25.06.2012
Reisen

Rastplatz für die Seele: Die Autobahnkapelle in Leutkirch

Ob Lkw-Fahrer oder eine Familie auf dem Weg in den Urlaub: Autobahnkirchen laden Reisende zum Innehalten und Krafttanken ein - so wie die Gallus-Kapelle in Leutkirch im Allgäu an der A96 von Memmingen nach Lindau. Eine Pause am Rastplatz "Winterberg" zwischen der Abfahrt Leutkirch-Süd und Kißlegg.
Gallus-Kapelle bei Leutkirch
Als Autobahnkirche ist die Gallus-Kapelle bei Leutkirch für viele Reisende ein Ort der Besinnung.

Jan Krizak atmet tief ein und wischt sich den Schweiß aus der Stirn. Der Tscheche hat sein Auto im Tal abgestellt, direkt an der Autobahn, und einen Spaziergang auf den Winterberg gemacht. In drei Tagen fährt Krizak 3.000 Kilometer, von Prag in die Schweiz und zurück, um Swimmingpools zu reparieren. Hier, im kühlen Schatten der Gallus-Kapelle, kann er einige Augenblicke ausruhen von den Strapazen der Fahrt und neue Kraft sammeln.

Der müde Tscheche ist kein Missionar wie der irische Wandermönch Gallus, der dem Gotteshaus bei Leutkirch im Allgäu seinen Namen gab. Er ist ein moderner Wanderarbeiter, der froh ist über eine Pause und dankbar für einen Moment der Erholung für Leib und Seele.

Dossier

Urlaub: Auszeit für die Seele

Urlaub - das bedeutet Entpannung und Erholung. In Bayern gibt es viele kirchliche Angebote für Reisende. Sie möchten einen Berggottesdienst besuchen, haben auf einer Fahrradtour eine Radwegekirche entdeckt oder suchen nach einer guten Pilgerroute? Erfahren Sie mehr in unserem Themenspecial "Kirche & Tourismus".

Autobahn zeigt Kostbarkeit des Lebens

So wie Krizak nutzen jeden Tag viele Pendler, Pilger und Reisende die Kapelle auf dem Winterberg als Ort der Besinnung, genießen die Ruhe und den Ausblick. Es ist eine Insel der Stille im Dauerrauschen der Mobilität. Je nach Zählung gibt es zwischen 26 und 39 Autobahnkirchen in Deutschland, in denen Reisende ein Gebet sprechen, eine Kerze anzünden oder einfach ausruhen können. Am vergangenen Sonntag (24. Juni) fand der bundesweite "Aktionstag der Autobahnkirchen" statt, an dem zeitgleich in allen deutschen Autobahnkirchen ökumenische Andachten gehalten und die Fahrzeuge gesegnet wurden.

Der Theologe Gereon Vogler hat untersucht, was Menschen in Autobahnkirchen bewegt. Sie spürten auf der Autobahn "die Fragilität des Lebens", sagt er. Dieses Gefühl des Bedroht- und Abhängigseins könnten sie in Autobahnkapellen mit Gott in Verbindung bringen. Dabei helfe die Anonymität: "Für Leute kann es ganz angenehm sein, nicht angequatscht zu werden."

Krizak muss schon wieder los, er hat noch viele Hundert Kilometer vor sich. Eine junge Familie kommt den Berg herauf. Die zwei Kinder spielen draußen, während die Eltern die Bilder in der Kapelle betrachten. Zwischen den Kunstwerken eröffnen Fenster auf Augenhöhe Ausblicke auf die Natur.

Altarraum der Galluskapelle an der Autbahn 96
Die Galluspkapelle an der Autobahn zwischen Memmingen und Lindau von Innen.

Gottesdienste für Autofahrer unnötig

Das Gotteshaus ist rund angelegt – ähnlich frühchristlichen Kirchen, die häufig an Reisewegen gebaut waren. Acht Säulen tragen ein sternförmiges Holzdach, das über dem Fundament leicht zu schweben scheint. Das signalisiert Offenheit. So sollen Begegnungen zwischen Besuchern verschiedener christlicher Konfessionen und anderer Religionen angeregt werden.

Mehr als die Hälfte der Besucher von Autobahnkapellen sind auch sonst regelmäßige Kirchgänger. Aber auch Kirchendistanzierte machen dort immer wieder Halt. Etwa 40 Prozent der Gäste gehen nur gelegentlich in ein Gotteshaus. "Für die ist es interessant, weil es ein niedrigschwelliger religiöser Ort ist", so Vogler. Deshalb besteht meist gar kein Bedarf an Gottesdiensten. Ein Versuch, in der Kapelle Waldlaubersheim im Hunsrück regelmäßig Gottesdienste zu feiern, scheiterte. "Die Leute wollen nicht einen weiteren Termin. Beim Autofahren stehen sie schon genug unter Druck."

Lese-Tipp

Urlauber-Magazin: »Grüß Gott«

Magazin Grüß GottDas Urlaubermagazin für die bayerische Landeskirche: "Grüss Gott" - jetzt lesen und kostenlos bestellen.

 

 

 

 

Gästebuch mit Reise-Gebeten

Auf einem Pult in der Gallus-Kapelle liegt ein dickes Buch, das viele Geschichten zu erzählen hat. Es ist bereits das 19. Gästebuch seit der Eröffnung vor zwölf Jahren. Mehr als 150.000 Menschen haben Schätzungen zufolge bereits den Weg auf den Winterberg gefunden. Viele von ihnen tragen eine Last auf den Berg, die hier oben ein wenig leichter wird.

"Menschen werden auf der Autobahn weichgekocht", sagt Vogler. "Da kommt ganz viel hoch." Manches davon findet seinen Weg in das Gästebuch, das voller kurzer und langer Gedanken und Gebete ist, voller Trauer und Glück, voller Bitten und Dankbarkeit. Schutz und Bewahrung auf der Reise, Hilfe bei Prüfungen, Segen für Beziehungen – es gibt nichts, das die Menschen nicht auf Papier und zu Gott bringen. Und dann weiterfahren - in alle Himmelsrichtungen.

 

Informationen: Die Gallus-Kapelle

Die Galluskapelle in Leutkirch im Allgäu an der A96 zwischen Memmingen und Lindau auf etwa halber Strecke. Sie ist im Sommer täglich von 8 bis 20 Uhr geöffnet. Im Winter bleibt sie bei schlechtem Wetter geschlossen. Die Kapelle ist barrierefrei und aus beiden Fahrtrichtungen zu erreichen. Mehr Infos finden Sie hier.

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema: