Ehrlich gesagt sitze ich am liebsten in leeren Kirchen. Ganz allein.

Ja, ich weiß. Dieser Einstieg ist eine Steilvorlage für den Kalauer, dass ich dann ja in der Kirche der Zukunft bestens aufgehoben bin. Denn die Kirche der Zukunft wird mit Sicherheit eine leere Kirche sein – jedenfalls, was die Volkskirche nördlich der Alpen anbelangt.

Zwiesprache in der Leere

Aber auch dann, wenn die Kirchen aus allen Nähten platzen sollten, wenn es also kein Problem mit dahindümpelnden Gottesdienstbesuchszahlen gäbe, würde ich mich hin und wieder in eine leere Kirche zurückziehen wollen. Ganz einfach deshalb, weil Kirchen für mich auch Orte der Zwiesprache mit Gott sind und weil für eine solche Zwiesprache – wie der Name schon sagt – zwei reichen. Ich finde es daher schlimm, wenn Kirchen zugesperrt sind und mein Wunsch, einen Fluchtpunkt für meine Gebete zu finden, auf verschlossene Türen trifft. Mir ist klar, dass es gute, diebstahl- und vandalismuspräventive Gründe gibt, viele Kirchen nicht rund um die Uhr zu öffnen. Das ändert allerdings nichts an der Tatsache, dass geschlossene Kirchen aus meiner Sicht ihre Daseinsberechtigung verwirken. Kirchen haben offen zu sein. Koste es, was es wolle. Wenn erst einmal Wirtshäuser oder Clubs aus ihnen geworden sind, kann man sie meinetwegen zur Sperrstunde verriegeln. Vorher aber nicht. Punkt.

Zwiesprache mit Gott also. Als evangelischer Christ weiß ich natürlich, dass es eigentlich keine Kirchen braucht, um zu beten. Aber wenn es Kirchen für irgendetwas braucht, dann dafür. Das Dumme an dieser Zwiesprache mit Gott ist allerdings, dass mich währenddessen nicht selten das beklemmende Gefühl überfällt, als Betender in einer leeren Kirche wirklich allein zu sein. Nicht nur allein mit mir mir und meinem Gott, sondern allein ohne Gott, der sich weder hören noch blicken lässt und mich um so erbarmungsloser auf meine Einsamkeit unter dem Kirchendach und unter dem leeren Himmel zurückwirft. In einer menschenleeren Kirche zu sitzen und dabei vom Eindruck der Gottesleere überwältigt zu werden, ist das Aller­schlimmste. Die atheistische Erfahrung schlechthin. Obwohl ich ja gerne übertreibe, übertreibe ich an dieser Stelle nicht. Es ist wirklich furchtbar, in einem Gotteshaus nach Gott zu rufen und keine Antwort zu bekommen. Besonders furchtbar ist es in katholischen Barockkirchen, die vor Heiligen nur so überquellen. Mir scheint, als habe der Heilige Gott gerade dort keine Chance, zu den Menschen durchzudringen. Ich habe es mehrmals ausprobiert, stets verzweifelt Reißaus genommen und immer wieder die Flucht aus dem Barock und dem Rokoko in die Gotik und in die Romanik ergriffen. Dort hat wenigstens die Leere Raum. Und mir scheint, diese Leere könnte Gott angenehmer sein als das architektonische oder das menschlich-allzumenschliche Getümmel und Gewühl.

Der Soziologe Niklas Luhmann hat einmal süffisant bemerkt: "Gott antwortet nicht. Aber das merkt keiner." Oder es interessiert keinen. Vielleicht nicht einmal die Christen, die sich ja doch eigentlich als Kinder Gottes und Kirche als den Ort der Gemeinschaft mit Gott verstehen. Manchen von ihnen fehlt offenbar nichts, wenn Gott fehlt. Mir schon. Ich merke es und leide wie ein Hund darunter, dass er nicht antwortet, der ersehnte Gott. Und wenn ich es merke oder zu merken glaube, erscheint mir die Umtriebigkeit, mit der wir oft die Kirchen zu füllen versuchen, um sie mit neuem Leben und neuer Attraktivität zu erfüllen, als lächerliche, einem großen horror vacui entspringende und doch nur heiße Luft ventilierende, nichts ausrichtende Ersatzhandlung. Meine Mutter pflegte immer dann, wenn ich verzweifelt etwas haben wollte, was sie mir verwehrte, in blumigem Fränkisch zu mir zu sagen: "Du kannst dich auf den Kopf stellen und mit dem Hintern Fliegen fangen. Du wirst es nicht bekommen." Irgendwie erinnert mich die verzweifelt sich stets von Neuem erfinden wollende Kirche ein bisschen an diese Redewendung meiner Mutter. Auch die agilste und akrobatischste Kirche und gerade sie droht eher zum Selbstdarstellungszirkus, zur peinlichen Veranstaltung und zur Luft­nummer zu werden, als dass Gott sich in ihr niederlassen würde. Vielleicht verscheucht die Luft, die diese Kirche umwälzt und produziert, Gottes Geist sogar.

