17.01.2017
Kommentar

Arme brauchen eine größere Lobby

Warum es unverantwortlich ist, Deutschland als reich zu bezeichnen. Kommentar von Nadja A. Mayer
Die Schere zwischen Arm und Reich geht weiter auseinander.
Die Schere zwischen Arm und Reich geht in Deutschland weiter auseinander: Die obersten zehn Prozent der Haushalte in Deutschland verfügen über mehr als 50 Prozent des Nettovermögens – die untere Hälfte nur über ein Prozent.

Es ist keine Neuigkeit, dass das Geld in der Welt ungerecht verteilt ist. Dies bestätigt einmal mehr der jüngst veröffentlichte jährliche Bericht des Hilfswerks Oxfam: Acht Milliardäre besitzen mehr Vermögen als die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Laut den Zahlen zählt auch Deutschland zu den wohlhabenden Ländern: Hier besitzen 36 Milliardäre so viel Vermögen (279 Milliarden Euro) wie die ärmere Hälfte der Bevölkerung.

Davon auszugehen, Deutschland sei ein reiches Land, ist dennoch falsch. Mehr noch: Diese These zu vertreten ist äußerst verantwortungslos. In diese Kerbe schlägt etwa der unlängst veröffentlichte »Armuts- und Reichtumsbericht« der Bundesregierung. Die Kernaussage legt beinahe utopische Verhältnisse für Deutschland nahe: Das Jobwunder kennt kein Ende, die Löhne steigen – und das Vermögen wird immer gerechter verteilt.

Dass etwa mehr als eine Million alte Menschen in Armut leben und auf Grundsicherung angewiesen sind – die Diakonie geht von einer ebenso hohen Dunkelziffer aus – hat der Bericht nur am Rande erwähnt. »Die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Bericht tauchen nur sehr verdeckt auf«, kritisierte die Diakonie. Kinderarmut, Wohnungsnot und Benachteiligung von Frauen, etwa alleinerziehenden, würden darin nicht aufgearbeitet.

Wer das Gerechtigkeitsthema nicht anspricht, hilft den Populisten

Statt für all diejenigen jedoch eine Lobby zu schaffen, geht von den Kirchen ebenso das Signal aus, Deutschland sei mit großem materiellen Wohlstand gesegnet und müsse daher dazu beitragen, andere daran teilhaben zu lassen.

Doch an wen ist diese Aufforderung, die – gemessen am Gesamtvermögen – sicherlich richtig ist, eigentlich adressiert? Geht sie an die Generation der Erben, die ihren Luxus zum größten Teil den Eltern zu verdanken haben genauso wie an die Familien, die gerade so die überteuerte Miete für die Wohnung aufbringen können? Geht sie an die Rentner, die mehrere Wochen auf den Kanaren überwintern, ebenso wie an die Witwe, die sich am Ende des Monats nicht mehr die Fahrkarte zu den Enkelkindern leisten kann? Hier müssen die Kirchen genau benennen, wen sie zum Teilen auffordern.

Denn gerade diejenigen, die dem »Armuts- und Reichtumsbericht« nur eine Randnotiz wert sind, haben Lobby-Arbeit dringend nötig. Mit der allgemeinen Aussage »Deutschland sei wohlhabend« werden die Menschen ansonsten in die Hände derjenigen getrieben, die der Gesellschaft am meisten schaden.

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Sonntagsblatt