"Eine gerechte Welt beginnt mit einer gerechten Karte." - das schrieb Robert Dussey. Togos Außenminister Robert Dussey ist ein Politiker und Diplomat aus Togo. Er wurde 1972 geboren und ist seit 2013 Außenminister von Togo. Außerdem ist er Professor und Autor.

Als Gerechtigkeitsliebender aus Afrika begrüße ich sehr die Resolution der Generalversammlung der Vereinten Nationen vom 5. August 2026, mit der die traditionelle und degradierende Mercator-Weltkarte ersetzt werden soll. Diese Information verdient große Aufmerksamkeit. Auch wenn diese vor fast 500 Jahren entstandene Landkarte ursprünglich 1569 für Seefahrer konzipiert wurde, hat sie unsere Weltwahrnehmung geprägt. Die Mercator-Weltkarte war natürlich eine Weltkarte der kolonialen Ära.

Die verzerrte Darstellung der Welt

Ich hätte selbst in der Schule kaum geglaubt, dass Grönland in Wirklichkeit nur ein Vierzehnfaches der Fläche Afrikas hat. Jetzt verstehe ich auch, warum wir immer gesagt haben, dass Tansania fast dreimal so groß wie Deutschland ist, was manche Menschen kaum glauben konnten. Denn die damaligen vertrauten Darstellungen haben solche Aussagen nicht unterstützt.

Grönland und seine tatsächliche Größe

Uns hat eher die Frage beschäftigt, warum Grönland kein Kontinent wie Afrika und Australien ist und warum so wenige Menschen in Grönland im Vergleich zu Afrika wohnen, oder warum man diesen Kontinent nicht auch kolonisieren wollte. Hat er keine Ressourcen wie Afrika? Eine der Antworten war: In Grönland ist es zu kalt; keiner möchte freiwillig dorthin.

Weil Grönland aber seltene Erden hat wie Neodym, Praseodym und Dysprosium, rückt das Land wieder in den Fokus. Denn die sind wichtig für Magnete, Windkraftanlagen, Elektrofahrzeuge und Elektronik. Will man sie dann teilen oder selbst einkassieren? Ist die Kälte schon wieder weg – angeblich wegen Klimaerwärmung? Trotz der Größe dürfte keiner auf die Idee kommen, mit der Souveränität Grönlands spielen. Diese ist unantastbar!

Die Karte als Machtinstrument

In einer von Ausbeutung geprägten Welt war eine Landkarte viele Jahrtausende mehr als nur ein kartografisches Werk. Sie war auch kein neutrales Stück Papier, das Seefahrern Orientierung gab. Sie war ein Machtinstrument. Diese verzerrte Darstellung der Welt hat mit Sicherheit viele Schäden angerichtet. Bei der Aufteilung Afrikas in Kolonien durch die Imperialisten von 1885 bis 1886 hat diese Karte eine wichtige Rolle gespielt. Eine andere Weltkarte gab es schließlich noch nicht.

Auch Christoph Kolumbus hat diese Mercator-Weltkarte bestimmt für die Entdeckung Amerikas genutzt. Die Ureinwohner der USA würden sich heute wahrscheinlich für eine gerechte Landkarte aussprechen - und dafür stimmen. Die Urenkel von Columbus, die ja Christen sind, wollen die alte Karte immer noch behalten, denn dadurch sind sie in das versprochene Land Amerika gekommen. Natürlich wollen nicht alle diese kolonialen Gedanken weiter unterstützen.

Eine neue Sicht auf Afrika

Die neue Landkarte sorgt deshalb nicht nur für eine gerechtere und würdigere Darstellung der Welt – unter anderem von Grönland und Afrika –, sondern korrigiert auch die degradierende Darstellung Afrikas als "klein" und Europas als "groß". 

Was nützt es Europa, wenn es groß dargestellt wird, obwohl es in Wirklichkeit klein ist?

Epistemische Gerechtigkeit

Hier geht es um epistemische Gerechtigkeit: die Welt so wahrzunehmen, wie sie tatsächlich ist, und nicht so, wie sie uns beigebracht wurde. Die verzerrte Darstellung vermittelt, was groß und was klein, was zentral und was peripher ist. "Information ist Macht." Richtige Informationen sichern auch richtige Entscheidungen und Vorstellungen. Wie Stuart Hall uns lehrt, liegt die Macht der Repräsentation darin, dass sie nicht nur bestimmt, wie andere dargestellt werden, sondern auch, wie wir über sie denken.

Wer die Bilder, Geschichten und Begriffe kontrolliert, mit denen Menschen beschrieben werden, besitzt deshalb auch einen Teil der Macht darüber, was als Wirklichkeit und Wissen gilt. So war es auch in der kolonialen Zeit, die sich dies systematisch zunutze machte. Den Betroffenen wurde die Definitionsmacht ihrer Grenzen entzogen.

Eine neue Vorstellung von Afrika

Mit der neuen Weltkarte können Kinder und Jugendliche in Afrika endlich die wahre Größe ihres Kontinents sehen und sind nicht mehr einer verzerrten Darstellung ausgesetzt. Das stärkt ihr Selbstverständnis und leistet einen Beitrag im Kampf gegen die kolonialgeprägten Vorstellungen von Afrika. Die neue Landkarte erweitert auch unsere Vorstellungskraft. Sie zeigt uns, dass wir immer hinterfragen sollten, was uns über einen Zeitraum von 500 Jahren als vertraut erschien.

Vieles sollte dekonstruiert und dekolonisiert werden. Die Darstellung Afrikas in seiner tatsächlichen Größe ist beeindruckend.  Afrika macht flächenmäßig mehr als zwanzig Prozent der Erde aus. Europa, Indien, China, die USA, Saudi-Arabien, der Iran und der Irak würden rechnerisch in diese Fläche passen.

Afrika ergreift die Initiative

Auch die Initiative, diese jahrzehntelange Ungerechtigkeit zu korrigieren, stammt von den meisten Betroffenen der alten Darstellung: Afrika. Das afrikanische Land Togo hat den Antrag mit dem Titel "Correct the Map" gestellt, der bereits von Mitgliedern der Afrikanischen Union unterstützt wird. Wer sonst sollte das beantragen? Afrika weiß am besten, wo es am meisten wehtut.

Die Löwen und die Geschichte

Der bekannteste nigerianische Schriftsteller, Chinua Achebe, schrieb einmal:

"Solange die Löwen keine eigenen Historiker haben, wird die Geschichte der Jagd stets den Jäger verherrlichen."

Die Betroffenen müssen aufstehen. Sie müssen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.

Die Reaktion der USA

Dass die USA dagegen gestimmt haben, ist keine Überraschung, auch wenn das Land die Welt über Gerechtigkeit belehrt. Das Land kämpft schließlich selbst gegen doppelte Moralstandards – ohne Erfolg.

Auch die Gegenstimme der USA bei dieser Abstimmung signalisiert, dass sich die demokratische Situation im Land in verschiedenen Hinsichten verschlechtert hat. Auch die Länder, die sich enthalten haben, zählen zu denen, die sich keine gerechte Welt erhoffen.

In einer ungerechten Situation stärkt Neutralität den Täter.

"Radikales ideologisches Projekt"

Wenn Amerika diese Initiative als Teil eines "radikalen ideologischen Projekts" bezeichnet, ist das auch nicht viel fremd. Denn das hören wir typischerweise auch von Rechtsextremisten in Europa. Würde die deutsche Version der Trump-Anhänger nicht auch so lauten: "Das sind linksideologische Themen"? 

Es ist ja psychologisch: Was uns stört, nennen wir "radikal". Was uns herausfordert, nennen wir "links". Was unser gewohntes Denken infrage stellt, erklären wir kurzerhand für "extrem". Dann ist wieder Ruhe.

Dass Strauße ihren Kopf in den Sand stecken, um Problemen auszuweichen, ist allerdings ein Mythos. Kein Vogel steckt seinen Kopf in den Sand. Er könnte dann nicht mehr atmen. Das tun nur Menschen – manchmal, indem sie so tun, als würde ein Problem einfach verschwinden, nur weil sie sich weigern, es anzusehen.

