Es gibt kaum ein Buch von oder über James Krüss (1926-1997), in dem nicht irgendwann ein Leuchtturm auftaucht. Gleich zwei davon widmet die Internationale Jugendbibliothek (IJB) München dem gebürtigen Helgoländer, der am 31. Mai 100 Jahre alt geworden wäre: Ein klassisch rot-weiß gestreiftes Exemplar lädt im idyllischen Hof von Schloss Blutenburg, dem Sitz der IJB, zum Fotoshooting ein. Und im frisch renovierten James-Krüss-Turm der Burganlage ist eine Mini-Ausstellung wie das Laternenhaus eines Leuchtturms konzipiert.

"Erzählend die Welt retten, mit einer Fantasie, die immer in der Realität verwurzelt ist - das war Krüss‘ Konzept", sagt IJB-Direktorin Christiane Raabe.

Seit 2001 verwahrt die Internationale Jugendbibliothek den Nachlass des Kinderbuchautors. Erzählen war für Krüss offenbar ein Lebenselixier, so wichtig wie das Atmen. Er selbst hat das einmal so formuliert: "Haltet die Uhren an. Vergesst die Zeit. Ich will euch Geschichten erzählen."

Im Herzen Insulaner: Wie Helgoland James Krüss prägte

Im Herzen war James Jacob Hinrich Krüss zeitlebens ein Insulaner, geboren 1926 auf Helgoland als ältester Sohn eines Elektrikers und einer Hummerfischertochter. Vor allem der Großvater prägte mit Gedichten und Anekdoten seine Kindheit - bis James die Insel samt Mutter und Geschwistern im Kriegsjahr 1941 verlassen musste.

In seinem Kinderbuchklassiker "Mein Urgroßvater und ich", für den Krüss 1960 mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnet wurde, setzte er seiner Heimat ein Denkmal. Und auch seine zweite Lebenshälfte verbrachte Krüss auf einer Insel: Ab 1966 lebte er mit seinem Partner Dario auf Gran Canaria, wo er am 2. August 1997 starb.

Doch es war seine Zeit auf dem Festland, die Krüss Erfolg und Ruhm bescherte: 1949 zog er nach dem Lehramtsstudium in Lüneburg nach München und suchte dort den Kontakt zum großen Kinderbuchautor Erich Kästner. Der unterstützte "den jungen Mann im roten Pullover" nach Kräften:

Krüss durfte Kästners "Konferenz der Tiere" für den Bayerischen Rundfunk vertonen, er schrieb Hörspiele, übernahm Fernsehformate wie "ABC und Phantasie" und arbeitete später mit dem Schlagersänger Udo Jürgens für die Sendung "Alle Kinder dieser Welt" zusammen.

"Timm Thaler" und die Hummerklippen: Bücher für Generationen

Parallel dazu nahm seine Schriftstellerkarriere Fahrt auf: Schon 1956 landete er mit dem "Leuchtturm auf den Hummerklippen" einen Erfolg. Fast im Jahrestakt erschienen die "Glücklichen Inseln hinter dem Winde", der Bilderbuchklassiker "Henriette Bimmelbahn", "Mein Urgroßvater und ich" sowie 1962 die bis heute mehrfach verfilmte Geschichte "Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen" mit dem teuflischen Baron Lefuet. Dazwischen streute der Sprachakrobat seine berühmten ABC-Gedichte und gereimten Tierparabeln.

"Sein Figurenensemble hat James Krüss in den rauschhaften Münchner Jahren geschaffen", resümiert IJB-Direktorin Raabe. Nach der Übersiedelung nach Gran Canaria sei "nicht mehr viel Neues" hinzugekommen: verschiedene Fortsetzungen der "Hummerklippen", ein weiterer Urgroßvater-Band und mit "Nele oder Das Wunderkind" eine Variante der Timm-Thaler-Geschichte.

Vom Krieg geprägt: Warum James Krüss den Heldenkult verabscheute

Geprägt hat Krüss' Werk auch seine Kriegserfahrung. Als 18-Jähriger kämpfte er Ende des Zweiten Weltkriegs an der Grenze zu Böhmen. In seinem autobiografischen Roman "Der Harmlos" bekannte er sich schon 1965 als zunächst überzeugter Nationalsozialist, der als Kind auf einer militärisch wichtigen Insel mit NS-Ideologie und dem Anblick von Soldaten aufgewachsen war.

Spätestens nach Kriegsende erkannte der junge Mann seinen Irrtum, verschrieb sich dem Pazifismus und Anti-Kapitalismus und kultivierte in seinen Texten "eine Form des Lachens, das durch Heiterkeit versucht, die Welt zu heilen", wie es Raabe beschreibt.

Jeglicher Heldenkult war Krüss ein Gräuel. Seine Hauptfiguren bleiben auf dem Boden, genau wie seine Moral.

Resignation am Lebensende: Als der Optimismus brüchig wurde

Zum Lebensende hin jedoch schien James Krüss seinen Optimismus verloren zu haben. "Obwohl er Erfolg, Liebe und Anerkennung genoss, wurde sein Blick auf die Welt resignierter", sagt Raabe. Das schlägt sich auch in dem schmalen Band "Die Haiteks" nieder, den der Oetinger-Verlag zum 100. Geburtstag in seinen Archiven wiederentdeckt und veröffentlicht hat.

Sechs Jahre vor seinem Tod beschreibt Krüss darin die technischen Errungenschaften der menschlichen Evolution als "Bastelei", die die Gesellschaft am Ende nicht weiser, klüger und mitfühlender gemacht hat, sondern träge, herzensdumm, dem reinen Konsum verfallen.

Der unerforschte Nachlass: Was die Tagebücher noch verraten könnten

Was James Krüss pessimistisch werden ließ? Vielleicht steht es in den Tagebüchern, die im zwar erfassten, aber noch nicht vollständig ausgewerteten Nachlass schlummern. Direktorin Raabe hofft "auf einen Impuls" zur besseren Erforschung des Autors durch das 100. Jubiläum, das die IJB mit einem Familienfest am 31. Mai und einer Fachtagung Anfang Juli feiert.

In diesem Rahmen wird auch der seit 2012 alle zwei Jahre verliehene "James Krüss Preis für internationale Kinder- und Jugendliteratur" vergeben, dieses Mal an die niederländische Autorin Anna Woltz und ihre Übersetzerin Andrea Kluitmann. Das Markenzeichen des Preises: ein Leuchtturm, dessen sonnengelbes Leuchtfeuer bis über den Horizont hinausstrahlt.