Wer heute durch Wässerndorf spaziert, begegnet einem fränkischen Dorf, das Ruhe ausstrahlt. Rund 230 Menschen leben hier, zwischen Weinbergen, Feldern und den Resten einer bewegten Vergangenheit. Doch die Geschichte des Ortes erzählt von Adel und Krieg, von einer zerstörten Schlossanlage und vor allem von Menschen, die ihre Heimat verloren und in Wässerndorf eine neue fanden.
Besonders sichtbar wird diese Verbindung in der evangelischen Michaelskirche am Ortsrand. Dort wird nicht nur evangelischer Glaube gelebt. Das Gotteshaus ist zugleich ein Erinnerungsort für die Menschen aus Bonnland, einem ab 1937 abgesiedelten Dorf, das heute noch als Ortskampfanlage auf dem Truppenübungsplatz Hammelburg in der Rhön verwendet wird. Pfarrerin Julia Röthig, die seit viereinhalb Jahren gemeinsam mit ihrem Mann Daniel die evangelische Gemeinde betreut, erlebt diese Geschichte nicht als abgeschlossenes Kapitel. "Die Ökumene ist hier gelebter Alltag", sagt sie. Wässerndorf ist traditionell katholisch geprägt, die evangelische Gemeinde ist eine von sechs Gemeinden innerhalb der Pfarrei Gnötzheim im Dekanat Uffenheim. Gerade deshalb steht die Michaelskirche auch für das Ankommen der evangelischen Familien aus Bonnland in der katholisch geprägten Region.
Bonnland: Ehemals lebendiges Dorf, heute Schauplatz für Häuserkampf
Bonnland war einst ein lebendiger Ort. Bereits 1893 richtete das bayerische Kriegsministerium dort einen Truppenübungsplatz ein. Dafür wurden landwirtschaftliche Flächen enteignet. Nach dem Ersten Weltkrieg erhielten die Bauern ihre Äcker 1918 zwar als Pachtgrundstücke zurück, doch die Ruhe sollte nicht lange dauern.
Mit der Erweiterung des Übungsgeländes kam Mitte der 1930er-Jahre das endgültige Aus für das Dorf. Zwischen 1936 und 1938 mussten Bonnland und das benachbarte Hundsfeld geräumt werden. Die etwa 280 Einwohner Bonnlands verloren ihre Heimat. Für die betroffenen Familien begann eine Umsiedlung, die sie in ganz unterschiedliche Gegenden führte. Ein Teil von ihnen kam nach Wässerndorf. Dort wurden Gutshöfe, die zuvor zur Herrschaft der Fürsten von Schwarzenberg gehört hatten, für die Ansiedlung der Bonnländer herangezogen. Die Gutshöfe wurden 1938 vom Reichssiedlungsamt eingezogen.
"Meine Familie musste 1938 ihre Heimat verlassen", erzählt Willi Köhler. Der 1959 geborene Kirchenvorsteher ist selbst erst nach der Umsiedlung geboren worden, doch Bonnland gehört für ihn bis heute zur Familiengeschichte. Als Kind fuhr er mit seinen Angehörigen immer wieder an den verlassenen Ort. "Wenn wir heute unten den ehemaligen Hof besichtigen, steht der noch mit derselben Grundlinie da, mit dem Ziegenstall, genauso, wie meine Familie ihn 1938 verlassen hat."
Evangelische Kirche für die neuen Siedler
Pfarrerin Röthig kennt auch die Zahlen hinter dieser Geschichte. "Aus Bonnland wurden damals 16 Familien nach Wässerndorf umgesiedelt", erzählt sie. Ein eigenes Gotteshaus gab es zunächst nicht. Erst in den 1960er-Jahren wurde der Wunsch Wirklichkeit. 1965 und 1966 entstand die Michaelskirche; am 17. Juli 1966 wurde sie eingeweiht.
Mit dem Kirchenbau erhielt die evangelische Gemeinde nicht nur einen eigenen Raum für Gottesdienste. Die ehemaligen Bonnländer konnten zugleich Erinnerungsstücke aus ihrer verlorenen Heimat sichern. In den 1960er-Jahren wurden historische Grabplatten und Epitaphien aus Bonnland geborgen. Auch der mächtige steinerne Löwe, der einst am Kriegerdenkmal unterhalb von Schloss Greifenstein gestanden hatte, wurde nach Wässerndorf gebracht. Heute steht er vor der Michaelskirche.
