27.11.2016
Weihnachts-Astronomie

Der Stern von Bethlehem, die Geschichte eines Wunders

Das wahre Licht - der Stern von Bethlehem: In der Kunst wird er meist als mehrstrahliger Stern mit Kometenschweif dargestellt, der über der Krippe schwebt. Doch der Stern von Bethlehem war ein Planet, den wir auch heute am Nachthimmel erkennen können.
Giotto di Bondone, Anbetung der Könige mit Komet Halley, um 1305, Capella degli Scrovegni (Arena-Kapelle), Padua.
Von 1304 bis 1306 schuf der Maler Giotto di Bondone (1266-1337) in Padua für die Privatkapelle des reichen Bankiers Enrico Scrovegni 38 Fresken mit Szenen aus dem Leben Jesu. Berühmt ist Giottos Abbildung des Halleyschen Kometen in der Anbetung der Heiligen Drei Könige, den der Maler 1301 mit bloßem Auge am Himmel sah. Tatsächlich war um die Zeit von Christi Geburt im Heiligen Land aber kein Komet, sondern eine auffällige Konstellation von Saturn und Jupiter am Nachthimmel zu sehen.

Wollen Sie mal den Stern von Bethlehem sehen? Nicht den an einer der vielen Krippen, auch nicht den auf einem der vielen Gemälde, die es von der Geburt Christi gibt. Sondern den echten Stern, der damals aller Wahrscheinlichkeit nach den Weisen aus dem Morgenland den Weg gezeigt hat? Das ist möglich, schon in den nächsten Tagen. Nötig sind nur zwei Dinge: zum einen ein klarer Sternenhimmel, keine Wolken. Zum anderen: Sie müssen früh aufstehen.

Wenn Sie nächste Woche, im Dezember 2016, gegen sechs Uhr aus dem Haus gehen und es klar ist, dann schauen Sie nach Südosten. Dort erblicken Sie einen sehr hellen Stern, den hellsten, der zu dieser Zeit am Himmel steht. Sein Licht ist ruhig, seine Farbe weißlich. Manche sagen: wie Milchkaffee mit viel Milch. Das ist Jupiter, der größte Planet des Sonnensystems, einige Hundert Millionen Kilometer von der Erde entfernt. Rund 168 Mal hat er seit den Tagen von Christi Geburt unser Zentralgestirn, die Sonne, umkreist. Es sind also 168 Jupiterjahre vergangen, seit er für uns eine besondere Rolle gespielt hat: Er war der "Stern von Bethlehem".

Zu Zeiten, da die Kirche das gesamte Geistesleben, die Wissenschaft und Kultur in Europa prägte, machte man sich wenig Gedanken über diesen Stern. Doch in der anbrechenden Neuzeit, als Kopernikus und Galilei das alte Weltbild mit der Erde im Mittelpunkt zertrümmerten, begann man ihn mit anderen Augen zu betrachten. Der Erste war Johannes Kepler. Von 1601 an arbeitete er als Hofastronom bei König Rudolf II. von Böhmen in Prag. Im Dezember 1603 beobachtete Kepler die Annäherung zweier Planeten. Jupiter, der größte Planet und oft (falls nicht die Venus am Himmel steht) der hellste Stern am Firmament, rückte mit Saturn im Sternbild der Fische zusammen.

Der Astronom erinnerte sich an einen Bericht des Rabbiners Abrabanel, der andeutete, jüdische Astrologen hätten dieser Konstellation eine besondere Rolle zugeschrieben. Der Messias werde bei einer Konjunktion von Jupiter und Saturn im Sternbild der Fische erscheinen. Kepler rechnete nach, ob zur Zeit der Geburt Christi eine solche Begegnung stattgefunden haben könnte.

 

Mehr zur Faszination Stern lesen Sie in unserem THEMA-Magazin "Der Weihnachtsstern".

Himmelssphäre - Holzstich von Camille Flammarion, 1888 (nachträglich koloriert).
Die Welt hinter der Welt: Dieser mittelalterlich anmutende Holzstich erschien erstmals 1888 als Illustration in einem populärwissenschaftlichen Buch des französischen Autors und Astronomen Camille Flammarion (1842-1925). Der von Flammarion entweder gefundene, in Auftrag gegebene oder selbst angefertigte Stich zeigt einen Menschen, der am Horizont als dem Rand seiner Welt mit den Schultern in der Himmelssphäre steckt und dahinter Befindliches erblickt. Das Bild wurde im 20. Jahrhundert häufig für die authentische Darstellung eines mittelalterlichen Weltbildes gehalten und oft reproduziert.

