Stadtbummel durch Berlin. Ich schlendere durch die Straßen und bleibe vor einem Schaufenster stehen. Ein Lederfachgeschäft. Jacken, Gürtel, Taschen, Stiefel. Und dazwischen dieser Rucksack. Schwarzes Leder, hohe Qualität, weich und satt, rote Nähte, rote Träger.
Ich stehe da und schaue lange, ich bin schockverliebt in das Ding. Dann sehe ich aber den Preis – und denk mir: Du hast Rucksäcke, du brauchst jetzt keinen neuen.
Zwei Tage später: wieder dieselbe Straße. Wieder das Schaufenster. Wieder dieser Rucksack. Wieder gehe ich weiter. Die Vernunft siegt.
Das ist jetzt schon ein paar Jahre her, aber dieser Rucksack hat mich nicht losgelassen. Als ich wieder in Berlin war, bin ich natürlich wieder hingegangen. Das Geschäft gibt's noch, den Rucksack aber nicht mehr – aus dem Sortiment genommen, heißt es.
Und dann die große Überraschung: Zu meinem Geburtstag dieses Jahr schenkt mir mein Mann diesen Rucksack.
Über eine Internetsuche hat er noch ein anderes Geschäft gefunden, das genau diesen Rucksack noch im Lager hatte. Da steht er nun in meinem Wohnzimmer.
Ich freu mich so und staune. Zum ersten Mal sehe ich ihn wirklich aus der Nähe, nicht nur durchs Schaufenster – und jetzt ist er meiner. So schön, so chic
Beim In-die-Hand-nehmen merk ich schon: Er ist aus der Nähe doch irgendwie anders, als ich ihn mir vorgestellt hab. Ein bisschen groß. Und ein bisschen unpraktisch eigentlich. Es ist dunkel drinnen. Und es könnten mehr Taschen zum Sortieren da sein. Das ist er nun, mein heiß ersehnter Rucksack. Ideal ist er nicht… Aber ich werde ihn tragen.
Den Rucksack tragen – das ist ein altes Bild für unser Leben. Ich trage meinen Lebensrucksack – da ist auch nicht alles nur schön, ideal, passend … Überhaupt: Wir "tragen" viel in unserem Leben. Wir tragen Last, unser Schicksal, Schuld, Verantwortung. Wir tragen unseren Rucksack. Manches können wir klar sehen und benennen, was an Lasten so da ist:. Abends dasitzen und rechnen, ob das Geld bis Monatsende reicht. Morgens noch vor dem ersten Kaffee zum Handy greifen und spüren: Man ist eh schon wieder zu spät. Zur Mutter ins Pflegeheim fahren und am Rückweg merken, wie müde man ist. Kuchen backen für den Kindergeburtstag, und man hat grad gar keine Lust. Oder: Plötzlich einen alten Satz von früher hören, der einen verletzt hat – und plötzlich ist dieses Ziehen wieder da.
Manches ist sichtbar. Anderes liegt ganz unten im Rucksack, da wo es dunkel ist. Und manches tragen wir unbewusst mit uns rum.
Familiengeschichten, die wir nicht bestellt haben.
Wunden, die andere uns hineingelegt haben.
Ängste, die einfach da sind.
Scham über Dinge, die wir selbst kaum benennen können.
Muster, die wir erst erkennen, wenn wir ganz tief hineingreifen in das Dunkle unsres Lebensrucksacks.
Das Gewicht des Rucksacks spüren wir. Aber den Inhalt kennen wir oft gar nicht so gut…
"Egal wie gebildet, talentiert, reich oder cool du bist – was dich wirklich ausmacht, ist, wie du mit den Schwierigkeiten umgehst, die das Leben dir in den Rucksack legt." Bei "barfuß & wild" habe ich diesen Satz aufgeschnappt. Eine spirituelle Bewegung, der ich über Instagram folge. Und der Satz klingt nach: Was mich wirklich ausmacht, ist, wie ich mit den Schwierigkeiten umgeh im Rucksack meines Lebens.
Manchmal ist der Rucksack des eigenen Lebens so schwer, dass man einfach nicht mehr kann. Man ist erschöpft vom eigenen Leben.