Bizarrerweise wurde in der Sommerhitze dieses Jahres die auf den ersten Blick ja ziemlich cool anmutende Idee geboren, kühle Kirchenräume als CO2-neutrale klimatisierte Zonen für heiße Sommertage wiederzuentdecken. Vielleicht ist es aber ja auch nur heiße Luft, auf kalte Luft zu setzen und damit an den Hundstagen den sprichwörtlichen Hund hinter dem Ofen hervor und in die Kirche locken zu wollen. Würde der große Theologe Karl Barth noch leben, würde er womöglich fragen, was er vor ziemlich genau einhundert Jahren fragte: "Bedeutet das Alles etwa mehr, als wenn man einen Kranken zur Abwechslung von der einen auf die andere Seite legt?"

Kirche als Patientin

Und es ist nun einmal so: Ich fühle mich krank und ich fühle, wie krank die Welt und wie krank die Kirche ist, wenn ich in einer leeren Kirche sitze und das Wunder nicht geschieht. Das Heilungswunder. Das Wunder, dass der Heiland mich unsichtbar anrührt und mein Leben verwandelt. Und zwar so, dass ich anders aus der leeren, gotterfüllten Kirche hinausgehe, als ich hineingegangen bin. Wenn man so will, sind Kirchen also tatsächlich Krankenhäuser. Orte, an denen sichtbar wird, dass mit der Welt etwas ganz und gar nicht in Ordnung ist. Orte, an denen der Patient Mensch und die Patientin Kirche aber auch spüren, dass es Heilung und einen Heiland für die unheilbare Krankheit gibt, deren Name Menschsein ist.

Ich bin nicht bereit, mich als Christenmensch und als Theologe mit weniger als mit diesem Heil und mit weniger als diesem Heiland zufrieden zu geben. Schon gar nicht, wenn ich in einer Kirche sitze oder stehe. Und so kann ich nicht anders, als das Ablenkungsmanöverhafte aller Reformaktivitäten und aller theologischen oder psychologischen Interpretationen zu durchschauen, die mir etwa einreden wollen, das Entscheidende an der Kirche seien intensive soziale Erfahrungen, oder die mir zu verstehen geben, das anthropologisch Wesentliche am Beten und am mystischen Erleben sei die veränderte und intensivierte Selbstwahrnehmung. Bullshit! Das Entscheidende am Beten, wenn es wie mein Beten in leeren Kirchen ein Flehen, Klagen und Ringen ist, besteht darin, dass Gott doch um Gottes willen mein Beten erhören soll. Hätte ich die Hoffnung auf diese Gebetserhörung verloren, würde ich nicht mehr beten, sondern zu anderen Drogen greifen, auf andere Sinnlichkeitsintensivierungstechniken setzen oder andere Anfreundungsstrate­gien mit dem Unausweichlichen ausprobieren. Die Kirche könnte mir gestohlen bleiben.

Wenn ich auf den Reformaktivismus schaue, der, wie mir zuweilen scheint, den fehlenden (oder auch nicht so sehr fehlenden) Gott kompensieren soll, so stelle ich mir gelegentlich vor, was passieren würde, wenn man das gesamte kirchliche Personal austauschen und durch die geistreichsten und visionärsten High Potentials des Erdballs ersetzen würde. Natürlich könnte kein Mensch und schon gar keine Kirche all diese High Potentials bezahlen. Und natürlich ist die Unterstellung, dass in der evangelischen Kirche der Gegenwart nicht die High Potentials unserer Epoche arbeiten, wieder einmal nicht nett von mir. Dennoch wäre das Gedankenexperiment lohnend, was aus der evangelischen Kirche in Deutschland werden würde, wenn sie zu einer Art spirituellem Silicon Valley, also zu einem Think Tank exzeptionell kreativer und risikobereiter, mit allen Wassern des wirklichen Lebens und der transzendierenden Phantasie gewaschenen Geister werden würde. Würde sich diese Kirche zur Boom­branche entwickeln? Würden wir Intensitäten erleben, von denen wir bisher nur geträumt haben? Würde ein atemberaubender Hauch von österlicher Aufbruchstimmung und von messianischem Urchristentum die Kirche durchwehen? Würden neue, größere Arenen gebaut werden müssen, weil die Plätze selbst der größten Kathedralen nicht ausreichen? Würde das hochmittelalterliche corpus christianum von dieser High-Potential-Kirche in den Schatten gestellt werden? Würde ein neues Zeitalter der Erweckung und der Mission anbrechen? I don’t know. Eines weiß ich allerdings sicher. Ich würde mich auch inmitten des neuen Kirchen-Hypes und der am Ende wegen Überfüllung geschlossen Kirchen in irgendein leeres Kirchlein in the middle of nowhere flüchten und Zwiesprache mit dem halten, der mir fehlt und der mir auch in der Brave New Church noch fehlen würde, weil selbst die größten Charismatiker, die geilste Gemeinschaft und das schönste neue Medium der Welt über Sein Fehlen nicht hinwegtrösten und IHN nicht ersetzen könnte.