Und es gab sie: Im Jahre 7 vor Christi Geburt traf Jupiter dreimal mit Saturn zusammen, und zwar im Sternbild der Fische. Doch weil Kepler seine Beobachtung mit mystischen Überlegungen vermengte, wurde die These zurückgewiesen und geriet in Vergessenheit.

Zu Unrecht, wie es den Anschein hat. Der österreichische Astronom Konradin Ferrari d'Occhieppo, lange Zeit Vorstand des Instituts für Theoretische Astronomie in Wien und 2007 gestorben, kombinierte ausgehend von Keplers These wissenschaftliche Überlegungen mit dem Bericht des Evangelisten Matthäus. Sein Ergebnis lautete: Der Stern von Bethlehem existiert heute noch. Es ist Jupiter.

Aber wie kommt man bei der Suche nach dem echten Stern von Bethlehem ausgerechnet auf Planeten, die zwar hell sind, aber doch keine außergewöhnlich bizarren Himmelskörper, wie etwa Kometen oder die Supernovae von explodierenden Sonnen?

D'Occhieppo nahm den Text des Matthäus wörtlich. Darin ist die Rede davon, dass "Weise" aus dem Osten - man kann auch "Magier" übersetzen - zu König Herodes kamen und nach einem neugeborenen König fragten. Ihre Begründung: "Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland." (Matthäus 2, 2)

Nachthimmel mit Sternen, Milchstraße und Teleskop
Seit Jahrtausenden betrachten die Menschen aller Kulturen den nächtlichen Himmel: Sie erkannten den Zusammenhang der Gestirne mit dem Jahreskreislauf, der mit Säen und Ernten ihr Leben bestimmte. Wer die Geheimnisse des Himmels enträtseln konnte, war Herr über das Leben.

Das ist keine exakte Übersetzung Luthers, genau müsste es heißen: "Wir haben seinen Stern in der Morgendämmerung aufgehen sehen." Herodes scheint von diesem Stern keine Ahnung zu haben, denn er befragt die merkwürdigen Besucher heimlich, "wann der Stern erschienen wäre". Das hätte er nicht fragen müssen, wenn dieser Stern auch über Jerusalem unübersehbar gewesen wäre, etwa als Supernova oder Komet.

Man kann daraus schließen: Die Magier sprachen von einer sich laufend verändernden Himmelsstellung. Das trifft auf eine Planetenkonjunktion zu. Im Übrigen existieren für die fragliche Zeit um Jesu Geburt von keiner alten Hochkultur Zeugnisse von Kometen oder Supernovae - weder Griechen noch Chinesen haben dergleichen aufgezeichnet.

Was ist das Besondere an Jupiter, Saturn und den Fischen? D'Occhieppo glaubte, dass die "Magier" aus Babylon kamen. Dort pflegte man Astronomie, die Sternkunde, und Astrologie, die Lehre vom Einfluss der Sterne auf das Weltgeschehen, auf einem für die damalige Zeit hohen Niveau. Jedem hellen Stern wurde eine bestimmte Bedeutung zugesprochen. Jupiter regierte als Königsstern, Symbol für den Herrscher. Saturn, der schwächer leuchtende, blassgelbe Planet mit dem schönen Ring (von dessen Existenz man damals natürlich noch keine Ahnung hatte), galt als Stern des Volks Israel. Und das Sternbild der Fische repräsentierte in diesem kosmischen Riesenspiel das Land Kanaan.

Irgendwann im Frühsommer des Jahres 7 vor Christus müssen babylonische Himmelsspäher fasziniert gen Süden gestarrt und gesehen haben, wie der Königsstern den Stern Israels in dessen ureigenem "Haus" Kanaan aufsuchte. Sie waren gute Rechner, sie hatten auf Tontäfelchen die Bewegungen erfasst, und so wussten sie, dass sie Zeugen einer extrem seltenen Konstellation waren, die sich in den folgenden Monaten noch zweimal wiederholen sollte. Und so treffen wir diese Männer aus Babylon im Herbst in Jerusalem wieder, wo der misstrauische König Herodes ihnen, der alten Vision des Propheten Micha gemäß, den Hinweis gibt, sie könnten ja mal in Bethlehem nachschauen.

Nachthimmel mit den Plejaden.
Sterne in der Bibel: Die Plejaden kommen als »Siebengestirn« im Hiobbuch vor.