Und ich glaube: Das darf man ehrlich sagen. Und ich habe den Eindruck: In unserer Gesellschaft sind gerade ziemlich viele Menschen ziemlich erschöpft, ziemlich überfordert mit ihrem Rucksack.
Lasten leichter tragen
In der Bibel gibt es eine Stelle, die uns dazu eine neue Perspektive geben kann. Im Matthäusevangelium sagt Jesus:
Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht. (Matth. 11,28-30)
Das Joch tragen… Ehrlich gesagt: Mit dem Bild vom Joch komme ich nicht so leicht in Kontakt. Ich bin kein Landmensch. Ich habe noch nie Ochsen vor einen Pflug gespannt. Und das Bild vom Menschen als Lasttier, als einem, der ein Joch trägt – das finde ich erstmal schwierig.
Tauchen wir ein bisschen ein in die Tiefen des Textes. Ich habe da einiges Interessantes entdeckt.
Jesus spricht hier wie eine der weisen Frauen des Alten Testaments. Kommt her zu mir. Lernt von mir. Findet Ruhe bei mir – das sagen große weise Frauen in der hebräischen Bibel. Jesus spricht wie eine Weisheitslehrerin. Texte von Frauen, die Weisheit lehren, kennt die Bibel und das Judentum zur Zeit Jesu viele. Und berührt von der Weisheit und Spiritualität dieser Frauen spricht auch Jesus: Kommt her. Bei mir findet ihr Ruhe, ihr Menschen, denen der Rucksack zu schwer ist und die mit einer Last kämpfen. Es ist ein fürsorgender Jesus, der hier zu uns spricht.
Und das Joch? Für den Juden Jesus ist das Joch ein vertrautes Bild für die Tora, die fünf Bücher Mose: Wer sie verinnerlicht und mit ihnen lebt, trägt das Joch Gottes.
Und wenn Jesus sagt: "Nehmt mein Joch auf euch" – dann ist das etwas Besonderes. Mein Joch. Das ist das, was ich euch zu tragen gebe. Meine Weisung. Mein Weg. Mein Leben. Jesus tritt hier an die Stelle der Tora, wie er sie auslegt und versteht.
Das ist kein antijüdisches Statement – das wäre ein altes, schlimmes Missverständnis. Jesus kommt nicht, um eine neue, leichtere Religion zu bringen oder um den jüdischen Glauben in den Hintergrund zu rücken. Jesus kommt, um zu erfüllen: den Willen Gottes. Und unser Leben.
Was er uns zu tragen gibt – das sind Bücher. Die Tora. Fünf Bücher der hebräischen Bibel, mit Geschichten vom Leben, vom Gelingen und vom Scheitern. Geschichten, die mit Gott verbinden. Geschichten, an denen man sich reiben kann und so zu sich selbst und auch zu Gott findet. Das Joch von Jesus – das sind heilige Texte der hebräischen Bibel, des Alten Testaments. Und neben den fünf Büchern der Tora auch die Lieder und Gedichte der Bibel, die Jesus am Herzen liegen, die Psalmen und Weisheitssprüche. Diese heiligen Texte zu tragen, sie mit sich zu tragen im Leben, darin zu lesen, auf sie zu hören, sie zu meditieren – das ist die leichte Last. Diese Worte der heiligen Schriften zu ehren, von denen wir glauben: God has spoken to his people. Gott spricht zu uns Menschen. Wir können in diesen Worten die Stimme des Göttlichen hören, wir können sie sprechen, singen und tanzen hören ….
Zum Joch zur Zeit Jesu habe ich noch etwas entdeckt, das mich überrascht hat.
Manchmal wurden absichtlich zwei ungleiche Ochsen unter ein gemeinsames Joch gespannt. Der eine Ochse: alt, erfahren und trainiert über die Jahre. Er kennt den Weg. Er kennt die Last. Er zieht ruhig und sicher.
Der andere: jung, weniger erfahren, aber voller Kraft und Potenzial. Er weiß noch nicht, wie das geht, das Jochtragen. Er stolpert noch. Und genau deshalb teilen sich die beiden das Joch.
