7.02.2009
DDR

Am 9. Oktober 1989 demonstrierten rund 70.000 Bürger der DDR gegen das SED-Regime - ein wichtiges Ereignis auf dem Weg zu Mauerfall und Wiedervereinigug. Pfarrer Christian Führer ist einer der Initiatoren der Montagsdemonstrationen gewesen. Seine Erinnerungen an den 9. Oktober 1989.
Pfarrer Christian Führer

Wenn in diesem Jubiläumsjahr der Wende gedacht wird, fällt einem zuallererst - als der Tag der Erinnerung - der 9. November 1989 ein. Aber tatsächlich ist dieses Datum lediglich das Ergebnis, die Frucht der friedlichen deutschen Revolution. Für viele Bürger in der ehemaligen DDR aber war der 9. Oktober der entscheidende Tag. Damals sind in Leipzig 70.000 Menschen auf die Straße gegangen, um gegen das SED-Regime zu demonstrieren. Pfarrer Christian Führer von der Leipziger Nikolai-Kirche, einer der Initiatoren der Montagsdemonstrationen, erinnert sich

  Wann haben Sie 1989 zum ersten Mal gespürt, dass sich in der DDR etwas ändert?

Christian Führer: Wir haben von der Friedensdekade 1981 an - die ich in der Nikolaikirche sozusagen sesshaft gemacht habe - über den Beginn der Friedensgebete, die seit dem 20. September 1982 außerhalb der Friedensdekade jeden Montag stattfanden, bis 1989 einen langen Weg zurückgelegt. Seit 1986 waren wir zunehmend damit befasst, wie wir den Menschen, die Hilfe brauchten, helfen konnten. Da waren einerseits die Ausreisewilligen, andererseits gab es die berechtigten Forderungen der Basisgruppenleute. Die Frage war, wie wir den einen helfen können und mit den Forderungen der anderen umgehen sollen, und das Ganze wurde immer bedrohlicher und gewaltsamer. Vom 8. Mai 1989 an (das war am Tag nach der DDR-Kommunalwahl), als unabhängige Bürgergruppen die Stimmenauszählung in den Wahllokalen überwachen, überführen die SED der Fälschung der Kommunalwahl-Ergebnisse: wurden die Zufahrtsstraßen zur Nikolaikirche durch die Polizei abgesperrt, im Herbst kam es dann zu regelmäßigen Zuführungen, so nannten sie die Verhaftungen. Wir wurden selbst auch einbestellt ins Gefängnis, Pfarrer Christoph Wonneberger und ich, vor den Bezirksstaatsanwalt; und der 7. Oktober, der letzte DDR-Feiertag, der war derart bedrohlich, mit Hunderten Verhaftungen vor der Nikolaikirche: Sie wurden alle raustransportiert und in die Pferdeställe der AGRA im Süden der Stadt.

  Und zwei Tage später kam es dann zur größten Montagsdemonstration!?

Christian Führer: Dann kam also dieser 9. Oktober, dieser Tag der Entscheidung, als die Stadt wie im Bürgerkrieg war. Ich hatte am 2. Oktober gebeten, dass die anderen Kirchen auch Friedensgebete halten, damit so viele Menschen wie möglich unter den Schutz der Kirche kommen und Jesu Botschaft von der Gewaltlosigkeit hören und aufnehmen können. Wir haben auf diese Weise ungefähr 8000 Leute hineingekriegt in die Innenstadtkirchen. An diesem unvergesslichen Tag liefen die Menschen los, hin- und hergerissen zwischen Angst und Hoffnung und zugleich mit der Kraft der Hoffnung und dem Mut, die sie sich aus den Kirchen geholt hatten, und mit einer Restangst, die natürlich immer da war. Als dieser Zug dann abends wieder am Gewandhaus ankam, ohne dass geschossen worden war, da gab es nur ein Gefühl: eine ungeheure Erleichterung, dass die chinesische Lösung nicht eingetreten war. Ich erinnere mich: Als wir nach dem Friedensgebet aus der Kirche heraustraten, kam zum ersten Mal das Gefühl auf, dass die DDR heute Abend nicht mehr dieselbe ist, die sie am frühen Morgen gewesen war. Wir wussten zwar noch nicht, wie viele Tausende es waren, wir haben ja erst später erfahren, dass es 70000 waren, also die größte Demonstration, die es freiwillig am Anfang einer Bewegung in der DDR gegeben hat. Aber dass es viele Tausende waren, das konnte man deutlich sehen, ohne eine genaue Zahl zu kennen. Das war ein Vorgang, den es so in der DDR noch nicht gegeben hatte, dass der Wille derer, die aus den Kirchen kamen, der Wille der Demonstranten, der Wille des Volkes sich sozusagen gegenüber der Staatsmacht durchsetzte. Jesus nennt das die Macht der Ohnmächtigen: "Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

  In der DDR war der Alltag politisch. Deshalb suchten sich viele Menschen unpolitische Nischen. Im Jahr 1989 änderte sich das. Wann verließen Sie Ihre Nische?

Christian Führer: Ich hatte überhaupt nie eine Nische. Ich stand als Pfarrer immer auch in der Auseinandersetzung mit dem Staat. Die Nikolaikirche war keine Nische. Sie war ein riesiger öffentlicher Raum, offen für alle. Ich erinnere mich daran, dass ich in dem kleinen Ort, in dem wir vorher waren, in Lastau und Colditz, schon oft in Predigten deutlich geworden bin. Am Sonntag, dem 7. Oktober 1979, dem 30. Jahrestag der DDR, habe ich den Predigttext getauscht, ich habe Jesaja 7 Vers 9 genommen: "Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht" und darüber gepredigt. Das gab einen Riesenrummel und Rumoren. Zehn Jahre und zwei Tage später wurde daraus: "Sie glaubten nicht und sie blieben nicht." Wir sind immer offensiv gewesen, wir haben geradezu das Sammelbecken gebildet für die kritischen Leute, für die kritischen Jugendlichen, die bei uns alles aussprechen konnten und ausgesprochen haben. Sie sind aus ihrer privaten Nische gekommen, und in der Kirche fanden sie den einzigen öffentlichen Freiraum, den es in der DDR gab.

 

  Auszug aus: Jan Schönfelder (Herausgeber): Das Wunder der Friedlichen Revolution. Prominente Stimmen zum Herbst 1989. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2009, 216 Seiten, 14,80 Euro. ISBN 978-3-374-02669-2.

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