Für die einen ist Einkaufen Alltag, für die anderen echter Stress. Laute Musik, helle Beleuchtung, piepsende Kassen, Durchsagen, Menschenmengen und hektische Bewegungen: Was die meisten kaum bewusst wahrnehmen, kann neurodivergente Menschen schnell überfordern.
Sie berichten von Reizüberflutung, Konzentrationsproblemen, innerer Unruhe oder sogar körperlichen Stressreaktionen. Für einige wird ein einfacher Einkauf dadurch zur enormen Belastung.
Genau deshalb erhält das Thema "reizarmes Einkaufen" zunehmend Aufmerksamkeit. Nun geht auch IKEA Deutschland einen großen Schritt in diese Richtung.
Neurodivergenz verstehen: Wenn Wahrnehmung anders funktioniert
Der Begriff beschreibt Menschen, deren Gehirn Informationen anders verarbeitet als das der sogenannten neurotypischen Mehrheit. Dazu gehören unter anderem Menschen mit:
- Autismus-Spektrum-Störung,
- ADHS,
- Dyslexie oder Dyskalkulie,
- Tourette-Syndrom,
- sowie sensorischen Verarbeitungsbesonderheiten.
Teilweise kommen auch Angststörungen oder andere neurologische Besonderheiten hinzu.
Wie viele Menschen betroffen sind, lässt sich nicht exakt erfassen. Allein ADHS betrifft Schätzungen zufolge mehrere Millionen Menschen in Deutschland, Autismus etwa ein bis zwei Prozent der Bevölkerung. Fachleute gehen davon aus, dass insgesamt ein erheblicher Teil der Gesellschaft neurodivergent ist, viele davon ohne offizielle Diagnose.
Was für andere nur Hintergrundgeräusche sind, kann für neurodivergente Menschen schnell zu viel werden. Einkaufszentren oder große Möbelhäuser gelten oft als besonders reizintensive Orte. Menschen beschreiben dabei zum Beispiel eine starke Überforderung durch Geräusche, Probleme bei der Orientierung, Stress durch Menschenmengen oder sogar sogenannte "Meltdowns" bzw. einen völligen Rückzug nach einer Reizüberflutung.
Die stille Stunde bei IKEA: Ein neues Einkaufskonzept
Gerade deshalb möchte IKEA hier etwas verändern. Wie das Unternehmen in einer Pressemitteilung vom 20. Mai bekannt gab, führt es deutschlandweit eine "stille Stunde" für reizarmes Einkaufen ein. Das Angebot ist Anfang Juni gestartet und soll immer mittwochs von 17 bis 19 Uhr stattfinden.
Während dieser Zeit werden die Einrichtungshäuser gezielt angepasst, um Reize zu reduzieren und ein barriereärmeres Einkaufserlebnis zu schaffen.
So wird der Einkauf ruhiger: Maßnahmen im Überblick
Geplant sind unter anderem keine Hintergrundmusik, keine nicht sicherheitsrelevanten Durchsagen, eine reduzierte Lichtintensität, weniger lärmintensive Arbeiten und eine Reduzierung der visuellen Reize.
Bereits einzelne IKEA-Standorte hatten zuvor ähnliche Konzepte getestet, etwa in Duisburg. Dort gab es bereits eine "Stille Stunde" mit reduzierter Geräuschkulisse und Reizen.
Erste Erfahrungen und Vorbilder aus anderen Branchen
IKEA ist damit nicht allein. Immer mehr Unternehmen beschäftigen sich mit reizarmen Angeboten und inklusiverem Kundenservice.
So führte die Deutsche Telekom etwa Anfang 2026 in ausgewählten Shops die "Magenta Stille Stunde" mit gedämpftem Licht, weniger Geräuschen und ruhigerer Beratung ein.
International gibt es solche Konzepte schon länger, besonders in Supermärkten. Während bestimmter Zeiten wird dort die Musik ausgeschaltet, die Kassen leiser gestellt oder das Licht gedimmt.
Inklusion statt Komfort: Warum Reizarmut gesellschaftlich wichtig ist
Viele Menschen unterschätzen, wie belastend Reizüberflutung sein kann. Für neurodivergente Personen entscheidet eine angepasste Umgebung oft darüber, ob sie am Alltag selbstständig teilnehmen können oder nicht.
Deshalb geht es bei solchen Angeboten nicht nur um Komfort, sondern um Inklusion und Barrierefreiheit.