Besonders eindrucksvoll ist die Epitaphenhalle neben dem Kirchengebäude. Darunter findet sich der Name einer Frau, der unmittelbar mit einem der berühmtesten deutschen Dichter verbunden ist: Henriette Emilie Luise Freifrau von Gleichen, genannt von Rußwurm, geborene von Schiller. Sie war die jüngste Tochter von Friedrich Schiller und dessen Ehefrau Charlotte von Lengefeld. Die Inschrift ihrer Grabplatte nennt als Geburtsdatum den 25. Juli 1804 in Jena und als Sterbeort Greifenstein bei Bonnland, wo sie am 25. November 1872 starb.
Henriette von Schiller heiratete Heinrich Adalbert von Gleichen-Rußwurm und lebte auf Schloss Greifenstein bei Bonnland. Dort kümmerte sie sich nicht nur um ihre Familie, sondern war auch im Dorf sehr beliebt. Die Bonnländer gaben ihr den liebevollen Beinamen "Schillerfräla". Die Verbindung der Familie Schiller mit Bonnland reicht sogar über Henriette hinaus. Charlottes von Lengefeld, Friedrich Schillers Ehefrau, war bereits vor ihrer Heirat mit Friederike Sophie Dorothea von Holleben befreundet gewesen. Diese wurde später die Ehefrau des Bonnländer Schlossherrn Wilhelm Heinrich Carl von Gleichen-Rußwurm. Damit treffen zwei Geschichten aufeinander: die Geschichte einer adeligen Familie und die Geschichte einfacher Bauernfamilien, die Jahrzehnte später ebenfalls ihre Heimat verlassen mussten.
Relikte aus Bonnland kommen nach Wässerndorf
Für Willi Köhler ist diese Verbindung besonders wertvoll. Köhler erinnert sich an die Zustände in der alten Bonnländer Kirche. Während der Nachkriegsjahre verfiel das Gebäude, während auf dem Gelände bereits militärisch geübt wurde. "Die haben auf nichts aufgepasst. Die Kirche war oben auf der Empore völlig verrümpelt", berichtet er. Später verlangte die Infanterieschule Hammelburg die Original-Grabplatten zurück. Schließlich einigte man sich darauf, die Originale wieder nach Bonnland zu bringen und in Wässerndorf Nachbildungen anzubringen. Diejenigen, die Bonnland noch aus eigener Anschauung kannten, werden weniger. Umso wichtiger werden die erhaltenen Gebäude, Grabplatten und Erzählungen.
Das gilt auch für die Ruine von Schloss Greifenstein in Bonnland. Sie bildet eine zweite wichtige historische Spur. Während die Michaelskirche in Wässerndorf für den Neubeginn steht, erinnert die Ruine an den endgültigen Verlust der alten Heimat. Nur an bestimmten Tagen können ehemalige Bewohner heute noch dorthin zurückkehren. Erntedank und Allerheiligen bieten Gelegenheit, den früheren Heimatort im militärischen Sperrgebiet zu besuchen.
Auch Wässerndorf selbst besitzt mit seiner Schlossruine ein markantes Zeugnis der Vergangenheit. Die Geschichte des Schlosses reicht weit zurück. Bereits 1155 wird mit "Eispertus de Sovensheim" ein Angehöriger der Herren von Seinsheim urkundlich erwähnt. Für 1263 ist Wässerndorf als Besitz der Seinsheimer Hauptlinie belegt. In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts dürfte an der Stelle des späteren Schlosses eine Wasserburg entstanden sein.
Im frühen 16. Jahrhundert wechselten die Besitzanteile. 1502 erwarb Johann von Schwarzenberg zwei Viertel des Wässerndorfer Besitzes. 1538 kam ein weiteres Viertel hinzu, 1550 schließlich das letzte. Damit befand sich Wässerndorf vollständig in der Hand der Schwarzenberger. Friedrich von Schwarzenberg begann 1555 mit dem Bau des repräsentativen Schlosses, das die ältere Burganlage ersetzte beziehungsweise überformte.
