Gastbeitrag
Fünf Jahre hat Maike Telkamp die Koordinationsstelle Flüchtlingsarbeit im Evangelisch-Lutherischen Dekanat München betreut. In ihrem Gastbeitrag zieht sie Bilanz.
Maike Telkamp
Maike Telkamp

Es klingelt an der Tür: Sabine besucht mich in meinem Büro. Sie betreut seit mehreren Jahren Geflüchtete für ihre Kirchengemeinde, mittlerweile sogar im Nebenjob für eine Münchner Initiative. Djimon, der junge Nigerianer, für den sie mich um Hilfe bittet, wartet schon seit knapp einem Jahr auf eine Auszugsgenehmigung aus der staatlichen Unterkunft, mittlerweile ist eine chronische Erkrankung als Auszugsgrund hinzugetreten. Bei einem Kaffee sortieren wir gemeinsam die Bestätigungen, telefonieren uns zum zuständigen Beamten durch und formulieren dann ein Schreiben an die Behörde. "Danke", sagt Sabine, die selbst Migrationsgeschichte hat, "ohne Dich hätte ich den Überblick verloren!"

Soviel ist sicher: Bei mir ist kein Tag ist wie der andere, kein Fall gleicht dem anderen! Mal geht es um die Suche nach einem Deutschkurs oder einer Wohnung für Menschen mit Fluchtgeschichte, mal möchte sich eine ehrenamtlich engagierte Person weiterbilden, mal braucht eine Pfarrperson Hilfe für das Anliegen eines neu zugewanderten Gemeindemitglieds, mal sucht eine Initiative Mittel für ihr Projekt. Ich habe zwar meist nicht selbst die Lösung, kenne aber fast immer jemanden, der weiterhelfen kann und vermittle gern!

Als Flüchtlingskoordinatorin kann ich auf ein weit verzweigtes Netzwerk bezüglich "Flucht und Migration" zurückgreifen. Auf diese Weise helfe ich Haupt- und Ehrenamtlichen in der Flüchtlingsarbeit, wenn sie Unterstützung bei ihrer Arbeit brauchen. In ihren Helferkreisen sind freiwillig Engagierte zwar meist gut angebunden und betreut, daher sind es oft kurzfristige Probleme, bei denen sie Beratung brauchen. Manchmal fehlt nicht nur der Überblick, sondern auch jemand der zuhört, Perspektive eröffnet und Mut macht, dranzubleiben.

Zu Beginn meiner Arbeit, im Mai 2016, konnte ich schon auf viel Vorhandenes aufbauen: Im Evangelischen Migrationszentrum, in dem ich mein Büro habe, wird schon seit Jahren Migrationsarbeit geleistet. Mit dem "Flüchtlingsjahr" 2015 entstanden jedoch so viele neue Unterstützungsangebote, Initiativen und Fachstellen auf der einen Seite, auf der anderen wurde auch das Bedürfnis nach einem Überblick über Möglichkeiten, Beratung und Hilfe - ob im Ehrenamt oder als Betroffene*r – groß! Deshalb wurde Koordinationsstelle eingerichtet, in der ich die unterschiedlichsten Angebote und Bedarfe zueinander bringe. In meinen 14-tägig erscheinen Newsletter fließen daraus resultierende Kooperationen, Neuigkeiten, Wissenswertes, aktuelle Termine aber auch erlebtes ein, das ich in kurzen Texten voranstelle.

2020 waren über 79,5 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. 26 Millionen dieser Menschen flohen vor Konflikten, Verfolgung oder schweren Menschenrechtsverletzungen weg von ihrer Heimat. Tendenz steigend. Ihre Lebensumstände sind von Unsicherheit und Armut geprägt, häufig auch von Unterdrückung, Krankheit und Gewalt. Auch wenn sich die Lage in Deutschland im Vergleich zu 2015 extrem beruhigt hat: Ein Blick an die europäischen Außengrenzen zeigt, dass uns das Thema Flucht und Asyl auch in den nächsten Jahren weiter beschäftigen wird! Derzeit sind es einzelne "Strohfeuer", die die Aufmerksamkeit auf das Leid der Geflüchteten lenken, wie der Brand in Moria oder Seenotrettungsaktionen. Obwohl im Bereich der Integration der 2015 angekommenen gute Ergebnisse erzielt wurden, setzt die derzeitige Politik auf Abschiebung und Abschottung. Wie lange das angesichts weltweiter Migrationsbewegungen aufrechtzuerhalten ist, wird sich zeigen.

Mit Ende dieses Jahres endet jedoch das Projekt "Koordinationsstelle Flüchtlingsarbeit". Es wurde 2015 als 3-jähriges Projekt aus landeskirchlichen Mitteln der AG Herberge ins Leben gerufen. Aus drei Jahren wurden fünf, in denen ein stabiles kirchliches Netzwerk aus Fachstellen, Engagierten, Interessierten, Förderern und Experten entstand. Außerdem waren durch diese Stelle Angebote und Möglichkeiten des Evang.-Luth. Dekanats nach außen sichtbar und die Flüchtlingsproblematik nach innen präsent. Leider hat sich die Flüchtlingsarbeit in vielen Kirchengemeinden nicht als ein Arbeitszweig verstetigt; mit Rückgang der Flüchtlingszahlen seit 2016 zogen sich die meisten, die in der größten Not Türen und Herzen öffneten, nach und nach auf ihr gemeindliches "Kerngeschäft" zurück. Es bleibt die Gewissheit, dass Kirche "da" ist, wenn sie gebraucht wird!

Im bunten München gibt es immer noch ein vergleichsweise gutes Angebot an Initiativen, Aktionen, Fachstellen und Einrichtungen, die mit ihren Möglichkeiten und den engagierten Ehrenamtlichen für die Integration Geflüchteter arbeiten. Trotzdem braucht es weiterhin ein starkes Bekenntnis auch von Seiten der Kirche, Flucht und Migration nicht nur als kurzfristige Phänomene wahrzunehmen und mit Projekten zu reagieren, sondern sie als eine menschliche Gegebenheit zu würdigen, von Flucht Betroffene noch mehr zu schützen und ihnen mit speziell Beauftragen an besonderen Orten und ihrer Theologie eine Heimat zu geben!

Bei mir persönlich bleibt es spannend, ich freue mich auf neue Herausforderungen.

 

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