Getöse aus dem Off, Schüsse und Granatenexplosionen, Schreie und Sirenengeheul. Eine Radiostimme verkündet die militärische Besetzung Berlins. Auf der Bühne sind schwer bewaffnete Soldaten ins Büro des Bundeskanzlers eingedrungen.Der hockt überrumpelt an seinem Schreibtisch, das ermüdete Deutschlandfähnchen an seiner Seite. Und dann – erstarrtes Bühnenbild, Abbruch. 

Der Anfang war schon mal gelungen, wenn auch unvorhergesehen und jedenfalls nicht nach Drehbuch: Fehlstart nach Computerabsturz, vom Bühnentechniker lakonisch kommentiert: "Es ist ein gutes Gefühl, wenn der Putsch nicht funktioniert."

Alles auf Anfang

Also die Technik (im Theater) auf Vordermann gebracht, und das Geschehen nochmal auf Anfang. Wie im richtigen Leben. Gab es nicht vor nicht allzu langer Zeit einen Verschwörungstümelnden-AfD-nahen-orchestrierten Versuch, den Reichstag zu stürmen und die Regierungsmacht zu kapern?  

Schnee von gestern. Man putscht nicht mehr so dilettantisch, sondern ganz demokratisch, "whatever it takes". Digital aufgepeppt und intellektuell durchtrieben. Absolut erfolgreich im Marketing, wenn man auf einen maroden, kleingeistigen und anbiedernden Politikbetrieb trifft. Genau das beschreiben die beiden Autoren Alistair Beaton und Dietmar Jacobs in ihrem brandaktuellen Stück "Putsch – Anleitung zur Zerstörung einer Demokratie", die als bitterböse Realsatire angelegt ist und nun im Münchner Metropoltheater von Intendant Jochen Schölch inszeniert wurde.  

Es geht um den Comedian-Superstar Klara, die in köstlich ironisch-sarkastischer Schärfe und mit großer öffentlich-rechtlicher und digitaler Clickzahl-Reichweite alles verbal niedermacht, was gerade, zumindest medial, Mainstream ist: Wokeness, Transmenschen, Gendern, fleischlose Ernährung, Verbrennermotor, usw. usf.  Es wird aber nicht nur ihre Sendung vom überangepassten Redakteur korrekt gekürzt, sondern sie wird komplett öffentlich-rechtlich gecancelt, als sie ihren eigenen Live-Mitschnitt ins Netz stellt. Von wegen politcal correctness. Von nun an wird sie zur Ikone der Meinungsfreiheit katapultiert. Sodann als charismatisches Zugpferd vom intellektuellen Kopf der rechtspopulistischen Partei "Unser Haus Deutschland" (UHD) einem extrem aasig geschmeidig auftretenden Millionär Oskar Falk, eingekauft, um sich dann bei der nächsten Wahl zur alternativen Kanzlerkandidatin küren zu lassen. 

Politik als Entertainment

Bis hierher funktioniert die Metamorphose von der Rampensau des Das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen zum Alice-Weidel-Verschnitt mit strengem Haardutt, Hosenanzug und weißer Hemdbluse reibungslos. Dann wird es fiktiv, aber folgerichtig. Sie gewinnt die Wahl, die Brandmauer löst sich in Luft auf, dafür lässt man dem Bundeskanzler (real: der jetzige) sein Pöstchen, Klara wird Innenministerin und unterschreibt à la Trump von Tag 1 an ein Dekret nach dem anderen. So funktioniert heutzutage ein Putsch.

Musical-reif wird der Sieg gefeiert. Politik ist Entertainment. Ein Spiel. Bis Klara ihrem Sponsor ankündigt, dass sie aussteigen will. Aus privaten Motiven. Die links-aktivistische Tochter will sie verlassen. Der trottelige Manager will seiner Freundin, die Probleme wegen der neuen Gesetze bekommen hat, in die Türkei folgen. Bevor Klara aber ihre Zweifel an und ihren Ausstieg aus der Politik verkünden kann, wird sie erschossen und zum Opfer ihres aufrechten Kampfs für die UDH verklärt. 

Spiel im Spiel 

Jochen Schölch inszeniert diese vor Realität strotzende Vorlage als Spiel im Spiel. Sein Versuch indes, der bösen Politsatire eine seelische Tiefe zu geben, auch und vor allem durch das verhaltene Spiel der Hauptdarstellerin Klara, lässt an manchen Stellen den Furor verpuffen, den diese durchschlagende Satire auszeichnet.

Warum Klara plötzlich Zweifel bekommt und von ihrem Ministeramt zurücktreten will, teilt sich aus der privaten Innerlichkeit nicht wirklich mit und bleibt unrealistisch, paradox in dieser Realsatire, aufgesetzt. Im Gegensatz zu den fünf anderen Schauspielern, die jeweils mehrere Rollen übernehmen und darin immer noch glaubwürdig bleiben, kabarettreif, überzeugend, entlarvend.   

Kasperletheater oder Brandmauer-Spektakel

Spartanisch – wie immer im Metropoltheater – und umsoaussagekräftiger als Klaras innerer Gesinnungswandel ist das Bühnenbild, das mit einem Leuchtring am Boden eine (Kampf-)Arena andeutet. Auf der steht ein überlanger Tisch auf Rollen, der zwischendurch langsam gedreht wird – wie die Politik, die sich dreht und windet. Das ganze vor einer hohen, dichtenBretterwand, hinter der aus gegebenem Anlass mal wie Muppets maskierte Wutbürger auftauchen, mal Proleten mit "Ausrufezeichen! Ausrufezeichen!" den Shitstorm loslassen, mal die Sonntagsfrage-Demoskopie mit Tortendiagrammen und Prozentbalken und einer jubelnden Fernsehmoderatorin gezeigt wird. Kasperletheater oder Brandmauer-Spektakel, die Politik gestaltet sich als Abrissbirne. Im wahrsten Sinne des Wortes hinreißend, auch schauspielerisch, sind die Parodien einer "Markus Lanz"-Talkshow Einlage sowie das verschwurbelte Sprücheklopfen des Bundeskanzlers über das Zerbröseln der Brandmauer aus "staatspolitischer Verantwortung" und das erbärmliche Hakeln der abgewählten Restparteien für eine nicht mögliche Koalition unter dem (amtierenden) Bundeskanzler.

So weit, so realistisch. Und so gespenstisch die Erkenntnis, dass man das hätte alles längst wissen können, wie es politisch läuft. Wenn denn die Medien ihrer aufklärenden, kritischen Rolle gerecht geworden wären. Gut, dass Schölch auf den jetzt-haken-wir-uns mal -alle-unter- und -hoffen auf bessere-Zeiten- Schluss in der Buchvorlage verzichtet hat und stattdessen auf nüchternes Mahnen des gutbürgerlichen Publikums setzt. Das zeigt sich – auch wie immer -  geduldig und jubelt seiner eigenen Beschimpfung zu. Es reicht eben nicht, der Politik wie bei einem Theaterstück zuzuschauen und zu meinen, ist ja alles nur Theater.  

Nächste Aufführungen: 4.7., 7.7., 8.7., 9.7. 11.7.,12.7., 18.7., 21.7.,25.7.,26.7., 28.7.-1.8., 5.8. – 9.8., 11.8.-14.8. 

 

Kartenpreise: 20 € /25 €