Die Frage nach der Umsetzung

Gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters bekräftigte Togos Außenminister Robert Dussey: "Eine gerechte Welt beginnt mit einer gerechten Karte."

"Eine gerechte Welt beginnt mit einer gerechten Karte."

Also, der Kampf gegen Ungerechtigkeit benötigt keine leere Rhetorik. Diese Aussage richtet sich auch an die großen Tech-Unternehmen wie Google, Apple, Uber, Bolt und Facebook, die die alte Weltkarte verbreitet haben.

Wenn diese Resolution nicht verbindlich ist, stellt sich die Frage, wie lange es dauern wird, bis sie umgesetzt wird. In den Schulen können wir das von heute auf morgen ändern. Wann ändern die großen Tech-Unternehmen die alte Weltkarte? Und wie ist es möglich, dass ihr Land die Resolution nicht unterstützt hat?

Neue Weltkarten auch für Australien

Von der alten Weltkarte ist nicht nur Afrika betroffen. Auch Australien kämpft mit Nord- und Südorientierungen.

Die "gesüdete Weltkarte".  Der australische Autor Stuart MacArthur hat eine "gesüdete Weltkarte" präsentiert, bei der der Norden unten und der Süden oben ist. Damit möchte er den "Norden-oben-Bias" problematisieren. Auslöser für seine Präsentation war die Tatsache, dass sein Land immer als "das Land am unteren Ende der Welt" bezeichnet wird. Aus dieser Wut heraus beschloss er, eine "korrigierte" Weltkarte mit Australien in privilegierter Position herauszugeben. Diese Weltkarte funktioniert in Europa jedoch nicht. Denn viele glauben, dass eine Karte, auf der Australien im Norden liegt, falsch ist.

Erfahrungen mit einer anderen Weltkarte

Bei Mission EineWelt, dem Centrum für Partnerschaft, Entwicklung und Mission, haben wir in der Erwachsenenbildung mit einer solchen Karte gearbeitet und dabei manche in ihrer Weltvorstellung aufgeklärt. Für manche Menschen war es irritierend, da sie Deutschland auf der Landkarte nicht mehr oder nur schwer finden konnten.

In einer Gemeinde in Ansbach wird provokativ die normale Karte "bottom up" im Schaukasten ausgehängt, um die Gemeinde darüber aufzuklären, dass wir die Welt nicht so wahrnehmen, wie sie tatsächlich ist, sondern so, wie wir es gelernt haben.

Wer bestimmt, wo Norden und Süden liegen?

Auf alten Karten liegen Australien und Neuseeland im Süden. Sie gelten jedoch beide als Länder des globalen Nordens. Das erklärt, warum Russland und Nordkorea als Länder des globalen Südens gelten – bis sie ihre Geschichte vielleicht selbst schreiben können und zu Ländern des globalen Ostens werden!

Neue Weltkarte der UN

Die UN hat über eine neue Darstellung der Weltkarte abgestimmt. Dabei geht es darum, dass die Größen der Kontinente realistischer dargestellt werden sollen. Vor allem Afrika soll dadurch nicht mehr so klein wirken, wie es auf vielen bekannten Weltkarten dargestellt wird.

Der Grund dafür ist die sogenannte Mercator-Karte. Bei dieser Karte werden Länder und Kontinente, die weiter vom Äquator entfernt liegen, größer dargestellt. Deshalb sieht zum Beispiel Grönland fast genauso groß wie Afrika aus. In Wirklichkeit ist Afrika aber ungefähr 14-mal größer als Grönland.

Die UN möchte deshalb, dass auch andere Karten verwendet werden, bei denen die Größenverhältnisse besser stimmen. Eine Möglichkeit dafür ist die "Equal-Earth"-Karte.

Allerdings ist die Entscheidung der UN kein Gesetz. Die Länder müssen also nicht sofort ihre bisherigen Weltkarten ändern. Es soll vor allem darauf aufmerksam gemacht werden, dass die Darstellung auf vielen Karten nicht den tatsächlichen Größenverhältnissen entspricht.