Bevor eine Kirche gebaut werden kann, braucht es eine Gemeinde: Deshalb feiern die Protestanten in Bad Reichenhall am Sonntag (23. Februar) nicht nur einen Kirchengeburtstag, sondern die Gründung der Gemeinde selbst. Vor genau 150 Jahren konnte der damalige Kirchenvorstand – nach grünem Licht aus München – seine Arbeit aufnehmen.
Damit waren die Evangelischen in dem aufstrebenden Kurort ab 1875 selbstständig – bis dahin hatten sie zur 1822 errichteten Mutterkirche Großkarolinenfeld gehört.
Ein Pfarrer und eine Stadtkirche
Einen Pfarrer bekamen die Reichenhaller dann drei Jahre später, im Jahr 1878; das imposante Gotteshaus, das noch heute schlicht Evangelische Stadtkirche heißt, wurde 1881 eingeweiht. "Noch vor dem Pfarrer und der Kirche gab es Menschen, die hier ihren Glauben gelebt und ihm eine feste Form gegeben haben – die Menschen sind für die Gemeinde das Wichtigste", sagt der heutige Reichenhaller Pfarrer, Florian Herrmann. Zum 150. Gemeindegeburtstag gibt es am Sonntag einen Festakt mit Regionalbischof Thomas Prieto Peral.
Für den Aufschwung des evangelischen Lebens in Bad Reichenhall sorgten im 19. Jahrhundert Adelige und Unternehmer: War es 1822 die protestantische bayerische Königin Karoline, die den Siedlern in "Großkaro" zum eigenen Gotteshaus verhalf, so verschaffte der Einfluss ihrer Nach-Nachfolgerin, Königin Marie, den Reichenhallern um 1860 einen würdigen Betsaal im Salinenhaus. Und dass Bad Reichenhall überhaupt zum noblen Kurort wurde, lag an dem Protestanten Ernst Rinck aus Sachsen, der 1846 im alten Schlösschen "Achselmannstein" ein Solebad für das betuchte Publikum eröffnete.
Ein starkes Erbe und eine lebendige Gegenwart
Das reiste wiederum gern aus dem evangelischen Preußen an: 1864 stammten – so notiert es die Festschrift "125 Jahre Stadtkirche" – 27 Prozent der Kurgäste von dort; ein weiteres Viertel kam aus dem lutherischen Franken. Auch der Kurbetrieb selbst war – in Person von Badeärzten, Hoteliers und Kurdirektoren – fest in evangelischer Hand. Die Lobby für eine eigene Gemeinde und Kirche war also vorhanden – und erreichte am 23. Februar 1875 mit der Ernennung zur selbstständigen Gemeinde ihr Ziel.
Der heutigen Gemeinde hat ihre glamouröse Vergangenheit bei den Nachbargemeinden das Klischee "einer alten Dame im Pelz" eingetragen, sagt Pfarrer Florian Herrmann belustigt. Dabei sei sie "erheblich jünger und munterer als ihr Ruf": Der Pavillon neben der Stadtkirche – nach dem Verkauf des Gemeindehauses 2019 der einzige Versammlungsort – sei mit Krabbelgruppen sowie Kinder- und Jugendchorproben, aber auch mit Meditationskreisen oder Seniorengymnastik "sehr ausgelastet".
Ein wichtiger kultureller Ort
Ein Alleinstellungsmerkmal ist seit langem die evangelische Bücherei, die bislang zusammen mit den beiden katholischen Bücherstuben eine öffentliche Stadtbibliothek in Reichenhall ersetzt hat. Künftig wird sie diese Rolle allein stemmen müssen: Die Katholiken beenden ihre Arbeit, wohl aus Kostengründen. "Keine der Büchereien trägt sich selbst", weiß Herrmann. Auch die Protestanten schießen jedes Jahr rund 25.000 Euro zu. Jetzt überlegt die Gemeinde, ob sie die gesamte Bücherarbeit des Orts unter ihrem Dach integrieren kann – und ob dabei eine finanzielle Unterstützung durch die Kommune denkbar wäre.
Es ist nur eines von mehreren "dicken Brettern", die der Kirchenvorstand bohren müsse, so Herrmann. 2026 steht eine große Innenrenovierung der Stadtkirche an: Der abgetretene Sisalboden muss ersetzt werden, die Wände gestrichen, die Beleuchtung modernisiert. Auch der Zukunftsprozess der Landeskirche beschäftigt die Reichenhaller: Mehr Kooperation mit Berchtesgaden bei der Konfirmandenarbeit ist geplant.
In einem Punkt hat sich also seit 150 Jahren nichts geändert: Es gibt viel zu tun für den Kirchenvorstand und die rund 230 Ehrenamtlichen der Gemeinde Bad Reichenhall. "Ohne sie würde alles erheblich trostloser aussehen", sagt der Pfarrer.