Die Schwarzenberger prägten Wässerndorf über Jahrhunderte. Das Schloss diente zeitweise sogar als Residenz, später war es vor allem Sitz eines Vogteiamtes. Im 18. Jahrhundert wurde die Anlage unter anderem baulich verändert: Die ursprüngliche Zugbrücke wurde durch eine steinerne Brücke ersetzt. Nach dem Ende der alten Herrschaftsordnung fiel das vormals hochstiftisch-würzburgische Lehen 1814 an das Königreich Bayern.
Im 20. Jahrhundert kam es erneut zu einem grundlegenden Besitzerwechsel. Ab 1910 bewohnte die Familie von Pölnitz das Schloss. 1936 wurde das Schloss und Gut von den Nationalsozialisten enteignet. Das Schloss ging zunächst in das Eigentum des Freistaats Bayern über und wurde nach Angaben der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns um 1944 an den Erlanger Geschichtsprofessor Götz Freiherr von Pölnitz weiterverkauft.
Kurz vor Ende des Krieges wurde das Schloss zerstört
Nur wenige Monate später endete die Geschichte des Schlosses als bewohnter Adelssitz. Am 5. April 1945, wenige Wochen vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, wurde Wässerndorf von amerikanischen Truppen eingenommen. Im Schloss hatten damals zwischen 80 und 100 Menschen Zuflucht gesucht. Nach einem Schuss auf einen amerikanischen Offizier eskalierte die Situation. Das Schloss wurde in Brand geschossen und brannte vollständig aus. Dabei gingen auch wertvolle Kunstgegenstände und Archivalien verloren, die aus dem Würzburger Staatsarchiv ausgelagert worden waren. Ein Nachbar, der versuchte, den Brand zu löschen, wurde erschossen; die Anlage wurde schließlich mit Phosphor in Brand gesetzt.
Philipp Rützel, Vorsitzender des Schlossruinenvereins, beschäftigt sich bis heute mit dieser Geschichte. Für den 30-Jährigen ist Wässerndorf mehr als ein Wohnort. "Wässerndorf ist für mich nicht nur Heimat, es ist ein Stück meiner DNA", sagt er. Seit der Gründung des Schlossruinenvereins 2005 ist er dabei, zunächst als jüngstes Gründungsmitglied, inzwischen als Vorsitzender. "Das ist ein Herzensding."
Die Arbeit ist nicht einfach, denn die Ruine befindet sich heute in Privatbesitz und ist normalerweise nicht zugänglich. Nur zu besonderen Anlässen wie dem Tag des offenen Denkmals können Führungen stattfinden. Dennoch forscht der Verein weiter. Zuletzt stießen die Mitglieder unter anderem auf Hinweise darauf, dass im Schloss einst eine Außenstelle der Brauerei Marktbreit untergebracht gewesen sein könnte.
Doch Wässerndorf ist nicht nur ein Ort der Erinnerung an Zerstörung. Es ist auch ein Beispiel dafür, wie aus Fremden Nachbarn werden können. Die ökumenische Zusammenarbeit ist für Pfarrerin Röthig deshalb ein wichtiger Teil des heutigen Gemeindelebens. Beim Tag des offenen Denkmals am 13. September wird traditionell ein großer ökumenischer Gottesdienst gefeiert. Die Predigt wechselt zwischen den Konfessionen. Dazu kommen Kreuzwege und Friedensandachten auf dem Dorfplatz. Eine evangelische Christmette unter freiem Himmel wurde vor einigen Jahren ebenfalls zu einem besonderen Erlebnis: Fast ebenso viele Katholiken wie Protestanten nahmen daran teil. "Es war einfach richtig schön und hat gezeigt, wie wichtig uns die Ökumene ist", erinnert sich Röthig.
Die Geschichten von Bonnland, des Schlosses und der evangelischen Gemeinde sind längst miteinander verwoben.
INFO: Am Sonntag, 13. September, ist die Schlossruine Wässerndorf von 11.30 bis 15.30 Uhr geöffnet. Führungen finden um 11.30, 13.30 und 15.30 Uhr statt und dauern jeweils etwa 30 Minuten. Der Zutritt zur Ruine ist nur im Rahmen einer Führung möglich; Helme werden vom Schlossruinenverein bereitgestellt. Bereits um 10.30 Uhr beginnt auf dem Festplatz ein ökumenischer Gottesdienst. Anschließend gibt es historische Handwerkervorführungen, Ritterschaukämpfe und Bewirtung.