23.08.2017
Paulinum Leipzig

Aula oder Universitätskirche? Ärger in Leipzig hält an

Neutrale Aula oder Kirche nach altem Vorbild? 1968 ließ das DDR-Regime die völlig intakte Universitätskirche St. Pauli abreißen. Acht Jahre länger als erwartet hat das Bauvorhaben Paulinum an der Leipziger Uni gedauert. Die Wunden der Geschichte heilen konnte die bauliche Erinnerung an die gotische Paulinerkirche noch nicht. Streit gab es nicht nur mit dem niederländischen Architekten Erick van Egeraat, sondern auch darum, wer im Innenraum das Sagen hat. Auch kurz vor der Übergabe an die Hochschule hält der Ärger an.
Das neue Augusteum und Paulinum am Augustusplatz in Leipzig.
Das neue Augusteum und Paulinum am Augustusplatz in Leipzig spiegeln Vergangenheit und Gegenwart. Aber für wie viel Kirche, für wie viel Universitäts-Aula soll das Gebäude in Zukunft stehen?

 

Für die einen ist es eine Kirche – für die anderen ein moderner Veranstaltungsort: Konzipiert ist das sogenannte Leipziger Paulinum als Aula und Universitätskirche St. Pauli zugleich. Als Nachfolgebau der 1968 auf Anweisung der SED abgetragenen, völlig intakten Unikirche schließt es eine jahrzehntlange Lücke im Herzen der Stadt. Die Außenfassade erinnert an das historische Vorbild. Und auch innen ist die sakrale Struktur klar zu erkennen.

Acht Jahre später als zunächst erwartet erhält die Universität so ihr geistiges und geistliches Zentrum zurück. Von außen ist der Bau schon seit Monaten fertig. Zuletzt hatte es aber bei der Verkleidung der Glaspfeiler gehakt. Architekt Erick van Egeraat war lange Zeit mit der Ausführung unzufrieden. Nun hat er sein Einverständnis gegeben.

Rückkehr nach 49 Jahren

Doch eine feierliche Übergabe an die Hochschule durch den Freistaat Sachsen als Bauherrn bleibt aus. Dagegen lud die Landesregierung zu einer nichtöffentlichen »Bauabschlussfeier« in der vergangenen Woche ein – für beteiligte Firmen, die Jury des Architektenwettbewerbs und Vertreter der Hochschule. »Bis zur formalen Übergabe an die Universität werden noch zwei bis drei Wochen vergehen«, sagt Rektorin Beate Schücking nüchtern. Aus dem sächsischen Finanzministerium heißt es, das Gebäude werde bei einem »Gespräch auf Arbeitsebene« übergeben.

Die Hochschule wird die Fertigstellung erst Anfang Dezember feiern. Rund um den 608. Geburtstag der Universität am 2. Dezember sind ein Festakt, ein Bürgertag und ein Akademischer Festgottesdienst geplant. Bis dahin sind noch einige Restarbeiten zu erledigen.

 

So sah der Leipziger Augustusplatz mit Mendebrunnen, Universität und Universitätskirche St. Pauli im Jahr 1911 aus.
Vor der DDR-Episode als Karl-Marx-Platz: So sah der Leipziger Augustusplatz mit Mendebrunnen, Universität und Universitätskirche St. Pauli im Jahr 1911 aus.

 

Luther machte die Kloster- zur Unikirche

Kein Geringerer als Martin Luther hatte 1545 die Klosterkirche St. Pauli zur ersten deutschen evangelischen Universitätskirche umgewidmet. Universitätsprediger Peter Zimmerling freut sich schon auf den 3. Dezember: Dann kehren die Universitätsgottesdienste wieder an den alten Ort zurück – 49 Jahre nach Sprengung der Kirche und im Interim in der Nikolaikirche. »Das ist ein besonderer Tag«, sagt er.

Zimmerling spricht von »einer Kirche, die eben auch als Aula genutzt wird«. Er rechnet damit, dass im neuen Gebäude zahlreiche kirchliche Veranstaltungen stattfinden. 52 Sonntage plus Feiertage, Vespern und Mittagsgebete – da kommt schon einiges zusammen. Es sei aber auch eine »große Herausforderung«, den neuen Ort mit geistigem Leben zu füllen, sagt er.

Der moderne Raum ist durch eine Glaswand in Kirche und Aula getrennt. Offiziell heißt es, dass die wertvollen Epitaphe geschützt werden müssen. Die Wand kann aber zügig geöffnet werden. Dann finden bis zu 800 Personen Platz.

Mit dem modernen Entwurf ausgesöhnt

Die simultane Nutzung geht auch für die Leipziger Bürgerinitiative Paulinerverein in Ordnung, der einst angetreten war, die Kirche original wieder aufzubauen. Mit dem modernen Entwurf »haben wir unseren Frieden gemacht«, sagt der Vereinsvorsitzende Ulrich Stötzner. »Mit der Trennwand müssen wir leben, auch wenn es wehtut und stört.« Allerdings sei das Nutzungskonzept von der Universitätsleitung »relativ unverbindlich formuliert«. Rektorin Schücking schwebt vor, dass das Paulinum vor allem universitären Veranstaltungen dient. Neben den Gottesdiensten der Universität wünscht sie sich zugleich »Perspektiven anderer Religionsgemeinschaften«, die »angemessen zur Geltung kommen«. Sie hofft auf eine »lebendige Begegnungsstätte«.

Strittig bleibt allerdings auch kurz vor der Übergabe an die Universität die Aufstellung der barocken Kanzel, die Leipziger Bürger aus der vom Abriss bedrohten Kirche gerettet hatten. Der restaurierte Kanzelkorb ist im Leipziger Musikinstrumentenmuseum zu sehen. »Die Kanzel gehört in den Kirchraum St. Pauli«, sagt Stötzner. »Jeder weiß, dass sie da ist.« Die Wiederaufstellung »sind wir auch denen schuldig, die sie 1968 gerettet haben«.

Zunächst aber soll über drei Semester ein Klimamonitoring erfolgen, um einschätzen zu können, ob das Raumklima dem historischen Stück zuträglich ist. »Wir werden später einen Gremienbeschluss treffen«, sagt Schücking. Die Messungen gingen aber nur mit dem Objekt vor Ort, findet Stötzner, dafür müsse die Kanzel oder zumindest Teile dieser umgehend aufgestellt werden. Er kann sich keine Eröffnung ohne Kanzel vorstellen.

 

Der Akademische Festgottesdienst zur Einweihung findet am Sonntag, 3. Dezember, 11 Uhr, statt und wird voraussichtlich vom MDR übertragen.

 

Grabplatten aus der ehemaligen Leipziger Universitätskirche St. Pauli.
Neue Heimat im Neuen Augusteum: Grabplatten aus der ehemaligen Leipziger Universitätskirche St. Pauli.
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