Die Welt ist aus den Fugen geraten. Russland führt einen Angriffskrieg in Europa, Israel und Gaza versinken in Gewalt, in Afrika breiten sich neue Konflikte aus. Gleichzeitig bedrohen Desinformation, Cyberangriffe und der Klimawandel die Stabilität ganzer Gesellschaften. Inmitten dieser globalen Verwerfungen legt der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) eine neue Friedensdenkschrift vor: "Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick. Evangelische Friedensethik angesichts neuer Herausforderungen".

Sie ist die erste große Stellungnahme seit der grundlegenden Denkschrift von 2007 – und sie trägt den Stempel einer neuen Zeit. Während damals noch das Vertrauen in die internationale Rechtsordnung und zivile Konfliktbearbeitung leitend war, herrscht heute ein anderer Realismus. Die Denkschrift wagt die Balance zwischen dem biblischen Ideal des Gewaltverzichts und der realpolitischen Einsicht, dass Gewalt in einer unerlösten Welt manchmal eingedämmt werden muss – notfalls auch mit Gegengewalt. Zwischen Pazifismus und Realpolitik sucht die Kirche einen dritten Weg – und benennt dabei Spannungen, die kaum auflösbar scheinen.

Das Papier ist in einem längeren Prozess entstanden, der 2023 begann. Auslöser war ein Beschluss der Synode 2022 in Magdeburg: Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine sollte die Friedensdenkschrift der EKD aus dem Jahr 2007 überprüft werden – jenes Grundlagendokument, das bisher die friedensethische Haltung der evangelischen Kirche prägte. Der Krieg hatte in der Kirche intensive Diskussionen ausgelöst, etwa über die Frage, ob Waffenlieferungen an die Ukraine mit christlicher Friedensethik vereinbar sind.

Friedenswerkstatt diskutiert neue Friedensethik

In einer "Friedenswerkstatt", die vom EKD-Friedensbeauftragten Friedrich Kramer geleitet wurde, fanden in ganz Deutschland Diskussionsveranstaltungen zu einer neuen Friedensethik statt. Parallel dazu arbeitete ein Redaktionsteam unter dem Vorsitz des Münchner Theologieprofessors Reiner Anselm an dem Text der neuen Denkschrift, die nun vom Rat der EKD verabschiedet wurde.

Im Zentrum steht das Leitbild des "Gerechten Friedens", das die EKD bereits in ihrer Denkschrift von 2007 ("Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen") entfaltet hatte. Damals galt das Konzept als Meilenstein: Der Friede wurde nicht mehr nur als Zustand verstanden, sondern als Prozess – als "abnehmende Gewalt und zunehmende Gerechtigkeit".

Nun, fast zwei Jahrzehnte später, wird dieses Leitbild korrigiert. Die neuen Kriege, hybriden Konfliktformen und ökologischen Krisen haben gezeigt, dass Frieden ohne Sicherheit nicht zu haben ist.

Der Schutz vor Gewalt – das ist die zentrale Verschiebung der neuen Denkschrift – steht nun am Anfang des Nachdenkens über den Frieden. Nur wer geschützt ist, kann frei leben, soziale Ungleichheit abbauen und Pluralität gestalten. Gewaltfreiheit bleibt das Ziel, doch sie allein genügt nicht mehr.

Vom Pazifismus zur Verantwortungsethik

Die Denkschrift nimmt damit Abschied von einem naiven Pazifismus, ohne ihn zu verwerfen. "Als universale politische Ethik lässt sich der Pazifismus des kategorischen Gewaltverzichts ethisch nicht legitimieren", heißt es. In der Konsequenz drücken sich die Autoren nicht um die drängenden Fragen der aktuellen Politik herum: Darf man Waffen liefern, um einen Aggressor zu stoppen? Die Antwort fällt differenziert aus: Es gibt keine generelle Pflicht zur Nothilfe durch Waffen, aber auch kein generelles Verbot. Jede Entscheidung muss abgewogen werden – nach den Kriterien von Gewaltminimierung und Verhältnismäßigkeit.

Diese Haltung ist weder pazifistisch noch kriegstreiberisch, sondern wird verantwortungsethisch begründet. Sie erinnert an Dietrich Bonhoeffer, der in der Spannung zwischen Schuld und Verantwortung dachte: Wer handelt und dabei Gewalt anwendet, kann schuldig werden – aber Nichtstun kann ebenso Schuld bedeuten.

