James ist sechzehn und lebt in Thornmere, einem jener englischen Dörfer, in denen wenig passiert und jeder alles über jeden weiß. Seinen Alltag prägen Schule, Eltern und ein kranker jüngerer Bruder. Zwischendurch fährt er Milch aus, um etwas dazuzuverdienen.
Dabei begegnet er Luke. Der ist ein Jahr älter als James, ziemlich selbstbewusst, hübsch und mit jener Mischung aus Nähe und Unerreichbarkeit ausgestattet, die sogleich Faszination auslöst. Seine Eltern haben ihn nach Thornmere geschickt, um ihren schwierigen Sohn mithilfe der Landluft wieder auf Kurs zu bringen.
Für James bewirkt seine Ankunft das Gegenteil. Der Teenager beobachtet Luke, wartet auf ihn, interpretiert Gesten und Blicke: volles Kopfkino. Er möchte ihm nah sein und weiß gleichzeitig nicht, ob das, was zwischen ihnen entsteht, überhaupt sein darf.
Eine Begegnung fürs Leben
"Öffnet sich der Himmel" wird von James erzählt, etwa dreißig Jahre später, mittlerweile geschieden und Bibliothekar. Bei einem Heimatbesuch schaut er noch einmal auf diese Begegnung zurück, und wir erfahren früh, dass das mit Luke "eher kompliziert" war.
Und das macht den Roman spannend. Denn Hewitt erzählt weniger eine Liebesgeschichte als die Geschichte einer Liebe, die vielleicht nie wirklich eine war – jedenfalls nicht in jener vollkommenen Form, in der James sie in seiner Erinnerung behalten hat.
Dabei bleibt Luke unscharf. Wir erfahren von seiner schwierigen Familie, seiner Wut und seiner Verletzlichkeit. Aber wir sehen ihn fast ausschließlich durch James’ verliebten Blick. Er ist vor allem Projektionsfläche.
Viel Himmel, Pflanzen und Felder
Bei seinem Heimatbesuch geht James durch die Landschaft, betrachtet Pflanzen, Felder, Licht und Himmel, spürt Luke nach, denkt an Luke, wartet auf Luke. Er wählt die Orte, an denen sie gemeinsam Zeit verbracht haben. Und schwärmt ... und schwärmt ... und schwärmt sehr viel.
Darunter leidet die Geschichte. Ja, Hewitt ist Lyriker, das merken wir praktisch auf jeder Seite. Seine Naturbeschreibungen sind präzise, sinnlich und manchmal wunderschön. Die Landschaft Thornmeres wird zum Spiegel des Begehrens: Hitze, Pflanzen, Regen und wechselnde Jahreszeiten spiegeln seine Gefühlswelt. Doch ein Roman ist eben kein Gedichtband.
Was zunächst betörend wirkt, wird irgendwann langweilig. Die Sprache erzeugt permanent Bedeutung, auch dort, wo die Geschichte kaum vorankommt. Dabei berührt Hewitt durchaus einen wichtigen Punkt queerer Biografien: die Erfahrung, die erste Liebe nicht einfach erleben zu können, sondern sie gleichzeitig beobachten, verbergen und entschlüsseln zu müssen. James scannt seine Umwelt nach Gefahren und Luke nach Zeichen dafür, dass seine Gefühle vielleicht erwidert werden. Gerade in diesen stilleren Momenten ist der Roman außerordentlich stark.
Dass hier ein Lyriker Prosa schreibt, ist zugleich Qualität und Schwäche des Buches. Hewitt kann einen Blick, eine Berührung oder einen Sommertag mit erstaunlicher Intensität festhalten. Weniger gut gelingt es ihm jedoch, daraus eine ebenso intensive Geschichte zu bauen.
"Öffnet sich der Himmel" ist ein schönes, sehr sensibles Buch, nur nicht unbedingt ein mitreißendes.
Seán Hewitt (2025): Öffnet sich der Himmel, Suhrkamp Verlag, Berlin, 283 Seiten, 25 Euro.