Manche Musiker schreiben ihre eigenen Songs. Manfred Mann macht aus den Songs anderer Musiker etwas, das bisweilen berühmter wird als das Original. Bob Dylan, Bruce Springsteen und die britische Rockgeschichte liefern ihm seit Jahrzehnten das Material für musikalische Verwandlungen. Am 21. Oktober 1940 als Manfred Sepse Lubowitz im südafrikanischen Johannesburg geboren, gehört der Keyboarder zu den prägenden Figuren der britischen Rockmusik. Dass er mit 86 Jahren noch immer mit seiner Manfred Mann’s Earth Band unterwegs ist, passt zu einem Musiker, der sich nie mit dem Erreichten zufriedengegeben hat.

Von Johannesburg nach London

Manfred Mann wuchs als Sohn litauisch-jüdischer Eltern in Südafrika auf. An der University of the Witwatersrand in Johannesburg studierte er Musik und arbeitete zunächst als Jazzpianist. Schon früh bewegte er sich zwischen verschiedenen musikalischen Welten: Jazz, Blues, Rock ’n’ Roll und populäre Musik waren für ihn keine getrennten Sphären, sondern unterschiedliche Ausdrucksmöglichkeiten. Seine klassische musikalische Ausbildung gab ihm dafür ein solides Fundament.

Doch die politische Wirklichkeit seines Heimatlandes ließ ihn nicht los. 1961 verließ er Südafrika und ging nach Großbritannien. Die Apartheid, das staatlich organisierte System der Rassentrennung und Entrechtung der schwarzen Bevölkerungsmehrheit, war für ihn nicht hinnehmbar. Im Gespräch mit der "Jüdischen Allgemeinen" erinnerte er sich vor wenigen Jahren mit deutlichen Worten an seine damalige Haltung: "Ich hasste Südafrika. Ich hasste, dass man die Vorstellung akzeptierte, andere Menschen seien minderwertig." 

Sein Weg führte nach London, wo er zunächst unter dem Namen Manfred Manne für das Magazin "Jazz News" schrieb. Aus dem Pseudonym wurde später der Künstlername Manfred Mann. Gemeinsam mit dem Schlagzeuger und Multiinstrumentalisten Mike Hugg gründete er die Mann-Hugg Blues Brothers, aus denen die Band Manfred Mann hervorging. In der Londoner Musikszene der Swinging Sixties verband die Gruppe Jazz, Rhythm ’n’ Blues und Pop zu einem eigenständigen Sound. Hits wie "Do Wah Diddy Diddy", "Pretty Flamingo" und "Mighty Quinn" machten sie international bekannt.

Die frühen Erfolge waren allerdings nicht das Ende seiner musikalischen Suche. Im Gegenteil: Mann wollte mehr als ein zuverlässiger Lieferant von Chart-Hits sein. 1969 löste er die Band auf, gründete zunächst Manfred Mann Chapter Three und schlug damit ein experimentelleres Kapitel auf. 1971 folgte die Manfred Mann’s Earth Band. Mit ihr wandte er sich dem Progressive Rock zu, in dem lange Instrumentalpassagen, komplexe Arrangements und elektronische Klänge ihren Platz hatten.

Ein jüdischer Musiker ohne religiösen Eifer

Manns jüdische Herkunft gehört zu seiner Biografie, lässt sich aber nicht ohne Weiteres mit einer ausgeprägten religiösen Praxis gleichsetzen. Die "Jüdische Allgemeine" bezeichnete ihn in einem früheren Porträt ausdrücklich als säkularen Juden. Mann selbst formulierte sein Verhältnis zur Tradition zurückhaltend: "Ich habe nichts gegen ein Minimum an jüdischen Traditionen. Diese können gut sein, aber wenn man zu sehr an etwas glaubt, kann dies nach hinten losgehen." 

Diese Aussage ist aufschlussreich. Sie verweist auf eine Haltung, die religiöse Tradition nicht grundsätzlich ablehnt, zugleich aber vor dogmatischer Gewissheit warnt. Mann macht daraus kein öffentliches Glaubensbekenntnis. In den verfügbaren Porträts und Interviews steht weniger die Frage nach Gott als vielmehr die nach Musik, Herkunft, politischer Haltung und künstlerischer Freiheit im Vordergrund.

