6.02.2019
Bücher

Paul McCartney legt Lösungen für die Klimaerwärmung vor

Paul McCartney schreibt ein Buch über Klima- und Tierschutz. Die Kurzformel "Less meat, less heat" (zu Deutsch: weniger Fleisch, weniger Erwärmung) soll ein "Rezept für unseren Planeten" sein, wie der Untertitel des im Claudius-Verlag erschienenen Werks vermitteln will. Reiht sich der Ex-Beatle da in die Riege der Promis ein, die auf den Wohltätigkeitstrip geraten sind? Mitnichten. McCartneys Werk spiegelt die in über 40 Jahren gereiften Überzeugungen des britischen Musikers wider, deren Wurzeln im Ende der größten Band der Welt zu finden sind.
Paul McCartney

Wer bei "Less meat, less heat" ein umfangreiches Werk mit vielen Zahlen, Fakten und Fallbeispielen erwartet, wird sich wundern, wenn er ein lediglich 72 Seiten dickes Büchlein in der Hand hält, das den Titel (Hosen-)Taschenbuch redlich verdient. Was vielleicht daran liegt, dass es streng genommen kein als "Buch" angelegtes Statement des Autors ist, sondern die mit Fotos, Zeichnungen und – zur Auflockerung – drei persönlichen Kochrezepten angereicherte Druckversion einer Rede, die Paul McCartney im Jahr 2009 vor dem Parlament der Europäischen Union in Straßburg zum Tagesordnungspunkt "Globale Erwärmung und die Nahrungsmittelpolitik: weniger Fleisch = weniger Erwärmung" hielt. Claudius-Verlagsleiter Martin Scherer entdeckte die Rede im Internet und hatte die Idee, daraus ein Buch zu machen. Es wurde Kontakt mit Paul McCartneys Büro aufgenommen, wo man die Verantwortlichen überzeugte, dass der Text wahrscheinlich irgendwann in den Weiten des Netzes verlorenginge, wenn er nicht als Buch erschiene. Dass McCartneys Worte auch noch zehn Jahre später ihre Gültigkeit haben, zeigt, wie dringend das Problem der globalen Erwärmung immer noch ist. In Buchform kann man die Botschaft buchstäblich mit den Händen greifen.

McCartney bezeichnet die Lektüre eines Berichts der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2006 als Anstoß für seine Autorentätigkeit, da der UN-Text "Der lange Schatten der Tierhaltung" nicht von überzeugten Vegetariern wie ihm, sondern von vermeintlichen "Fleischessern" verfasst wurde, die seine Haltung zum Tierschutz teilten.

 "Veggie Day"

Noch bevor er seine Überzeugungen mit zahlreichen Beispielen und Zahlen untermauert, schlägt McCartney eine Maßnahme vor, mit der die Probleme der globalen Erwärmung vielleicht nicht gelöst, aber zumindest gemindert werden könnten: ein fleischfreier Montag. Das erinnert hierzulande ein bisschen an den "Veggie Day", einen Vorschlag der Grünen im Bundestagswahlkampf 2013, nach dem ein fleischfreier Tag an öffentlichen Kantinen und Schulen zur Pflicht gemacht werden sollte. Die Idee nach einem bereits 2010 auf einer Bundesdelegiertenkonferenz gefassten Beschluss sollte demnach als eine "wirksame Demonstration" verstanden werden, mit der "mehr Menschen zum Nachdenken über ›eingefleischte‹ Konsumgewohnheiten" bewegt werden könnten.

Die Grünen verbrannten sich an ihrem Vorstoß damals die Finger: Sie beförderten damit weiter ihr Image als "Verbotspartei". Paul McCartney, als Schöpfer zahlreicher Hits für Generationen und von der Queen geadelter Konsens-Saubermann dagegen, würden wohl die wenigsten an den öffentlichen Pranger stellen. Was nicht nur daran liegt, dass man hinter den Augen des in Würde gealterten 76-Jährigen auch heute noch den unschuldigen Pilzkopf sieht, der mit seinen Kumpels John Lennon, George Harrison und Ringo Starr zu Beginn der 1960er-Jahre Pop-Geschichte schrieb. McCartney schreibt seine Idee des fleischfreien Montags nicht mit ernster Miene und erhobenem Zeigefinger vor, sondern stellt sie als sinnvolle und nachhaltige Alternative dar, die sogar Spaß machen könnte.