Der Ältere führt. Der Jüngere lernt, indem er mitgeht. Er muss sich nicht fragen, was er tun soll. Er spürt es einfach – durch das Joch. Durch den, der neben ihm geht. Der erfahrene Ochse zieht härter. Er trägt den größeren Teil der Last, damit der Jüngere nicht überfordert wird.
Das Bild vom Joch beginnt mich zu berühren. Und ich sehe jetzt, was das Jochtragen besonders macht gegenüber meinem Lebensrucksack.
Den Rucksack muss ich allein tragen, egal wie schwer oder leicht er ist. Er ist so geschnitten, dass nur einer, nur ich ihn tragen kann.
Das Joch verteilt das Gewicht, ich trage es nicht allein. Der Erfahrenere ist neben mir. Er trägt mit, nimmt Rücksicht auf mich, auf meine Schwächen und Stärken – gerade, wenn ich wie ein ziemlich tapsiger wenig erfahrener junger Ochse bin, am liebsten weglaufen würde, weil mir das ganze Lastengetrage einfach zu viel ist. Da ist neben mir einer, der mitträgt … Da höre ich dann Jesus ganz neu sprechen:
Komm mit mir unter das Joch.
Wir tragen es zusammen.
Ich gehe neben dir. Ich trage den größeren Teil…
Du schaffst das, du lernst von mir, wenn wir gemeinsam gehen und tragen ….
Das berührt mich, das gefällt mir, diese sehr alte Form des Lernens. Lernen durch gemeinsames Gehen und Tragen –Nicht: Hier ist das Lehrbuch, und so geht's richtig. Sondern: Lernen durch Gehen und Erfahren. Lernen durch gemeinsames Erleben und Tragen. Jüngerschaft nennt das die Bibel.
Gott, zeig mir den Weg. Und hilf mir, dass ich ihn gehen will. Das ist ein Gebet, das Birgitta von Schweden zugeschrieben wird, einer großen Mystikerin. Und dieses Gebet spiegelt mir: Es reicht nicht, Gott zu bitten, dass er mir einen Weg zeigt. Es braucht auch mein Wollen dazu. Viele Wege in meinem Leben wollte ich erstmal nicht. Das Wollen braucht Zeit und braucht Hilfe, braucht Menschen, die mit mir mittragen. Manche Wege sehen zu schwer aus, überfordern mich erstmal. Daher: Zeig mir, Gott, deine Wege – und hilf mir, dass ich sie gehen will. Auf Schwedisch: Herre visa mig vägen…
Freude am Dasein
Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart. Ja, Vater – denn so hat es dir wohlgefallen. Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.
Diese Worte sind ein Gebet von Jesus, wahrscheinlich hat er sie sogar gesungen. Man nennt den Text auch "Jubelruf". Die Worte stehen direkt vor "Kommt her zu mir alle…" Und beides gehört zusammen: Das Lastentragen und der Jubelruf.
Der Jubelruf ist eine der persönlichsten Selbstaussagen von Jesus. Er sagt: Ich weiß, wer ich bin. Ich weiß, woher ich komme. Ich kenne Gott – von innen.
Was für ein mächtiger Anspruch. Und Jesus trägt ihn eigentlich erstaunlich entspannt vor. Einfach: So ist es. Vater und Sohn kennen sich und lieben sich.
Die persönliche Geschichte, die ein Mensch mit Gott hat – die kann man nicht irgendwo ablegen, kurz beiseitelegen. Sie ist das Eigenste, was man hat. Die ganz tiefe, oft unsichtbare Schicht im Rucksack des eigenen Lebens. In ihr stecken Kraft und auch Verantwortung – und auch die Gefahr, an der eigenen Geschichte vorbeizuleben.
An diesem Jubelruf spricht mich am meisten dieser eine Satz von Jesus an: "Ja, Vater, so hat es dir (wohl)gefallen."
An diesem Satz hänge ich besonders. Ich spür da so viel Freude am Leben und Lust am Lebendigsein. Ich spür einen Jesus, der glücklich ist – und dankbar für sein Leben –, dass es so ist, wie es ist. Ja, Gott, so gefällt dir mein Leben. Und mir gefällt es auch so.
Das Gegenteil von dankbar ist nicht undankbar sein, sondern dass ich alles als selbstverständlich ansehe.