Und so lange niemand IHN ersetzen kann, so lange ER nicht zweifelsfrei mitten unter uns tritt und die Kirche als Gemeinschaft der gottessehnsüchtig Gottesgewissen überflüssig macht, so lange ist die gebeuteltste Kirche so gut und so schlecht wie die florierendste Kirche und die dürftigste Kirche nicht erbärmlicher als die vitalste. Mag sein, dass eine attraktivere Kirche attraktiver wäre und nebenbei das eine oder andere volkskirchliche Finanz- und Überlebensproblem lösen würde. Aber selbst der größte Kirchenentwicklungserfolg gliche nur einer Umbettung des Kranken, der ja auch des­halb Patient heißt, weil aus dem lateinischen Wort "patiens" das geduldige Warten auf Heilung spricht.

Es wird der Kirche Jesu Christi also nichts Anderes übrigbleiben, als geduldig auf ihren Herrn zu warten. Etwas Anderes als diesen Herrn hat sie letztlich nicht zu bieten. Wenn sie IHN aus den Augen verliert, wird sie zur dementen, depressiven oder größenwahnsinnigen Patientin.

Kürzlich las ich einen Artikel in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", der mich an einen Werbeslogan des weltabgeschiedenen und im besten Sinne zurückgebliebenen Osttiroler Villgratentals erinnerte, in dem ich vor vielen Jahren ein paarmal Urlaub gemacht habe. Der Slogan lautet: "Kommen Sie zu uns. Wir haben nichts."

Es gelang mir nicht, den Spruch zu lesen, ohne ihn sofort auf die evangelische Kirche zu münzen, von der ich ohnehin oft denke, sie sollte sich marketingtechnisch zum Beispiel von SIXT oder von solchen beraten lassen, die sich nichts scheißen, wie der Österreicher sagt. Frechheit siegt. Und ein bisschen mehr davon könnte der evangelischen Kirche manchmal nicht schaden. Früher hieß es: "Brave Mädchen kommen in den Himmel. Böse Mädchen kommen überall hin." Und freche Werbungen kommen vielleicht an die Leute, die die Kirche erreichen könnte, wenn sie sie nicht insgeheim längst abgeschrieben hätte.

Hoffnung jenseits aller Inszenierung

"Kommen Sie zu uns. Wir haben nichts." Gar nicht schlecht. Vor allem theologisch nicht schlecht. Denn mit diesem Slogan würde die Kirche einerseits ironisch und zugleich zutiefst lutherisch ihre begrenzten Möglichkeiten eingestehen und andererseits fromm und mit letztem Ernst darauf hinweisen, dass sie sich nicht sich selbst, sondern einem ganz Anderen verdankt. Einem ganz Anderen, der ihr Allein­stellungsmerkmal ist, über den sie aber nicht verfügen kann. Einem ganz Anderen, von dessen Realpräsenz sie ebenso zehrt, wie sie unter seiner Real­absenz leiden muss, wenn sie wirklich eine Kirche der Hoffnung sein will.

"Kommen Sie zu uns. Wir haben nichts. Aber etwas Besseres als dieses Nichts finden Sie nirgendwo. Denn in der Nähe dieses Nichts ist die Sehnsucht nach Erfüllung am größten. Es ist nämlich das Nichts derjenigen, die wissen, dass sie Bettler sind. Bett­ler, die allein von Gott, nach dem sie ihre leeren Hände ausstrecken, alles erwarten. Wirklich alles."

Dieser Werbeslogan wäre aus der Sicht kirchenleitender Verantwortungs­trägerin­nen und Verantwortungsträger wahrscheinlich nicht sexy genug. Oder er wäre zu sexy. Jedenfalls wäre er nicht nur gewagt, sondern die Wahrheit. Und cooler als die kühlsten Kirchen im Sommer.

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