Rechtserhaltende Gewalt – die schwierige Mitte

In der theologischen Sprache der Denkschrift heißt das: "rechtserhaltende Gewalt" bleibt als ultima ratio, als letztes Mittel erlaubt. Gewalt darf nie Mittel der Politik sein, aber sie kann im äußersten Fall notwendig werden, um Unrecht zu stoppen oder das Recht zu bewahren.

Damit grenzt sich die EKD bewusst sowohl vom absoluten Gewaltverzicht ab als auch von einer Ethik, die militärische Gewalt als reguläres Instrument staatlicher Ordnung begreift. Frieden braucht Recht, und Recht braucht – im Notfall – den Schutz des Gewaltmonopols.

Die Denkschrift spricht offen aus, was lange unausgesprochen blieb: Es wird in dieser Welt immer Akteure geben, "die auf das Recht des Stärkeren setzen und nicht auf die Stärke des Rechts". Darauf müssen sich Kirche und Gesellschaft einstellen – ohne das Ziel der Überwindung von Gewalt aus den Augen zu verlieren.

Die Denkschrift übt an diesem Punkt deutliche Kritik an der friedensethischen Kundgebung der EKD-Synode von 2019, die zwar globale ökonomische Verteilungsfragen, die Klimakrise und innergesellschaftliche Herausforderungen im Blick hatte, jedoch die "Grenzen ziviler Konfliktbearbeitung und die Notwendigkeit einer Ethik der rechtserhaltenden Gewalt abgeblendet wurden.

Vier Dimensionen des Gerechten Friedens – neu gefasst

Die EKD erneuert auch das theologische Fundament ihres friedensethischen Leitbilds: Der Gerechte Friede ruht auf vier Dimensionen:

  1. Schutz vor Gewalt,
  2. Förderung von Freiheit,
  3. Abbau von Ungleichheiten,
  4. friedensfördernder Umgang mit Pluralität.

Gerade die letzten beiden Dimensionen sind neu akzentuiert. Statt vom "Abbau von Not" spricht die Denkschrift nun vom "Abbau von Ungleichheiten". Das ist mehr als Barmherzigkeit – es ist ein Gerechtigkeitsauftrag, der die strukturellen Ursachen von Armut und Gewalt in den Blick nimmt – mit dem Ziel des biblischen shalom, also eines ganzheitlichen Wohlergehens aller.

Die "Anerkennung kultureller Vielfalt" (so die Formulierung der Denkschrift von 2007) wird in dieser Denkschrift als "friedensfördernder Umgang mit Pluralität" neu gefasst. Nun wird festgehalten, dass Pluralität friedensgefährdend sein kann, nämlich wenn Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen demokratische Grundordnungen untergraben, ausgrenzen oder feindliche Weltbilder stärken. Dann wird Pluralität zum Risiko für eine liberale Gesellschaft. Nicht jede Form der Vielfalt dient also dem Frieden. Ohne konkret zu werden, kann man sich denken, was gemeint ist: Rechtsradikalismus und Islamismus untergraben die Demokratie.

Sicherheit neu denken

Besonders markant ist die Neubestimmung des Sicherheitsbegriffs. "Hybride Kriegsführung, digitale Desinformation und Cyber-Operationen fordern ein breites Verständnis von Sicherheit", heißt es. Sicherheitspolitik darf deshalb "niemals ausschließlich auf militärische Stärke setzen". Aber sie darf sich auch nicht vor der Notwendigkeit militärischer Abschreckung verschließen. Die EKD erkennt an, dass Deutschland und Europa in einer "sich verschiebenden geopolitischen Tektonik" leben – mit einem Amerika, das nicht mehr selbstverständlich die Hauptlast des Schutzes trägt.

Friedenstüchtigkeit wird zum Leitbegriff: Er meint die Fähigkeit, Frieden zu gestalten, zu verteidigen und langfristig zu sichern. Unverständlich ist, warum ohne Not der Begriff "kriegstüchtig" wieder aus der Schublade geholt wird. Verteidigungsminister Boris Pistorius hatte ihn nach harter Kritik zurückgenommen und sich auf das Wort "verteidigungsbereit" besonnen. Die Denkschrift verknüpft nun den "Vorrang der Friedenstüchtigkeit" mit der "Notwendigkeit der Verteidigungsfähigkeit" und sieht dabei "Kriegstüchtigkeit" als eine erläuternde Bestimmung von "Verteidigungsfähigkeit".

Atomwaffen, Wehrpflicht, Soldatsein

In den klassischen Themenfeldern "Atomwaffen, Wehrpflicht, Soldatsein" zeigt sich, wie stark die Denkschrift zwischen Tradition und Gegenwart vermitteln will.