Motto-Song zum Mitsingen

Und er hat sogar einen Song darüber geschrieben: Die eingängige Midtempo-Nummer "Meat Free Monday" stellte er im Dezember 2009 kostenlos zum Download auf seine Webseite. Auf YouTube gibt es dazu sogar ein Video, in dem in bester Tradition zum klassischen Bob-Dylan-Clip "Subterranean Homesick Blues" die Textzeilen von verschiedenen Personen abwechselnd in die Kamera gehalten werden. Der Textinhalt ist so leichtgewichtig auf den Punkt gebracht wie das klassische Vers-Refrain-Bridge-Refrain-Vers-Schema des Dreiminüters: Der fleischfreie Montag sei – weil es sich auf Englisch so schön reimt – ein "Spaß-Tag". Man solle an Treibhausgase, schmelzende Polarkappen und steigende Meeresspiegel auf der ganzen Welt denken, kurz: an die Zukunft. Die Melodie und der Text bleiben sofort im Ohr. Kein vielschichtiges Meisterwerk, aber große Pop-Kunst eben, von einem der größten Popsongschreiber des Planeten.

Dem EU-Parlament erklärte McCartney seine Gedanken dann etwas ausführlicher. Seine Thesen halten in ihrer Schlichtheit im Detail möglicherweise dem knallharten Faktencheck nicht stand, leuchten aber vom Grund her ein und sind in der Sache richtig. Hier nur ein paar Beispiele: Die Tierproduktion produziere mehr Treibhausgase als Autos, Züge und Flugzeuge zusammen. Es würden gnadenlos Wälder abgeholzt, um Weideland für Tiere zu schaffen. "Für die Herstellung eines einzigen Hamburgers wird so viel Wasser verbraucht, dass Sie vier Stunden damit duschen könnten", sagt McCartney. Auf die Tierproduktion entfielen acht Prozent des globalen Wasserverbrauchs. Zudem würde jede Menge Lachgas erzeugt, welches das Klima 310-mal stärker anheize und für 114 Jahre in der Atmosphäre verbleibe.

Paul McCartney
Daumen hoch für den Klimaschutz: McCartney macht ernst mit seiner Botschaft, rennt aber keinem Dogma nach.

McCartney wurde vor zehn Jahren der erste britische Botschafter der 2003 in den USA an einer öffentlichen Schule durch den Werbefachmann Sid Lerner gestarteten Kampagne "Meatless Monday". Seither ist die von zahlreichen Vertretern der – fleischlosen – Lebensmittelindustrie unterstützte Bewegung nach eigener Aussage in rund 40 Ländern der Erde unterwegs und wirbt an Schulen und bei Politikern für einen fleischfreien Montag.

McCartney ist die Sache ernst und beileibe keine schöne Nebenbeschäftigung zwischen Konzerten, Plattenaufnahmen und Partys: 2017 produzierte er einen Kurzfilm mit dem Titel "One Day a Week". Darin treten McCartneys Töchter Mary und Stella McCartney ebenso auf wie die Schauspieler Woody Harrelson und Emma Stone, die zu wunderschön aufgenommenen Naturbildern, die im Kontrast zu Videos von Smog und Massentierhaltung stehen, eindringliche Appelle an die Zuschauer senden. "Es gibt einen einfachen, aber wichtigen Weg, um den Planeten und alle seine Bewohner zu schützen", sagt Paul McCartney selbst in dem Streifen. "Es fängt mit nur einem Tag ohne den Verzehr tierischer Produkte in der Woche an. Das kann einen großen Beitrag dazu leisten, das empfindliche Gleichgewicht aufrechtzuerhalten, das uns alle stützt. " Ziel der fleischfreien Montage sei es, sein Bewusstsein zu schärfen und sich dazu inspirieren zu lassen, seine Ernährungsgewohnheiten auf einfache Weise zu ändern.

