharte auf 2.599 Meter hinauf. Ein Weg, der noch im Schatten liegt. Als wir über die schmale Scharte schreiten, ergreift uns die volle Kraft der Sonne. Plötzlich ist es warm, die Natur zeigt sich von ihrer schönsten Seite – dann beginnt der lange, steile Abstieg. 2.000 Höhenmeter bergab. Nach Stunden im Zickzack schmerzen bei den ersten die Beine. "Noch eine Serpentine?", keucht Jens. "Nur noch zehn", antwortet eine weitere Teilnehmerin und grinst.
Wildpferde tauchen plötzlich auf, Kühe stehen im satten Grün. Wir halten immer wieder an: Wasser trinken, kurze Snack-Pausen und Sonnenschutz nachschmieren. Wir verlieren kostbare Zeit, das Tempo anziehen undenkbar. Wie sollen wir da die Seilbahn zur Skihütte noch erreichen, frage ich mich still. Kurz steht die Überlegung im Raum von Zams im Tal nochmal 400 Höhenmeter aufzusteigen oder mit einem teuren Taxi zu fahren. Nur durch eine Verkettung glücklicher Umstände, erreichen wir noch rechtzeitig den Sessellift, der uns wie geplant zur Unterkunft bringt. War das schon der Heilige Geist? Und dann die Skihütte, die fast wie ein Hotel wirkt: Sonnenterrasse, Käsespätzle, ein Sternenhimmel mit Sternschnuppen.
4. Tag: Von Zams zur Braunschweiger Hütte
Nach einer Nacht im Mehrbettzimmer nur für unsere Gruppe fahren wir mit einem weiteren Sessellift auf den Venet, es wird ein Tag voller Gegensätze: Sonne, Wind, Regen. Als wir auf 2.512 m ankommen, erstrahlt die Gegenwartskapelle in einem bezaubernden Lichtspiel. Die künstlerische Skulptur steht im alpinen Raum, ist von allen Seiten begehbar und bildet mit seinem kleinen Innenraum den perfekten Ort für die wohl berührendste Andacht in diesen Tagen. Der Wind pfeift, als wir kurze Zeit später nach Wenns absteigen. Dort legen wir einen kurzen Verpflegungsstopp beim regionalen Supermarkt ein und fahren mit dem Bus durchs Pitztal, wo der Anstieg zur Braunschweiger Hütte beginnt – 1.800 Höhenmeter.
Die gute Nachricht für einige in der Gruppe: das Gepäck kann mit der Materialseilbahn auf die Hütte transportiert werden. Ich habe dieses Mal extra weniger mitgenommen und gut gepackt, ich spare mir das Geld, bespreche ich mit mir selbst. Der Weg zieht sich, jeder kämpft mit sich selbst. "Ich zähle einfach meine Schritte", erzählt jemand. Mit meinem Buddy Jens komme ich immer wieder ins Gespräch, auch um ihn ein bisschen abzulenken. Ich spüre Bewunderung für sein Durchhaltevermögen, wir bleiben immer wieder stehen, damit alle durchschnaufen können.
Kurz nach 18 Uhr sind wir oben. Dann begrüßt uns Jan nach dem Check-in am Tisch, mit einem Lächeln, das mehr Kraft gibt als jede Suppe. Er habe Spaß am Bedienen und sei nur kurze Zeit auf der Hütte. Das merkt man, denken wir uns alle und genießen das kulinarische Fest: Burger, Salate, Kaiserschmarrn. "Das ist jetzt wirklich himmlisch", sagt jemand – und alle nicken.
5. Tag: Tourenabbruch und Fahrt nach Vent
Der Nebel hängt schwer über den Gipfeln. Es nieselt, man sieht kaum etwas. Nach der geistlichen Stärkung in der Kapelle neben der Hütte laufen wir auf 3.000 Meter hoch und sehen plötzlich eine Bergziege, als der Himmel kurze Zeit aufreißt. Wie bestellt für uns steht sie da. Doch die Sicht verschlechtert sich schnell wieder. Der wohl anstrengendste Abschnitt auf der Tour liegt vor uns, ausgesetzte Gratstellen. Für manche ist der Nebel wahrscheinlich ein Segen. Als Gruppe meistern wir die nächsten Minuten durch Zusammenhalt und gegenseitige Rücksichtnahme, niemand läuft alleine, alle sind füreinander da.
Nachzweieinhalb Stunden kommen wir am Skizirkus Sölden an und beobachten wie große, schwere Geräte trotz des schlechten Wetters über die größzügig ausgebauten und asphaltierten Straßen donnern. Sie transportieren abgebaggerten Schnee vom Gletscher in den Zielbereich der in wenigen Wochen startenden Weltcup-Strecke. Wut und Unverständnis angesichts des sichtbaren Klimawandels machen sich bei uns breit und bestimmen die Gespräche noch ein paar Minuten. In der Bergstation wärmen wir uns auf. Aufgrund der schlechter werdenden Sicht und der Steinschlaggefahr entscheidet Daniel, die Tour für heute abzubrechen. Der Höhenweg über den Gletscher sei nicht begehbar, hören wir von anderen Bergführern. Auch alle anderen gestrandeten Gruppen nehmen den Bus ins Tal. Man spürt: Sicherheit geht vor. "Das ist auch Pilgern", sagt Daniel. "Demut lernen, wenn Pläne nicht aufgehen."
