Macht, Manipulation und religiöse Verführung: Mit "Operation: Mindcrime" schufen Queensrÿche 1988 ein Konzeptalbum, das politische Unterdrückung und gesellschaftliche Kontrolle in eine düstere Rockgeschichte übersetzt. Mehr als drei Jahrzehnte später bringt Geoff Tate das Werk noch einmal in voller Länge auf die Bühne – am 24. und 25. November im Colos-Saal in Aschaffenburg. Für den früheren Sänger der US-Metalband ist es die letzte Tour, auf der er das Album komplett spielt. Im Interview spricht Tate über die Macht von Institutionen, seine ungewöhnliche religiöse Erziehung und die Frage, warum die Botschaft des Albums für ihn nichts von ihrer Aktualität verloren hat.
Herr Tate, Sie kommen am 24. und 25. November in den Colos-Saal nach Aschaffenburg, um "Operation: Mindcrime" ein letztes Mal in seiner Gesamtheit zu spielen. Welchen Stellenwert nimmt dieses Monumentalwerk heute für Sie ein – betrachten Sie es als Ihr ultimatives Magnum Opus?
Geoff Tate: Nein, eigentlich nicht. Für mich ist es vor allem ein bedeutendes Kapitel in meiner musikalischen Lebensgeschichte und Plattenkarriere. Ich habe viele Alben gemacht, aber ich liebe dieses Werk natürliche sehr. Ich bin glücklich, es in dieser Lebensphase noch einmal vollständig auf der Bühne präsentieren zu können. Auch wenn diese Tour im April endet und ich danach weiter touren werde, ist es definitiv das letzte Mal, dass ich das Album am Stück spiele.
Das Album besitzt eine sehr düstere, fast sakrale Atmosphäre und entstand nach einem nächtlichen Besuch in einer katholischen Kirche. Wie stark hat Ihre eigene spirituelle Erziehung und Ihr Elternhaus das Konzept und Figuren wie Dr. X oder Sister Mary geprägt?
Ich bin in einer gewissermaßen religiösen Familie aufgewachsen. Als Teenager hatte ich bereits Gottesdienste von vier oder fünf verschiedenen Religionen besucht. Meine Eltern waren sehr experimentierfreudig und probierten unterschiedlichste Glaubensrichtungen aus – und wir Kinder mussten uns an diese wechselnden spirituellen Lehren anpassen. Obwohl die Idee zum Album in einer Kirche entstand, geht es in dem Werk letztlich um den zeitlosen Machtkampf zwischen den Herrschenden und den Unterdrückten. Das ist eine Dynamik, die sich über Jahrhunderte kaum verändert – nur die Namen wechseln.
Wenn Sie heute Songs wie "Revolution Calling" oder "Spreading the Disease" singen: Hat sich Ihre Perspektive auf diese Inhalte nach all den Jahren verändert?
Nein, daran hat sich im Grunde nichts verändert. Ich bin nach wie vor ein starker Verfechter der Würde des Menschen und des Rechts auf ein gesundes, glückliches Leben. Jede Institution oder Regierung, die versucht, Menschen zu unterdrücken und zu kontrollieren, ist etwas Negatives, das beseitigt gehört. Wenn ich aus der Perspektive der Figur Nikki singe, stehe ich immer noch voll hinter dieser Botschaft.
Wie gelingt es Ihnen, diese enorme emotionale und spirituelle Intensität Abend für Abend auf der Bühne zu aktivieren?
Ehrlich gesagt habe ich fast etwas Angst davor, das zu sehr zu analysieren! Es passiert einfach. Ich lasse mich völlig von der Musik mitreißen, und diese Energie diktiert meine Performance auf der Bühne.
Wenn Sie auf Ihre 30-jährige Geschichte mit Queensrÿche zurückblicken: Haben Sie Ihren Frieden mit der Vergangenheit gemacht?
Ja, absolut. Ich habe meinen Frieden damit gemacht, bin weitergezogen und sehr glücklich mit meiner heutigen Arbeit. Wir haben damals herausfordernde Musik geschrieben und unser Publikum stets gefordert. In den 80er-Jahren gab es noch keine so starren Genregrenzen – wir haben sehr viel experimentiert. Dass wir 30 Jahre lang zusammengeblieben sind, ist ein großer Erfolg; die meisten Bands schaffen nicht einmal ein Viertel dieser Zeit.
Welche Inspiration treibt Sie beim Songwriting an und was raten Sie der jüngeren Musikergeneration?
Mit der Erfahrung aus Konzerten in 66 Ländern blickt man mit einer reiferen Perspektive auf die Welt. Mein wichtigster Rat an junge Musiker lautet: Macht niemals den Fehler, Musik für andere Menschen schreiben zu wollen! Es geht in der Kunst darum, sich selbst, seine Ideale und Überzeugungen authentisch auszudrücken. Sobald man Kompromisse eingeht, erschafft man nur noch belangloses Zeug.
Worauf dürfen sich die Besucher bei den beiden Konzerten im Colos-Saal freuen?
Wir spielen das komplette Album "Operation: Mindcrime" von Anfang bis Ende. Danach folgt ein umfangreicher Zugabenblock mit Songs von "Empire", der Fortsetzung des Albums, der frühen EP, "Rage for Order" sowie Titeln unseres aktuellen Albums. Insgesamt erwartet die Zuschauer eine rund zweistündige Show.