8.09.2013
Kreative Gemeinde

Alternative Gottesdienstformen: Rendezvous mit Gott

"Wir sprechen nicht nur theologische Themen an, sondern alles, was die gesamte Gesellschaft angeht, damit auch Nicht-Gläubige sich damit identifizieren können", erklärt Pfarrer Joachim Rohrbach seine Rendezvous-Gottesdienste. Sein Plan gelingt: Denn die Kirchenbänke in Haar und Taufkirchen sind voll.
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Man soll gehen, wenn es am schönsten ist. Dieses Sprichwort könnte die Situation der Jesusgemeinde in Haar bei München nicht besser beschreiben. Allerdings: Glücklich ist hier niemand. Denn gerade jetzt, wo Joachim Rohrbachs neue Gottesdienstform auch kirchenferne Menschen in die Gemeinde lockt, muss der Pfarrer gehen. Aber er verspricht: "Ich komme wieder."

Joachim Rohrbach ist ein Charismatiker. Nicht in dem Sinne, dass er bei der Verkündigung in Ekstase gerät, plötzlich in Lobgesang und Tränen ausbricht und Spontanheilungen an Gläubigen vollzieht. Nicht im Sinne einer Pfingstbewegung. Joachim Rohrbach bezeichnet sich selbst als ziemlich bodenständig, er strahle einfach nur das aus, woran er glaube. Und er besitzt die Gabe, dass seine Begeisterung anstecken kann. Das muss man vorweg sagen, wenn es um diese so erfolgreiche Gottesdienstform geht, denn ohne die Strahlkraft Rohrbachs wäre sein Konzept wohl nur halb so beliebt. Und so kommen am heißesten Tag des Jahres etwa 200 Menschen zum vorerst letzten Rendezvous-Gottesdienst.

"Rendezvous mit dem Glauben"

Die Türen der Haarer Jesuskirche stehen weit offen, damit wenigstens etwas kühlere Luft in den Kirchenraum weht. Doch auch draußen sind es selbst um 19 Uhr noch 30 Grad Hitze. Die Menschen im Kirchenschiff fächeln sich mit den ausgelegten Gottesdienst-Flyern Luft zu. Auf den hellblauen Flugblättern stehen die Liedtexte und das Motto des letzten Rendezvous-Gottesdiensts: Veränderung. Nach fast vier Jahren nimmt Rohrbach Abschied von Haar. Nicht freiwillig. Die Pfarrstelle wurde auf die Hälfte gekürzt. Seit 2010 hatte er alle drei Monate den etwas anderen Gottesdienst organisiert. Unter dem Titel "Rendezvous - Treffen mit dem Glauben" gestaltete Rohrbach mit seinem Team zu jedem Rendezvous-Gottesdienst ein neues Thema.

Begonnen hat alles mit der vergangenen EM unter dem Motto "Glaube und Sport" und der Frage: Gibt es einen Fußballgott? Rohrbach und sein achtköpfiges Team kamen zu Beginn des Gottesdiensts in Trikots mit der Aufschrift FC Jesuskirche zur Fußball-Hymne "Football’s coming home" eingelaufen. "Beim ersten Rendezvous-Gottesdienst waren 60 Leute", erzählt Rohrbach. Der Pfarrer macht weiter. Schnell spricht sich herum, dass die Haarer einen Gottesdienst veranstalten, bei dem es nicht auffällt, wenn man das Glaubensbekenntnis nicht auswendig kennt. "Jedes Mal sehe ich über 50 Prozent neue Gesichter", erzählt Rohrbach. Genau das wollte der Pfarrer erreichen - den Glauben an Menschen herantragen, die sonst nicht in die Kirche kommen.