6. Tag: Von Vent zur Similaunhütte
Nach einem Nachmittag Regeneration und einem Candle-Light-Dinner (im Dorf werden einmal im Monat alle elektrischen Lichtquellen abgeschaltet) verlassen wir Vent. Die Luft ist kühl, der Himmel klar. Vor uns liegt der letzte große Anstieg – 1.200 Höhenmeter hinauf zur Similaunhütte. Der Weg führt durch ein breites Hochtal, entlang eines Gletscherbaches. Links und rechts ragen die grauen Wände der Ötztaler Alpen empor. Immer wieder müssen wir anhalten, nicht nur wegen der Steigung, sondern auch, weil die Landschaft uns sprachlos macht. An der Martin-Busch-Hütte legen wir eine Pause ein. "Noch knapp zwei Stunden", sagt Daniel. Manche stöhnen, andere lachen – und alle marschieren weiter.
Je höher wir kommen, desto steiniger wird der Weg. Der Atem wird kürzer, die Gespräche spärlicher. Und doch spüre ich, wie sich die Gemeinschaft trägt. Wenn jemand schwächelt, reicht ein kurzer Blick oder ein motivierendes Wort. Am späten Nachmittag erreichen wir die Similaunhütte auf 3.019 Metern und damit auch Italien. Ein magischer Ort: Nebelschwaden ziehen auf, Schneefelder vom Gletscher liegen noch in der Nähe, und ganz in der Ferne deutet Daniel auf die Stelle, wo einst der "Ötzi" gefunden wurde. "Hier wird Geschichte spürbar", sagt er. Beim Abendessen ist die Stimmung gelöst. Wir wissen: Morgen wartet der letzte Abstieg – und das Ziel Meran.
7. Tag: Von der Similaunhütte nach Meran
Der Morgen beginnt kurz nach dem Sonnenaufgang. Einige aus der Gruppe erkunden die Fundstelle des Mannes von Similaun, wie "Ötzi" offiziell bezeichnet wird. Nach einiger Kraxelei erreichen wir unseren höchsten Punkt auf der Tour, das Denkmal liegt am Tisenjoch auf über 3.200 m. Weil wir aber noch absteigen wollen, laufen wir zügig wieder zur Hütte zurück. Gemeinsam erleben wir unsere letzte Andacht, jeder hat einen kleinen Stein in der Hand. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Gedanken der letzten Tage in den Bergen bleiben soll. Nach und nach legen wir unsere Steine ab, es fühlt sich irgendwie befreiend an. Vorfreude und neue Kraft machen sich breit, obwohl wir am Ende der Reise sind. Dann gehen wir los, ein weiter Blick übers Tal. Vor uns liegt der smaragdgrüne Vernagt-Stausee, noch weit unter uns. Der Abstieg ist steil, die Knie brennen – und doch fühlt sich jeder Schritt leichter an, weil das Ziel so greifbar ist. Und plötzlich taucht der Stausee wirklich auf, glitzernd in der Sonne. Wir setzen uns kurz ins Gras, schweigend, jede:r für sich. Ein Moment voller Dankbarkeit. Nach einer halben Stunde erreichen wir das Ufer. Von dort bringt uns ein Bus die letzten Kilometer nach Meran.
Und dann: Stadtleben. Pasta, Pizza, Gelato – fast surreal nach den Tagen im Hochgebirge. Wir schätzen die warme Dusche in der Jugendherberge, für die man nichts extra zahlen muss und bei der die Zeit nicht abläuft. Jeder hat sein eigenes Bett, die erste Nacht ohne Hüttenschlafsack. Nur die Schuhe bleiben, wie auf den Hütten auch, vor der Türe stehen. Besser so für alle.
Ein Geschenk des Himmels
In der evangelischen Kirchengemeinde von Meran treffen wir Pfarrer Timm Harder, er erzählt uns einiges zur besonderen Arbeit der lutherischen Gemeinde mit rund 400 Mitgliedern. Im Anschluss reflektieren wir ausführlich unsere Erlebnisse und die gemeinsamen Tage. "Die Alpenüberquerung ist eine Chance, und wenn es gelingt, ist es umso schöner", fasst Jens zusammen. Ich nicke und merke, wie es emotional wird. Er hat tatsächlich seinen Lebenstraum realisiert. Was für eine Ehre, dass wir dabei sein durften. Ja, es war anstrengend – aber gut anstrengend. Ein Geschenk des Himmels. Eine Alpenüberquerung ist eben mehr als eine sportliche Leistung. Sie ist Übung im Vertrauen, Training für die Seele und ein Bild für das Leben: bergauf, bergab, manchmal im Nebel, oft im Sonnenschein. Was bleibt, ist Dankbarkeit. Für die Menschen, die mitgingen. Für die Erfahrungen, die tragen. Und für den Gott, der über alle Berge hinweg an unserer Seite war.
Und ihr? Würdet ihr euch trauen, mit leichtem Rucksack und offenen Fragen über die Alpen zu gehen? Die Berge warten.
Auch im Sommer 2026 bietet das Studienzentrum Josefstal wieder eine spirituelle Alpenüberquerung an. Mehr Infos gibt es demnächst hier und im Newsletter.