Tiefe Krise nach dem Ende der Beatles

Wer sich immer noch verwundert die Augen reibt, wieso ausgerechnet Paul McCartney ein freundliches "Let it be" in Richtung des Fleischkonsums schickt, muss etwa ein halbes  Jahrhundert zurückgehen: Als McCartney die Auflösung der Beatles bekannt gab, war er gerade mal 27 Jahre alt – und stand plötzlich vor einem großen Nichts. John, George und Ringo kannte er seit seiner Jugend. Sie waren nicht nur eine Band, sie waren auch seine Freunde und seine Familie. Doch die Familienmitglieder hatten sich zum Ende der Swinging Sixties auseinandergelebt: Lennon hatte sich Hals über Kopf in die Fluxus-Künstlerin Yoko Ono verliebt und nahm seine Muse praktisch überallhin mit. Auch ins Tonstudio, wie mehr oder weniger eindrucksvoll auf Teilen des "White Album" von 1968 zu hören ist. George Harrison war ebenfalls in festen Händen, ließ sich jedoch weniger von Model-Gattin Pattie Boyd beeindrucken als von Guru Maharishi Mahesh Yogi, der den Gitarristen in die transzendentale Meditation und den Krishna-
Kult einführte. Und der so ruhig wirkende Ringo Starr entwickelte sich zum Partylöwen des Jet Set.

Paul McCartney hatte 1969 die Fotografin Linda Eastman geheiratet, die bereits Tochter Heather mit in die Ehe brachte und bald mit Stella schwanger wurde. Die blasse Blondine hatte weitaus weniger Skandalfaktor als Yoko Ono zu bieten und war auch kein begehrtes Fotomodell wie Harrisons’ Pattie. Dafür schenkte sie ihrem Paul Gelassenheit und familiäre Kontinuität. Und die hatte der Musiker auch bitter nötig, der sich jetzt in den Alkohol stürzte und sich mit seinem ehemals besten Freund Lennon in Interviews und Songs einen verbalen Schlagabtausch lieferte.

Das Landleben tat den McCartneys gut

Die McCartneys zogen auf die Farm auf der schottischen Halbinsel Kintyre, die Paul gekauft hatte. Dort verkroch sich die Familie, gab sich einem puristischen Dasein als Farmer hin, das erst wieder Fahrt aufnahm, als Linda den voranschreitenden Absturz ihres Gatten nicht mehr ertrug und ihn zum Songschreiben verdonnerte. Das Cover von McCartneys zweitem Soloalbum "Ram" zeigt ihn, während er ein Schaf am Kopf packt. Kollege Lennon karikierte diese Szene auf seinem Album "Imagine", auf dessen Coverrückseite er ein Schwein packt.

Das Musikmachen verlieh Paul wieder Flügel, die Band "Wings" entstand, es ging aufwärts. Das Landleben tat den McCartneys gut. Und eines Tages hatte Linda der Legende nach, wie sie McCartney einige Male in Interviews schilderte, ein Schlüsselerlebnis mit einem kleinen Lamm, das gerade zur Türe hereinspazierte, als die Familie über einem Lammbraten beim Essen saß. Ein Erlebnis wie ein Wink mit dem Zaunpfahl. Noch 2017 erzählte McCartney der Chefredakteurin Susan Golden des Magazins "National Geographics" die Geschichte, dass dieses kleine Schaf ein Umdenken in Gang setzte. Mit Folgen für die gesamte Familie.

