27.11.2016
US-Wahlen

Leben in Ungewissheit

Noch fehlen die Details, aber die Angst ist groß: Im Wahlkampf drohte Donald Trump, er werde Migranten ohne Papiere abschieben. Jeder, der illegal eingereist sei, könne deportiert werden, verkündete er. Nach seiner Wahl ist nun das Leben für die rund elf Millionen Menschen ohne Aufenthaltsgenehmigung in den USA deutlich ungewisser geworden.
José Gomez, katholischer Erzbischof von Los Angeles, steht einer großteils aus Latinos bestehenden Gemeinde vor. Das Foto von 2011 zeigt ihn in der Kathedrale Our Lady of the Angels.
Die Angst geht um: José Gomez, katholischer Erzbischof von Los Angeles, steht einer großteils aus Latinos bestehenden Gemeinde vor. Das Foto von 2011 zeigt ihn in der Kathedrale Our Lady of the Angels.

Im Fernsehsender CBS sagte der designierte Präsident, er konzentriere sich erst einmal auf Menschen »mit einer kriminellen Vergangenheit, Mitglieder von Gangs, Drogendealer«. Davon gebe es »vermutlich zwei Millionen, es könnten sogar drei Millionen sein«.

Doch diese Zahlen lassen sich nicht belegen. Das »Migration Policy Institute«, eine Denkfabrik zu Migrationsfragen, kam aufgrund von Regierungsdaten zur Schätzung, dass etwa 820.000 der Einwohner ohne Papiere vorbestraft sind, 300.000 davon wegen schwerer Straftaten. Nach Regierungsangaben sind unter Obama von 2009 bis 2015 zweieinhalb Millionen Menschen abgeschoben worden.

In vielen Kirchen stößt Trumps Abschiebungsvorhaben auf scharfe Kritik. Der Verband der römisch-katholischen Bischöfe wählte jüngst Erzbischof José Gomez zum Vizepräsidenten, einen Einwanderer aus Mexiko. In seiner Diözese Los Angeles machen Latinos 70 Prozent der Gläubigen aus. Laut dem katholischen Portal cruxnow.com sagte Gomez, Kinder hätten Angst seit den Wahlen. »Sie denken, die Regierung werde kommen und ihre Eltern deportieren.«

Viele Kommunen stellen sich quer bei den Deportationen. Rund 350 Landkreise und Städte, darunter New York, Miami, Los Angeles, Chicago und Washington, verstehen sich als »Sanctuary« - also als Zufluchtsorte. Dort leistet die Polizei der Einwanderungsbehörde nur begrenzt Amtshilfe. Die örtlichen Behörden prüfen nicht einmal die Staatsangehörigkeit festgenommener Personen. Er werde an dieser Praxis festhalten, sagte der Polizeichef von Los Angeles in der Los Angeles Times. Die Bürgermeister von Chicago, New York und Washington haben Ähnliches signalisiert. Trump drohte, er werde diesen Städten Finanzhilfen streichen.

Bei Trumps hartem Kurs ließe sich auch Geld verdienen. Der Aktienkurs von CoreCivic, dem größten Privatgefängnisunternehmen in den USA, schoss nach Trumps Wahlsieg in die Höhe.

Andere Industriesparten sind hingegen besorgt. Papierlose Einwanderer arbeiten in der Landwirtschaft, auf dem Bau und im Hotel- und Gastgewerbe. Die Landwirtschaft brauche Niedriglohnarbeiter, schrieb das Fachmagazin Modern Farmer. Es sei eine »große Ironie«, dass die ländlichen Gebieten überwältigend für Trump gestimmt hätten. Vielleicht nähmen Menschen dort an, Trump werde seine Versprechen nicht wahr machen.

 

Was denken Sie? Schreiben Sie unserem USA-Korrespondenten Konrad Ege: sonntagsblatt@epv.de

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