Wenn nicht alles selbstverständlich ist, wird mein Leben durchlässig: für Staunen. Für Berührung. Für das, was größer ist als ich. Jeder Mensch ist dazu bestimmt, das göttliche Geheimnis auf eine ganz persönliche, einzigartige Weise auszudrücken. Und mit Jesus zu beten oder zu singen: Gott, es hat dir gefallen, dass es so ist, wie es ist – dass ich so bin, wie ich bin. Der Liedermacher Hermann van Veen singt mit einem Kind dazu ein quicklebendiges Lied:
Das möchte ich gern von Jesus lernen: glücklich sein, mich an meinem Dasein freuen. Klar, das geht nicht nach Gebrauchsanweisung – das ist ein Lernweg. Aber ein wirklich schöner.
Das Herz christlicher Spiritualität
Und ich glaube: Genau das ist der Kern einer christlichen Spiritualität. Freude ist das Herz des christlichen Glaubens, nicht Pflicht, Moral oder Bekenntnis, auch wenn das irgendwie dazu gehört. Freude ist das Herz der christlichen Spiritualität. Freude am Leben, Freude an Gott und an den Menschen.
Der Theologe Klaas Huizing aus Würzburg nennt das Christentum eine Festreligion – eine, die sich nicht zuerst am richtigen Wort über Gott orientiert, sondern an der Freude. Und die Freude will eingeübt, verkörpert, gelebt werden. Das klingt schön – und ist zugleich herausfordernd. Denn Freude lässt sich nicht erzwingen. Freude setzt etwas voraus: ausgesöhnt sein. Ausgesöhnt mit dem eigenen Leben. Mit dem eigenen Rucksack.
Ausgesöhnt – das ist mehr als entspannt. Ausgesöhnt bedeutet: Da war und ist auch manches, das nicht einfach war oder immer noch nicht einfach ist. Und ich nehme – so gut ich kann – diesen Schmerz als Teil meines Lebens an. Er gehört zu mir und in meinen Rucksack rein.
Unsere Lebensrucksäcke haben wir immer dabei. Und die sollen wir nicht weglächeln oder kleinreden – die sind zum Teil richtig schwer. Uns wird auch nicht versprochen, dass mit dem Glauben alles leichter wird, dass uns jemand den Rucksack abnimmt. Uns wird versprochen, dass wir nicht allein gehen und nicht allein tragen. Dass jemand mitgeht, von dem wir Gutes und Schönes lernen können: Freude am Dasein. Einverstanden sein mit Gott und mit dem eigenen Leben.
Und Jesus sagt noch: Lern von mir, ich bin sanftmütig und demütig. In beiden Worten steckt Mut. Gewiss auch der Mut, gnädig mit sich selbst zu sein. Nicht sofort urteilen, nicht sofort fordern. Einfach schauen: So ist er, dein Lebensrucksack. So bist du, wunderbar von Gott gemacht ….
Mein schwarzroter Rucksack hängt jetzt bei mir zuhause. Ich find ihn schön und trage ihn gerne, auch wenn er nicht perfekt ist. Er ist meiner. I love it. Ich bin glücklich, dass es mein Rucksack ist. Und manchmal braucht man etwas, das einfach nur da ist, weil es schön ist und weil es die Seele lächeln und jubeln lässt.
Wenn ich als Pfarrer einen Gottesdienst feiere, trage ich über meinem weißen oder schwarzen Gewand eine Stola. Das ist dieser Schal in den Farben des Kirchenjahres: zur Zeit Grün, zu Pfingsten Rot, Ostern und Weihnachten Weiß, und Violett und zweimal Rosa in den anderen Zeiten. Manche Kolleginnen und Kollegen haben eine Stola in allen Farben des Regenbogens. Die Freude an Gott kennt viele Farben.
Man deutet die Stola als das leichte Joch Christi, das die Pfarrerin, der Pfarrer sichtbar und stellvertretend für alle um den Hals trägt.
Ich finde das ein wunderschönes Zeichen für Verbundensein. Wenn ich die Stola anlege, tue ich das ganz bewusst. Ich bin nicht allein. Und die Menschen, die mit mir feiern, auch nicht. Christus ist da – mit jedem Menschen, mit dir und mir, ganz persönlich verbunden.