26.03.2019
Katholika

Reformbewegung "Wir sind Kirche" will sich neu ausrichten

Sie wollen eine mehr als 2.000 Jahre alte, weltweite Organisation ändern: Seit 1995 setzen sich Christen in der Kirchen-Volksbewegung "Wir sind Kirche" für eine Erneuerung der katholischen Kirche ein. Vom 29. bis 31. März treffen sich rund 60 Anhänger in Würzburg in der unterfränkischen Jugendbildungsstätte zur Bundesversammlung. "Wir sind Kirche - wie weiter?" lautet das Motto. Einer der sechs Bundessprecher ist der Theologe Magnus Lux (75) aus Schonungen bei Schweinfurt.
Magnus Lux
Magnus Lux aus Schonungen ist einer von sechs Bundessprechern der katholischen Bewegung „Wir sind Kirche“.

 Aktiv katholisch zu sein, hat seit Gründung Ihrer Bewegung stark an Normalität verloren. Immer weniger Menschen gehen in die Kirche. Immer weniger Männer lassen sich zum Priester weihen. Die Austrittszahlen steigen. Was bedeutet das für Ihre Reformgruppe?

Magnus Lux: Nicht nur die Kirche muss sich ändern, auch wir als Bewegung müssen das. Warum, wird klar, wenn wir an die Anfänge zurückdenken. Zu Beginn unserer Bewegung 1995 unterschrieben über 1,8 Millionen Menschen in Deutschland das damalige Kirchen-Volksbegehren. Soeben verfassten neun Katholikinnen und Katholiken einen offenen Brief an Kardinal Marx, in dem sie "mutige Reformen" verlangen. Der Brief hätte von uns sein können, darin steht, was wir seit 24 Jahren fordern. Das Schreiben wird aber nur noch von 5.000 Menschen unterstützt. Daran ist abzulesen, in welchem Maß das Interesse an Kirche geschwunden ist.

Was hat denn Ihr fast 25-jähriger Protest gegen den Pflichtzölibat, das Nein der Kirche zur Frauenordination und die katholische Sexualmoral bewirkt?

Lux: Von unseren Forderungen wurde keine einzige erfüllt. Von daher sieht es tatsächlich so aus, als wäre unser Protest ins Leere gelaufen. Aber das stimmt nicht. Denn das Bewusstsein der Menschen hat sich geändert. Mehr als zwei Drittel derjenigen, die sich zur katholischen Kirche zugehörig fühlen, äußern sich der Kirche gegenüber inzwischen kritisch. Zu beobachten ist auch, dass das, was wir fordern, von immer mehr Menschen immer dringlicher gefordert wird. Ich denke, dies ist durchaus ein Verdienst unserer 24-jährigen Arbeit.

Sie treffen sich unter dem Motto "Wir sind Kirche - wie weiter?" in Würzburg zu einer Art Bestandsaufnahme. Worauf zielen Sie genau ab?

Lux: Wir haben im Bundesteam einen strategischen Plan entworfen, den wir in Würzburg vorstellen werden. Wir möchten uns nicht länger an den Betonköpfen, die sich Bischöfe nennen, abarbeiten. Denn das hat, wie erwähnt, nichts gebracht. Nur etwa eine Handvoll Bischöfe arbeiten in Richtung Reform. Dazu gehören zum Beispiel die neuen Bischöfe von Hildesheim und Mainz. Doch sie werden von einer massiven reaktionären Klientel ausgebremst. Nachdem also die Mehrzahl der Bischöfe die Kirche sehenden Auges an die Wand fahren lässt, werden wir uns künftig verstärkt an die Gemeinden wenden und versuchen, sie dazu zu bringen, sich selbst zu ermächtigen.

"Wir sind Kirche" will "Zukunftswerkstatt" sein

In Würzburg wird letztlich über die Qualität Ihrer Arbeit diskutiert. "Wir sind Kirche" will kein "Reparaturbetrieb" sein, sondern eine "Zukunftswerkstatt". Wo zwischen diesen beiden Polen sehen Sie denn ihre Bewegung aktuell?

Lux: Wir haben lange versucht, Reparaturbetrieb zu sein, aber das hat nichts gebracht. Mit unserer neuen Idee, die Gemeinden stärker in den Blick zu nehmen, wollen und werden wir davon wegkommen und vermehrt Zukunftswerkstatt werden. Allerdings wird der neue Ansatz aufgrund der Überalterung in den Gemeinden ein schwieriges Unterfangen. Selbstkritisch müssen wir sagen: Das hätten wir schon vor 20 Jahren machen sollen. Denn damals gab es noch sehr viel mehr engagierte Gemeindemitglieder.

Ist Ihr Engagement bei "Wir sind Kirche" im Augenblick eher Lust oder Last?

Lux: Ich mache das nach wie vor gern. Mut machen mir die vielen Menschen, die sagen: Würde es euch als "Wir sind Kirche" nicht geben, wäre ich längst ausgetreten. Außerdem: Würden wir aufgeben, hätten die Reaktionären gesiegt. Das möchte ich nicht.

Hätten Sie nicht viel mehr Ruhe im Leben, wenn Sie einfach die Konfession wechseln?

Lux: Die katholische Kirche ist meine Familie, die evangelische meine Verwandtschaft. Man wechselt nicht ohne weiteres die Familie - selbst dann nicht, wenn es kracht. Für mich kommt nicht in Frage, zu konvertieren. Wobei wir uns von Anfang an als "Wir sind Kirche" für Ökumene engagiert haben.

Nehmen wir an, der prinzipielle Kurs der katholischen Kirche würde sich auch in den nächsten fünf Jahren nicht ändern. Würden Sie dann immer noch versuchen, als Mitglied von "Wir sind Kirche" dagegen anzukämpfen?

Lux: Ich fürchte, dass wir auch in fünf Jahren immer noch den Pflichtzölibat und nach wie vor keine Priesterinnen haben werden. Dennoch würde ich mich weiter engagieren. Denn "Kirche" ist nicht der Bischof und "Kirche" ist nicht der Pfarrer. Gemeinden müssen nicht auf den Bischof hören, wenn das, was ein Bischof sagt, nicht der Kirche dient. Gemeinden müssen dazu übergehen, das zu tun, was sie für richtig halten. Diesen Gedanken zu verbreiten, dafür werde ich mich weiter einsetzen.

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