Nicht nur, dass die McCartneys ab Mitte der 1970er geschlossen zu Vegetariern wurden. Linda McCartney brachte mehrere Bücher zum Kochen vegetarischer Gerichte heraus und gründete 1991 sogar ein Unternehmen für vegetarische Fertigprodukte, das noch heute Burger oder Würste aus Analogfleisch vertreibt. 1998 gründete sie außerdem ein eigenes Radsportteam, dessen Fahrer sich ausschließlich vegetarisch ernähren. Paul McCartney bezeichnet seine 1998 an Brustkrebs verstorbene Frau noch heute als eine Pionierin des Vegetarismus, was mit Sicherheit für die Glamourwelt der Pop- und Filmstars gilt.

Vegane Mode

Doch auch die Kinder tragen diesen Geist weiter: Stella McCartney macht seit Jahren als Schöpferin von veganer Mode von sich reden. Schwester Mary fotografiert wie ihre Mutter, allerdings keine Popstars, sondern gerne auch mal Kampagnen für die weltweit größte Tierrechtsorganisation PETA. Und auch Sohn James engagiert sich regelmäßig in der Öffentlichkeit für die Rechte von Tieren.

Die Familie McCartney und ihr Vegetarismus sind also längst in der Pop-Kultur angekommen. 1995 bereits spielten Paul und Linda eine Rolle in der US-Zeichentrickserie "Die Simpsons" in der Folge "Lisa als Vegetarierin". Bedenkt man, dass die McCartneys in den 1970ern mit ihrem Landliebe-Charme oder leichtfüßigen Pop-Stücken wie "Silly Love Songs", die in Kontrast zu Lennons coolem Politrevoluzzer-Image und seinen mit Blues getränkten sozialkritischen Stücken wie "Working Class Hero" standen, alles andere als "hip" waren, eine erstaunliche Entwicklung.

2019 ist Paul McCartney mit "Less meat, less heat" in einer Gegenwart, in der alle Welt sich um den Klimaschutz streitet, auf der Höhe der Zeit angekommen. Mit einer Botschaft, die man schon gefühlte 1000 mal gehört hat, die aber einem Mann in den 70ern, der zahlreiche Enkel hat, gut zu Gesicht steht. Oder wie er selbst am Ende seiner Rede im EU-Parlament schreibt: "Für uns selbst – und für unsere Kinder und Kindeskinder, die diesen Planeten von uns erben werden: Essen Sie einen Tag lang kein Fleisch. Danke!"

McCartneys Rezept: Tacos mit Bohnenmus

Zutaten: für die Tacos 1 mittlere Zwiebel, gehackt; 1 Esslöffel Olivenöl; 230 g gebratene braune Bohnen aus der Dose (Frijoles refritos); 2 mittelgroße Tomaten, klein geschnitten; 1 – 2 Teelöffel Chilisauce (wahlweise); 4 Tortillas; 40 g veganer Cheddarkäse, gerieben; 1 Salatherz, klein geschnitten; Salz.

Zum Servieren: Avocado, geschält, entkernt und in Scheiben geschnitten; veganer Sauerrahm; ein Spritzer Limetten- oder Zitronensaft.

Zubereitung: In einer großen Pfanne die gehackte Zwiebel in ein wenig Olivenöl vier bis fünf Minuten glasig dünsten, bis sie weich, aber nicht braun ist. Die Bohnen zugeben. Die Tomatenstücke unterrühren und braten, bis sie schön warm sind. Mit Salz abschmecken. Wenn Sie Ihre Tacos scharf mögen, fügen Sie 1 – 2 Teelöffel Chilisauce hinzu. Erwärmen Sie die Tortillas nach Packungsanweisung und füllen Sie sie zur Hälfte mit der Bohnenmasse. Geben Sie die Salatstreifen drüber, bestreuen Sie sie mit geriebenem Käse. Garnieren Sie sie mit ein paar Avocadoscheiben und dem Sauerrahm.

Buch-Tipp

Paul McCartney: Less Meat Less Heat. Ein Rezept für unseren Planeten.

Paul McCartney: Less Meat Less HeatPaul McCartney: Less Meat Less Heat. Ein Rezept für unseren Planeten.

64 Seiten, Claudius Verlag, München 2019

ISBN: 978-3-532-61000-8

12,00 €

 

 

 

 

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