Die gute Nachricht: Die Orion-Kapsel mit dem Namen "Integrity" ist im Pazifik gelandet. Die vier NASA-Astronaut:innen sind wohlbehalten zurückgekehrt. Sie waren vom US-Weltraumbahnhof Cape Canaveral in Florida abgehoben und dann um den Mond geflogen. Sie haben Fotos mitgebracht. Atemberaubende Fotos, heißt es. Vom Mond.
Die schlechte Nachricht: Ein einziger Start der SLS-Rakete kostet schätzungsweise vier Milliarden US-Dollar. Das Gesamtprogramm Artemis hat inzwischen mehr als 90 Milliarden verdaut, Deutschland steuert enthusiastische fünf Milliarden Euro bei. Dafür, wohlgemerkt, was die Fachleute selbst als "zweite Generalprobe" bezeichnen.
Artemis 2: Erkenntnisgewinn fragwürdig
Was die Crew von Artemis 2 an wissenschaftlichem Erkenntnisgewinn mitgebracht hat: Daten, die sich für künftige Missionen zum Mond oder Mars verwenden lassen.
Die konkreten offenen Fragen – etwa nach Wasservorkommen in Mondkratern – bleiben jedoch unbeantwortet und werden "künftigen Missionen vorbehalten sein”. In der Sprache der Raumfahrtbehörden ist es ungefähr das, was anderswo als Vermerk "nichts Neues" heißen würde. Auch werden die Sternbeobachtungen der Crew, wie die "Tagesschau" einräumt, keine großen Erkenntnisse über die Entstehung des Universums liefern.
Es ließe sich einwenden: Aber der Symbolwert! Erstmals eine Frau, erstmals ein schwarzer Astronaut, erstmals ein Nicht-US-Amerikaner im Mondraum. Das ist sicherlich keine schlechte Nachricht. Aber vier Milliarden Dollar pro Start sind eine sehr teure Art, Repräsentation zu betreiben, zumal, wenn sie gleichzeitig auf der Erde den meisten weiterhin verweigert wird.
"Entdeckergeist" und Muskelspiele von Großmächten
Ein weiteres beliebtes Argument für die maßlos überteuerten Ausflüge ist, dass der menschliche "Entdeckergeist" nun einmal so sei. Naturgesetz. Conditio humana. Der Mensch will immer weiter, immer höher, immer weiter weg. Das klingt so lange überzeugend, wie man nicht zu genau nachfragt, wann dieser angebliche Geist als universelle Konstante der Menschheit entdeckt wurde und was er damals angerichtet hat.
Kolumbus segelte 1492 nach Indien und erreichte Amerika. Was folgte, waren keine Abenteuer, sondern die Auslöschung sehr vieler Zivilisationen, Sprachen und Menschen. Der sogenannte Entdeckergeist ist kein Naturzustand, sondern ein Narrativ, das vor rund 550 Jahren geprägt und seitdem gepflegt wurde – vor allem von jenen, die vom "Entdecken", das eigentlich Erobern und Aneignen meint, profitierten.
Erobern und Aneignen wiederum passt sehr gut zu den eigentlichen Motiven der Mission, die niemand so recht anspricht: Es geht darum, vor China auf dem Mond zu sein. Es ist der Wettlauf der Großmächte, diesmal nicht USA gegen Sowjetunion, sondern USA gegen China. Wir erinnern uns: US-Präsident Kennedy schickte Menschen zum Mond, um den Kommunismus zu besiegen. Artemis 2 folgt derselben Logik – geopolitisches Muskelspiel, verkleidet als Wissenschaft.
Erde wirkt "zerbrechlich" – Konsequenzen: keine
All das könnte ich vielleicht sogar in Kauf nehmen, wenn sich die Erde gerade in einem Zustand befände, der einen derart realitätsfernen Eskapismus rechtfertigen würde. Sie ist es aber nicht. Endlose Kriege, humanitäre Krisen, denen die Menschheit achselzuckend den Rücken kehrt, und gestrichene Klimabudgets sind die Kulisse, vor der die Orion-Kapsel im Pazifik aufschlägt.
Raumfahrer berichten seit Mitte des 20. Jahrhunderts regelmäßig davon, wie zerbrechlich die Erde von oben wirke. Ein schönes Bild. Es blieb eines.
Denn auch, wenn viele das nicht so gerne hören und genervt abwinken: Oxfam schätzt, dass 30 Milliarden Dollar jährlich ausreichen würden, um den Welthunger zu stoppen. Das entspräche, grob gerechnet, dem Gegenwert von siebeneinhalb Raketenstarts. Man entschied sich für die Raketen.
Science Fiction macht es besser
Ich gebe es gerne zu: Auch mich fasziniert das Thema Raumfahrt, insbesondere die philosophischen Fragen, die sich aus seinen Implikationen ergeben (Raum und Zeit und solche Dinge). Daher ein Vorschlag zur Güte: Film und Literatur liefern eine weit schönere und letztlich viel gewinnbringendere Vision davon. Stanley Kubrick, Octavia E. Butler, Andy Weir oder Margaret Atwood – sie alle haben den Weltraum erkundet, präziser, billiger und mit weit mehr Erkenntnisgewinn als jede bemannte Mission.
Denn Science Fiction ist nicht nur Eskapismus und ein wenig Abenteuerromantik. Und schon gar nicht ist sie ein fleißiges, aber letztlich uninspiriertes Sammeln von Daten, aus denen am Ende wenig greifbare und konkrete Erkenntnisse folgen.
Vor dem Hintergrund von Reisen in weit entfernte Galaxien und Sternensysteme lassen sich vielmehr die wirklich großen Fragen nach der menschlichen Existenz stellen, nach Realität, nach Wahrheit, nach Gott. Es können auch Verhaltensmuster wie Rassismus und Sexismus gespiegelt werden – etwa an Aliens – und das sogar zu einem relativ günstigen Preis: Ein durchschnittliches Taschenbuch kostet etwa 12 Euro.