Plácido kommt aus Pavillon H. Fünf Stufen sind es bis hinunter zu Curro. Er geht ganz normal. Kein Schreien, kein Wippen, nichts, was uns sofort sagen würde, dass er in einer psychiatrischen Klinik lebt. Dabei liest sich seine Patientenakte alles andere als unauffällig. Curro beobachtet ihn, tut so, als würde er rauchen. Eine imaginäre Zigarette, ein imaginärer Zug, eine kleine Geste gegen die Unruhe.

Hinter den Pavillons der Psychiatrie liegen Fabriken, Werkstätten, Felder und der Río Llobregat. In der Luft liegen Eukalyptus, verbranntes Unkraut und halb ausgehärteter Beton. Der Roman spielt vor den Toren Barcelonas.

Wer ist hier eigentlich verrückt?

Curro lebt seit über zwanzig Jahren in der Psychiatrie. Nach einem psychotischen Zusammenbruch ist er mit einem Messer auf Passanten losgegangen. Nun trägt er einen dunkelblauen Anzug, hält seine Hose mit einem Strick zusammen, bekommt Clozapin und plant gemeinsam mit Plácido seine Flucht. Die beiden erinnern ein wenig an Don Quichotte und Sancho Panza.

Doch wie kam es dazu? Der Roman springt zurück in das Jahr 1982, als Curro zwölf Jahre alt war. Schon damals lebte er in der Peripherie Barcelonas, dort, wo die Stadt ausfranst. Spanien richtet gerade die Fußball-Weltmeisterschaft aus, Großbritannien und Argentinien kämpfen um die Falklandinseln, und Curro versucht vor allem, die Tage heil zu überstehen.

Der Junge ist empfindsam, intelligent, voller Ängste, Tics und Phobien. Sein Großvater ist vom Spanischen Bürgerkrieg traumatisiert und zunehmend dement. Seine Mutter flüchtet sich ins Essen, der Vater geht fremd. Zu Hause gibt es Schläge vom Bruder, in der Schule von den Mitschülern.

Zwei beste Freunde

Ein wenig Hoffnung bietet lediglich Priu, Curros Klassenkamerad. Auch er ist ein Außenseiter: schlaksig, früh behaart, hochintelligent und für die Welt ähnlich ungeeignet. Zusammen schaffen sie sich ihre eigene Welt, bestehend aus Comics, Fußballbildern und viel Fantasie.

Priu ist ein erster Verbündeter gegen die Normalität. Jahrzehnte später übernimmt Plácido in der Psychiatrie auf seltsam verschobene Weise diese Rolle. Der eine begleitet Curro vor dem Zusammenbruch, der andere danach. Dazwischen liegt die Katastrophe, auf die der Roman langsam zuläuft.

Unanständig komisch

Kiko Amat schreibt seinen Roman in kurzen, schnellen Sätzen, wechselt zwischen Slang, Übertreibung und präziser Beobachtung, lässt Tragik unvermittelt in Slapstick kippen und Zärtlichkeit dort entstehen, wo wir sie am wenigsten erwarten. Seine Figuren sind nie bloße Sozialfälle. Sie schwitzen, fluchen, essen, prügeln sich, träumen, trinken, lieben unglücklich und hoffen trotzdem weiter.

Der Rhythmus dieses 500-Seiten-Mammutbuchs ist zügig, die Lektüre ein Genuss. Dass diese Welt so glaubwürdig wirkt, dürfte auch mit Kiko Amats eigener Biografie zusammenhängen. Der 1971 geborene Autor stammt selbst aus Sant Boi de Llobregat. Seine Mutter arbeitete als Krankenschwester in der dortigen Psychiatrie. Er selbst verließ im Alter von 17 Jahren die Schule und war danach unter anderem Plattenhändler, McDonald’s-Kassierer, Fließbandarbeiter, Wachmann, Pförtner und Kellner, bevor er Schriftsteller und Journalist wurde. In Spanien haben seine Bücher längst Kultstatus.

In "Träume aus Beton" schaut Amat nicht von oben auf seine Figuren, sondern immer empathisch, zugewandt und ohne zu richten. Das macht diesen Roman wirklich besonders in einer Zeit voyeuristischer Realityshows und abwertender Hartz-IV-Reportagen.

Kiko Amat (2022): Träume aus Beton, Heyne Verlag, München, 557 Seiten, 24 Euro.

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