18.12.2017
Orgelmusik

Er ist ein Musikverrückter und ewig Suchender. Jetzt hat der evangelische Kirchenmusikdirektor Raimund Schächer aus Treuchtlingen einen Musik-Schatz gehoben: das Orgelbuch des Eichstätter Klosters St. Walburg aus dem 17. Jahrhundert. Geht es nach ihm, verschwindet es nicht wieder im Archiv.
Orgel Noten

Wer wissen will, wie sich vor 300 Jahren die Messe in einer katholischen Kirche angehört hat und wer des Notenspielens mächtig ist, der wird Ohren machen, wenn er die teils kurzen und leichten, teils aber mit schwindelerregenden 32stel durchsetzten Stücke anspielt, die Schächer auf rund 60 Seiten zusammengestellt hat. Lange schlummerten diese Töne ungespielt im Archiv.

Das originale Orgelbuch gehörte der Nonne Maria Anna Barbara Schmaus (1653-1730). Sie trat 1670 in die Benediktinerinnen-Abtei St. Walburg zu Eichstätt ein und war dort von 1705 bis 1730 Äbtissin. »Schwester Anna Barbara war Besitzerin, wahrscheinlich aber nicht Schreiberin des Orgelbuchs. Über die Autoren der Stücke lässt sich nur spekulieren«, erklärt Schächer.

Fest steht aber: Der 136 Blätter umfassende Codex mit 182 Orgelstücken diente dem liturgischen Gebrauch bei den Gottesdiensten im Kloster St. Walburg. Orgelmessen, Vespern (Psalmen, Responsorien), Hymnen, Magnificat, Toccaten, Canzonen, Intonationen oder Praeambula sind nach liturgischen Gesichtspunkten angeordnet. Um ihn für moderne Spieleraugen nachvollziehbar machen zu können, musste Schächer die im Discant auf sechs und im Bass auf sieben Notenlinien handschriftlich aufgezeichneten Stücke erst einmal in die moderne Notensprache übersetzen.

Für den Profi aber eine Herzensangelegenheit: »Seit 25 Jahren forsche ich nach ungehobenen Schätzen vornehmlich der Tastenmusik des 16. bis 18. Jahrhunderts in Bibliotheken, und es macht mir einfach Freude, Neues zu entdecken und auch selbst am Instrument zu spielen«, sagt der Dekanatskantor für den Dekanatsbezirk Pappenheim.

 

Raimund Schächer bei der Notenübergabe
Raimund Schächer bei der Notenübergabe des Orgelbuchs im Kloster St. Walburg in Eichstätt mit der Äbtissin Franziska Kloos (rechts) und der Archivarin des Klosters St.Walburg, Maria Magdalena Zunker.

Kaum neue Funde mehr möglich

Und alte Orgelmusik neu zu entdecken, das sei gar nicht so einfach. »Das meiste an Tastenmusik des 15. bis 18. Jahrhunderts liegt in Neuausgaben gedruckt vor. Dennoch gibt es eine Reihe unveröffentlichter, hauptsächlich handschriftlich überlieferter Musik für Tasteninstrumente wie Orgel, Cembalo oder Pianoforte«, berichtet der Musik-Schatzsucher. Sein Werk sei kein Fall für reine Historiker: »Die Stücke sind überwiegend gut spielbar und nicht zu umfangreich, auch wenn einige technisch anspruchsvolle Toccaten dabei sind«, so Schächer.

Bei der Arbeit seien auch Überraschungen aufgetaucht: zum einen die unterschiedliche Qualität der Stücke von sehr anspruchsvoll bis mittelmäßig, aber auch Ähnlichkeiten zu den wenigen Orgelsücken des Eichstätter Hoforganisten Bartholomäus Weissthoma (1639-1721), der bei einigen anonym überlieferten Stücken mitgewirkt haben könnte.

Die Übertragung der 34 Orgelstücke auf 64 Seiten des Orgelbuches St. Walburg habe mehrere Wochen gedauert, danach wurde es im Cornetto-Verlag gesetzt. Um es fertigzustellen, zogen dann noch zehn Monate ins Land.

Aufatmen nach dieser Mordsarbeit? »Es hat Spaß gemacht. Und ich suche mir schon wieder das nächste Projekt«, lacht Schächer. Geplant sei überdies eine CD mit elf Stücken des Orgelbuchs, gespielt von Markus Eberhardt (Passau) an der historischen Crapp-Orgel von 1712 in der ehemaligen Klosterkirche zu Pappenheim. Wer die Stücke also nicht im Gottesdienst hören kann, hat doch noch eine Gelegenheit.

 

ShareFacebookTwitterGoogle+Share

Weitere Artikel zum Thema:

Sonntagsblatt