Auch Nicht-Gläubige ansprechen

Nach dem ersten Song tritt ein Mann aus dem Team nach vorne und beginnt, seine Geschichte zu erzählen. Wie er selbst mit 30 Jahren Gott entdeckt hat. Wie er anfing, Gedichte zu schreiben, obwohl seine Deutschlehrerin ihm immer schlechte Noten gegeben hatte. Er trägt ein selbstverfasstes Gedicht mit dem Titel "Erfüllung" vor, um damit den Leuten Mut zu machen, sich Dinge zu trauen. Er sagt: "Ich danke Gott, dass er uns zu so kreativen Menschen geschaffen hat. Amen." Anschließend geht Rohrbach mit dem Mikrofon durch die Reihen und fragt: "Wer schon mal Veränderung erlebt hat, der hebt jetzt bitte mal die Hand." Alle Hände gehen nach oben.

"Wir sprechen nicht nur theologische Themen an, sondern alles, was die gesamte Gesellschaft angeht, damit auch Nicht-Gläubige sich damit identifizieren können", erklärt Rohrbach die Idee. Themen wie Liebe, Musik oder Antrieb bringt er im Gottesdienst dann in Beziehung zu Gott. Die Musik spielt dabei eine zentrale Rolle. "Verkündigung durch Musik", wie Rohrbach es nennt. "Ich habe schon früh gemerkt, wie verbindend Musik sein kann, wie sie Berührungsängste abbaut."

Abschied von Rohrbach

Doch auch beim letzten Rendezvous-Gottesdienst bleibt das traditionelle Evangelische Gesangsbuch in der Kiste neben der Eingangstür liegen. Rohrbach und sein Team singen ihre eigenen, selbstausgesuchten Lieder. Mit Gitarre, Trompete, Ziehharmonika, Querflöte und Klavier spielt das Team nun "Heal the World" von Michael Jackson, trägt später mit Trommeln und Beatbox einen afrikanischen Gospelsong vor und singt zum Schluss das Lied "So soll es bleiben" von "Ich und Ich". Das Publikum bleibt etwas zögerlich, nur zwei Jungen trauen sich mitzusingen, der Rest wippt im Rhythmus mit. Doch nicht nur die Kirchenfernen lockt der Gottesdienst an. Auch die angestammten Gemeindeglieder sind gerne gekommen, so wie Elisabeth Leinzinger-Richter. Die 70-Jährige lebt seit 40 Jahren in der Gemeinde. "Er war einfach ein hervorragender Seelsorger."

Joachim Rohrbach hat zum 1. September in der Jerusalemkirche in Taufkirchen angefangen. Dort wird er den Rendezvous-Gottesdienst weiterführen. Wenn möglich, möchte der Pfarrer als Gastprediger aber auch weiterhin nach Haar kommen.

Nachgefragt

Herr Rohrbach, warum machen Sie das? Wieso braucht es eine andere Gottesdienstform?

Rohrbach: Der Rendezvous-Gottesdienst soll die Nicht-Kirchengänger ansprechen, die oft Schwellenängste haben. Ich selbst trage auch keinen Talar, sondern komme in Jeans und Hemd. Es gibt keine Kanzel. Ich laufe mit meinem Mikrofon auch mal durch die Reihen.

Das erinnert an freikirchliche Gottesdienste.

Rohrbach: Stimmt. Schlecht sind diese Gottesdienstformen nicht, da kann man sich als Pfarrer der Landeskirche ruhig auch etwas abschauen.

Was ist mit den Menschen, die der Kirche nicht fern stehen? Fühlen die sich dann nicht ausgeschlossen?

Rohrbach: Es gibt ja immer noch die traditionellen Elemente, auf die wir nicht verzichten: Das Vaterunser und der Schluss-Segen bleiben immer Bestandteil. Der Unterschied ist, dass die Menschen ganzheitlich angesprochen werden, mit allen Sinnen.

Warum kann Verkündigung mit Musik besser gelingen?

Rohrbach: Man muss Glaube und Religion erlebbar machen. Ich habe schon früh gemerkt, wie verbindend Musik sein kann, wie sie Berührungsängste abbaut. Musik spricht alle an - egal wie alt und aus welcher Kultur.

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