Eine eindeutige spirituelle Deutung seines Werks wäre deshalb spekulativ. Wer in seinen Songs nach religiösen Botschaften sucht, muss zwischen den Texten der ursprünglichen Autoren, Manns musikalischer Bearbeitung und seiner persönlichen Überzeugung unterscheiden. Gerade weil er so häufig fremde Kompositionen neu interpretiert, lässt sich aus der Auswahl eines Stücks nicht ohne Weiteres auf seinen eigenen Glauben schließen.

Gleichwohl zeigt seine Biografie, dass Herkunft und Haltung für ihn keine belanglosen Nebensachen sind. Sein Entschluss, Südafrika während der Apartheid zu verlassen, war ein politischer Schritt. Er stellte sich gegen eine Gesellschaftsordnung, die Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe unterschiedliche Rechte und Würde zuschrieb. Das ist keine religiöse Aussage im engeren Sinn, berührt aber eine ethische Grundfrage, die auch in jüdischen Traditionen eine zentrale Rolle spielt: Wie begegnet man anderen Menschen, und welche Verantwortung erwächst daraus?

Mann selbst hat sich offenbar nie als Prediger verstanden. Im Gegenteil: Im Zusammenhang mit seinem Album "Somewhere in Africa" erklärte er, er möge Musiker nicht, die ihrem Publikum Botschaften predigten. Bei ihm sei das anders gewesen: "Ich als Afrikaner durfte das aber tun." Die Bemerkung zeigt seinen Sinn für die Widersprüche der eigenen Rolle. Er wollte politische Haltung ausdrücken, ohne seine Musik in eine bloße Lehrstunde zu verwandeln.

"Somewhere in Africa": musikalische Grenzen überwinden

1982 veröffentlichte Manfred Mann’s Earth Band das Album "Somewhere in Africa". Es war mehr als ein weiterer Schritt in der Entwicklung der Band. Mann setzte damit ein deutliches Zeichen gegen den Rassismus in seinem Geburtsland. Für das elfte Album der Earth Band arbeitete er mit schwarzen Musikern und nahm afrikanische Rhythmen und Gesänge in die Arrangements auf. Westlicher Rock traf auf musikalische Traditionen des afrikanischen Kontinents.

Heute würde man eine solche Verbindung häufig unter dem Begriff Weltmusik zusammenfassen. Das Album entstand jedoch zu einer Zeit, in der die Verschmelzung von Rock mit nichtwestlichen Musiktraditionen noch keineswegs selbstverständlich war. Mann ging es dabei nicht nur um exotische Klangfarben. Die musikalische Öffnung stand im Zusammenhang mit seiner eigenen Herkunft und seiner Ablehnung der Apartheid. Das Album wurde damit auch zu einem Statement gegen die Vorstellung, Kulturen ließen sich sauber voneinander trennen.

Natürlich ist der Begriff Weltmusik selbst nicht unproblematisch: Er fasst höchst unterschiedliche Traditionen unter einer Sammelbezeichnung zusammen und kann die Unterschiede zwischen ihnen verwischen. Dennoch war Manns Ansatz bemerkenswert. Er öffnete die Klangsprache seiner Band für Einflüsse, die im britischen Mainstream-Rock lange wenig Raum hatten. Seine musikalische Arbeit an "Somewhere in Africa" lässt sich deshalb als früher Beitrag zu jener internationalen musikalischen Vernetzung verstehen, die später unter dem Etikett Weltmusik größere Aufmerksamkeit erhielt.

Die Verbindung von politischer Haltung und musikalischer Neugier ist dabei typisch für Mann. Er wollte nicht auf seine südafrikanische Herkunft reduziert werden, verleugnete sie aber auch nicht. Stattdessen machte er sie zum Ausgangspunkt für eine Erweiterung seines musikalischen Horizonts.

Der Mann mit dem Moog

Rockhistorisch liegt Manns Bedeutung vor allem in seiner Fähigkeit, unterschiedliche Stile und Klangideen miteinander zu verbinden. In den 1960er-Jahren wurde er mit einer Popband berühmt, die fremde Songs in eingängige Hits verwandelte. Mit der Earth Band entwickelte er daraus eine wesentlich komplexere musikalische Sprache.

Ein wichtiges Werkzeug war der Moog-Synthesizer. Mit seinen elektronischen, bisweilen futuristisch wirkenden Klängen prägte Mann den Sound der Earth Band und trug dazu bei, elektronische Instrumente stärker im Rock zu etablieren. Das Konzeptalbum "Solar Fire" von 1973, das sich mit den Planeten des Sonnensystems beschäftigt, gilt als herausragendes Beispiel für die psychedelischen und progressiven Seiten seines Werks. Lange Instrumentalpassagen, ausgedehnte Soli und ausgefeilte Arrangements machten die Band zu einer eigenständigen Größe zwischen Hardrock und Progressive Rock.