  • Atomwaffen gelten weiterhin als ethisch nicht legitimierbar. Ihr Einsatz wäre ein "Ökozid" und ein Bruch mit dem Geist des Gerechten Friedens. Und doch erkennt die Denkschrift an: Der Besitz kann sicherheitspolitisch notwendig erscheinen. Ein Dilemma, das nicht aufzulösen ist – "Egal, welche Option sie wählen, die Verantwortlichen laden Schuld auf sich."
  • Wehrpflicht und allgemeine Dienstpflicht werden nicht ausgeschlossen, aber nachrangig bewertet. Eine "Rechtspflicht" sei nur zu rechtfertigen, wenn Freiwilligkeit versagt. Priorität habe der Ausbau des Freiwilligendienstes – militärisch wie zivil. Damit liegt die Denkschrift wie in vielen anderen Fragen auf der Linie der aktuellen Bundesregierung.
  • Christinnen und Christen als Soldatinnen und Soldaten: Hier formuliert die Denkschrift eine bemerkenswerte Neubewertung. Der Dienst an der Waffe könne dem Gerechten Frieden dienen, wenn er "rechtserhaltend, rechtserzwingend und rechtsermöglichend" ausgeübt wird. Der pauschale Vorrang des Dienstes ohne Waffe – wie ihn frühere EKD-Texte betonten – gilt so nicht mehr. Die vielzitierte Formulierung aus einer Denkschrift der 60er-Jahre, der zivile Friedensdienst sei "das deutlichere Zeichen" ist damit erledigt.

Klimagerechtigkeit als Friedensfrage

Neu ist auch, wie stark die Denkschrift ökologische Fragen mit Friedensethik verknüpft. Kriege zerstören nicht nur Menschenleben, sondern auch Lebensgrundlagen. Viele Konflikte entzünden sich an Ressourcen – Wasser, Rohstoffe, Energie.

Darum erklärt die EKD nun Klimagerechtigkeit zum integralen Bestandteil der Friedenspolitik. Wer für den Erhalt der Schöpfung kämpft, arbeitet zugleich am Frieden. Umgekehrt gilt: Ohne Klimaschutz gibt es keine nachhaltige Sicherheit.

Hoffnung als letztes Wort

Die neue Friedensdenkschrift ist kein revolutionäres Manifest, sondern ein entschiedener Schritt in Richtung Realpolitik. In vielen Punkten wirkt sie deshalb anschlussfähig an die Sicherheitspolitik der aktuellen Bundesregierung. Pazifistische Traditionen werden weiterhin erwähnt, aber eingeordnet und minimiert. Sie fordert die Kirche heraus, sich in einer Zeit der Unsicherheit neu zu positionieren – nicht als moralische Instanz über der Politik, sondern als kritische Begleiterin, die den Frieden Gottes gegen die Gewalt der Welt ins Spiel bringt.

Brisant wird der Text dort, wo er den Vorrang der Gewaltfreiheit mit der Notwendigkeit der Verteidigungsfähigkeit verknüpft – eine Spannung, die in der evangelischen Friedensethik lange tabu war.

Der Grundton der Denkschrift ist mit dem Begriff der Demut am besten umschrieben. Sie weiß, dass jede sicherheitspolitische Entscheidung ins Dilemma, also in die Zwickmühle führt – und dass Schuld unausweichlich ist. Die zehnte These umklammert dabei den gesamten Inhalt: "Die Kirche spricht von Hoffnung." Diese Hoffnung ist kein naives Vertrauen, sondern Ausdruck eines Glaubens, der das Böse sieht und ihm dennoch nicht das letzte Wort lässt.

Mit "Welt in Unordnung" verabschiedet sich die EKD von der Illusion einer friedlichen Weltordnung, die durch guten Willen gesichert werden könne. Sie blickt der Gewalt ins Auge – und hält doch fest am Ziel der Überwindung von Gewalt.

Das ist kein Rückfall in den Militarismus, sondern eine Rückkehr zur theologischen Nüchternheit. So ist die Denkschrift eine Zumutung. Sie fordert dazu auf, sich der Realität zustellen. Denn der Gerechte Friede, so erinnert sie, ist kein Zustand, sondern ein Weg: ein Prozess abnehmender Gewalt und zunehmender Gerechtigkeit im Sinne des biblischen shalom.

Hier die gesamte Friedensdenkschrift lesen

Und hier in gedruckter Form bestellen