Mithilfe der modernen Physik lassen sich der Anblick des Abendhimmels und die Bewegungen auch nach 2000 Jahren noch genau rekonstruieren. D'Occhieppo kam zu dem Ergebnis, dass die Magier um den 12. oder 13. November des Jahres 7 vor Christus abends gegen 18 Uhr von Jerusalem nach Süden zogen. "Und siehe, der Stern, den sie im Morgenland gesehen hatten, ging vor ihnen hin, bis dass er kam und stand oben über, wo das Kindlein war ...". (Matthäus 2,7)

"Ging vor ihnen her" und "stand" - das widerspricht dem astronomischen Normalfall. Der wäre, dass Sterne sich, wie tagsüber die Sonne, über den Himmel hinwegbewegen.

Berechnungen ergeben aber, dass Jupiter an diesem Tag, nahe bei Saturn, tatsächlich eine scheinbar nur geringe Eigenbewegung vollführte, während sich die Sterne über ihm hinwegdrehten. Dazu kam noch ein Phänomen, das wir an unserem - durch das Licht der Städte erhellten - mitteleuropäischen Himmel kaum noch sehen können: das Zodiakallicht. Die Sonne beleuchtet nicht nur die sie umkreisenden Planeten, sondern auch die staub-artige Materie dazwischen.

Man kann diesen Staub in einer bestimmten Ebene sehen, wenn der Himmel sehr klar und dunkel ist. Das ist heute nur noch im Gebirge oder in wenig industrialisierten Ländern der Fall sein. Dieses Zodiakallicht schimmerte am 12. November 7 vor Christus über Bethlehem, in Form eines schwachen, zarten Lichtkegels, der von Jupiter auszugehen und auf das Dörfchen zu weisen schien.

»Die Heilige Nacht« von Albrecht Altdorfer, entstanden 1511, Gemäldegalerie Berlin.
Der Stern über der Krippe, ganz ohne Schweif: »Die Heilige Nacht« von Albrecht Altdorfer, entstanden 1511, Gemäldegalerie Berlin.

So könnte es gewesen sein, meinte Konradin Ferrari d'Occhieppo. So muss es nicht gewesen sein, sagen Skeptiker. Natürlich kann heute keiner mehr nachweisen, ob zu den (unbezweifelbaren) astronomischen Fakten auch die andere Geschichte passt, von der Matthäus knapp und Lukas dann in der bekannten Ausführlichkeit berichtet. Doch, so ist es gewesen, werden aber viele sagen, die glauben, dass damals, vor 2023 Jahren, Gott Mensch geworden ist.

Der Geschichte mit dem Stern haftet etwas wenig Göttliches, etwas religiös Unkonventionelles an. Denn die, die da kamen, waren ja Sternkundige und Sterngläubige - Leute, vor deren Einflüssen der Prophet Jesaja im Alten Testament eindrücklich warnt. Astrologen an der Krippe des Erlösers?

Es hieße, zu gering von Gott denken, wenn man ihm ein Handeln nur in menschlich verständlichen Bahnen - in religiös korrekter Form gewissermaßen - zutraut. Auch der, der da in der Krippe lag, hat später die Außenseiter, die Andersartigen selbstverständlich miteinbezogen. Und so konnte Gott womöglich den Sternglauben und das Himmelswissen der Babylonier nutzen, um sie dorthin zu führen, wo dann "das wahrhaftige Licht" (Johannes 1, 9) erschienen ist. Und wurden nicht in Bethlehem auch Grenzen überschritten? Die Weisen kamen aus dem Partherreich in das Römische Reich. Beide Imperien waren verfeindet. Der Stern aber ist für Menschen im Osten wie im Westen erschienen - wie auch das Kind, auf das er hinweist.

Wenn Sie in diesen Tagen den hellen Jupiter sehen, dann sind Sie nicht allein: Jeder auf der ganzen Erde kann sich an seinem Glanz erfreuen. Und so gilt auch die Botschaft des wahren Sterns und wahren Lichts jedem Menschen.

Dieser Artikel ist erschienen im Sonntagsblatt THEMA-Magazin "Der Weihnachtsstern - Geschichten von Himmel und Erde".
Lesen Sie mehr darüber, warum uns Menschen Sterne seit jeher faszinieren. Woher kommt die große Sehnsucht nach den funkelnden Himmelskörpern? An Weihnachten rückt ein Stern, der für uns Christen ein besonderes Symbol ist, in den Mittelpunkt: der Stern von Bethlehem. Er steht strahlend im Zentrum unseres besonderen THEMA-Weihnachtshefts und ist der Ausgangspunkt für leuchtende Sternengeschichten von Himmel und Erde. Hier können Sie das THEMA-Magazin bestellen.

 
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