Sein größter Erfolg mit der Earth Band folgte 1976: "The Roaring Silence". Darauf befindet sich "Blinded by the Light", ursprünglich ein Song von Bruce Springsteen. Mann verwandelte das Stück in einen druckvollen Rocksong mit prägnantem Keyboardmotiv und markantem Refrain. Die Single erreichte in den USA Platz eins der Charts und wurde zum internationalen Erkennungszeichen der Band.

Mann selbst betrachtet sich dabei eher als Arrangeur denn als schöpferisches Genie. "Ich bin ein Arrangeur, ein Musiker, aber kein Künstler", sagte er laut dem Evangelischen Pressedienst einmal. Über seine Arbeitsweise erklärte er, er spiele Dinge "in völliger Respektlosigkeit" immer wieder, bis etwas anderes daraus entstehe. Gerade diese Haltung erklärt einen Teil seines Erfolgs: Er behandelt Vorlagen nicht als unantastbare Originale, sondern als Ausgangsmaterial für neue musikalische Möglichkeiten.

Auch Bob Dylans "Mighty Quinn" und "Father of Day, Father of Night" zeigen, wie weit Mann eine Komposition verändern kann. Aus Dylans knappem Lied "Father of Day, Father of Night" machte er ein ausgedehntes Klangepos mit Chor und instrumentalen Soli. Die Songs behalten ihre Wiedererkennbarkeit, werden aber Teil einer neuen musikalischen Dramaturgie. Darin liegt Manns besondere Leistung: Er bringt bekannte Stücke dazu, sich noch einmal anders hören zu lassen.

Dass er dabei nicht auf nostalgische Rückblicke setzt, passt zu seinem Charakter. Im Gespräch mit der "Jüdischen Allgemeinen" sagte er über die 1960er-Jahre: "Ich habe absolut keine Nostalgie für die 60er-Jahre." Die damaligen Partys seien langweilig gewesen, die Konzerte schlecht und die Soundsysteme miserabel. Statt die eigene Vergangenheit zu verklären, scheint Mann lieber weiterzuarbeiten.

Ein Jubiläum mit neuen und alten Klängen

2026 jährt sich die Veröffentlichung von "The Roaring Silence" zum 50. Mal. Am 11. September ist eine umfangreiche Jubiläumsausgabe erschienen, die das Originalalbum um weitere Studioaufnahmen und Live-Mitschnitte ergänzt. Neben "Blinded by the Light" finden sich darauf unter anderem Live-Versionen von "Davy’s on the Road Again", "Martha’s Madman" und "The Mighty Quinn". So lässt sich nachvollziehen, wie sich die Stücke im Lauf der Jahre auf der Bühne verändert haben.

Das Jubiläum ist zugleich ein Anlass, einen Musiker zu würdigen, der sich nie auf einen einzigen Stil festlegen ließ. Vom Jazzpianisten aus Johannesburg über die britischen Popcharts bis zu den elektronisch geprägten Klanglandschaften der Earth Band zieht sich eine Linie der Neugier. Seine jüdische Herkunft, seine Ablehnung der Apartheid und seine Beschäftigung mit afrikanischen Musikkulturen gehören zu dieser Geschichte, ohne dass sich daraus ein eindeutiges religiöses Programm ableiten ließe.

Manfred Manns Vermächtnis liegt vielleicht gerade in dieser Offenheit: Er sucht nach Möglichkeiten, musikalische Grenzen zu überschreiten, und lässt sich weder von Genregrenzen noch von der eigenen Vergangenheit festlegen. Mit 86 Jahren steht er noch immer auf der Bühne. Und "The Roaring Silence" klingt auch ein halbes Jahrhundert nach seiner Veröffentlichung keineswegs nach Schweigen.

Im Januar 2027 ist Manfred Mann’s Earth Band auch in Bayern zu erleben. Die Tour führt am 11. Januar in den Colos-Saal nach Aschaffenburg, am 12. Januar ins Kaminwerk nach Memmingen, am 13. Januar in den Spectrum Club nach Augsburg und am 14. Januar in die Muffathalle nach München. Im Mittelpunkt stehen die großen Songs einer langen Karriere – allen voran jene Musik, die mit "The Roaring Silence" vor 50 Jahren Rockgeschichte schrieb.