"Jetzt sind sie", schreibt Wiebke Hüster in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" nach dem Freitod der Kessler-Zwillinge, "im Alter von 89 Jahren so gestorben, wie sie als Frauen gelebt haben: selbstbestimmt und gemeinsam. Und wohlhabend." Souverän bis zuletzt sozusagen. Und bewundert über das Ende hinaus. Für ein schönes Leben und für einen schönen Tod.

Wer wollte nicht so aus dem Leben gehen? Das ist sie, die rhetorische Frage, die uns diese geradezu romantische und role-modelhafte Selbsttötung eines im Leben und im Tod unzertrennlichen Paares suggestiv auf die Lippen legt.

Weil Sterben Scheiße ist und weil gekonntes Sterben keinen evolu­­tio­­nären Vorteil birgt, scheint der einzige kulturtechnologische Fortschritt des Homo sapiens darin bestehen zu können, wenigstens über den Zeitpunkt und die Art des eigenen Todes frei zu verfügen, wenn schon der Tod nicht besiegt werden kann. Und so werden viele Augen vor allem der Älteren geglänzt haben angesichts des assistierten Münchner Suizids von Alice und Ellen Kessler. Vor Traurigkeit. Vor Rührung. Vor Ehrfurcht vor diesem heroischen Akt. Vielleicht auch vor sentimentaler Ergriffenheit über den Abschiedsbrief der beiden, in dem es heißt: "Wir sehen uns wieder auf Wolke sieben." Vielleicht sogar vor Neid. Gott weiß, wie es hinter der Hochglanzoberfläche dieses schönen Sterbens wirklich aussah. Es ist gut, dass wir es nicht wissen. Und es tut ja vielleicht auch nichts zur Sache. Zur – ethi­schen – Sache tut nur die Frage etwas, ob wir in einer Welt leben möchten, in der solche Freitode nicht nur möglich sind, sondern irgendwann sogar erwartet werden. Eine solche Welt wäre eine Welt, in der Selbstbestimmung gar keine Selbstbestimmung mehr ist, sondern sich nur noch für Selbst­bestimmung hält. Möchten wir also in einer solchen Welt leben? Wenn ich alt wäre, würden meine Augen angesichts der Vorstellung, dass ich mich für mein Weiterlebenwollen in dieser Welt rechtfertigen müsste, auch glänzen - allerdings vor Entsetzen.

Selbstbestimmung zwischen Freiheit und Fluch

Ich will kein Spielverderber der seligen Selbsttötungsverklärung sein, die aus der bittersten Not eine moralische Tugend und aus der Ausweglosigkeit Freiheit macht. Trotzdem wage ich die Bemerkung, dass die letztverbliebene "heilige Kuh" des liberalen Protestantis­mus die Selbstbestimmung sein könnte. Wenn es in einer ihrem Selbstverständnis nach modernen evangelischen Kirche so etwas wie ein Allerheiligenfest gäbe, so würde auf diesem Fest vermutlich die Selbstbestimmung als höchstes Wesen gefeiert werden. Oder präziser gesagt: die individualethische Selbstbestimmung, also die Selbstbestimmung im Blick auf das Projekt des persönlichen Lebens und dessen ethisch-ästhetisches Ziel, nämlich das Einverständnis mit diesem Leben und mit der Identität dieses Lebens.

Aggressionen, Dissonanzen und Unverständnis pflegen sich in individual-, sexual- oder bio­ethisch liberalen theologischen Zusammenhängen üblicherweise dort einzustellen, wo die erwähnte "heilige Kuh" der Selbstbestimmung nicht nur als Segen, sondern auch als Fluch aufgefasst und etwa darauf hingewiesen wird, dass Selbstbestimmung die Folge des Verzehrs der Frucht vom Baum der Erkenntnis in Genesis 3 ist.

Um so nötiger erscheint es mir, auf den erhellenden Zusammenhang von Sünde und Selbstbestimmung hinzuweisen. Der Mensch jenseits von Eden ist der mit sich und seiner Welt überforderte Mensch. Ja, er ist klug geworden. Genau, wie das schlaue Schlangentier, also seine eigene innere Stimme, es ihm verheißen hat. Ja, er ist geworden wie Gott. In ihm ist der Funke der Erkenntnis erwacht, dessen es bedarf, um gottgleich zu sein. Er hat den Geist. Aber er hat nicht das Leben. Der Zugang zum Baum des Lebens ist dem Menschen verwehrt. Und so kommt es zu einer wahrlich verfahrenen und verfluchten Situation, die der Kulturwissenschaftler Jan Assmann wie folgt auf den Punkt gebracht hat: "Der Mensch hat zu viel Wissen und zu wenig Leben." Natürlich hat er auch zu wenig Wissen. Sonst hätte er vielleicht auch das Leben. Aber zumindest scheint er über die Autonomie zu verfügen, über sich und die Welt zu einem immer größeren Grad verfügen, also von dieser Autonomie immer bewusster Gebrauch ma­chen zu können – zu Gunsten und zu Ungunsten seiner selbst, zu Gunsten und zu Ungunsten seiner Mitgeschöpfe und natürlich auch zu Gunsten und zu Ungunsten Gottes, den er am Ende aus der Welt herauskreuzigt, um endgültig sein eigener Herr zu sein.

Die Diabolik der Selbstbestimmung

Offenbar gehört es zur Natur des aus seiner Bestimmtheit durch Gott in die Selbstbestimmung gefallenen und zur Autonomie verurteilten Menschen, unentwegt Dinge anfassen zu müssen, die zu schwer für ihn sind, ohne dass der Mensch es lassen könnte, diese Dinge dennoch anzufassen. Und offenbar gehört es auch zu seiner nachparadiesischen Natur, des Teufels Küche, in der er sich bringt, für das Paradies zu halten. Zwar verliert Genesis 3 kein Wort darüber, dass die Schlange der Teufel sein könnte. Und doch fristet der Mensch seit dem Verspeisen der verlockenden Frucht faktisch eine Art diabolischer Existenz. Er ist im wahrsten Sinne des griechischen Verbs "diaballein" durcheinandergeworfen. Seit er zu wissen können meint, was gut und was böse ist, gelingt es ihm nicht mehr, Gut und Böse heilsam zu unterscheiden. Seit er seine Selbstbestimmung vergöttlicht und sich dorthin gestellt hat, wo er seinem Schöpfer zufolge nicht stehen soll, nämlich in die Mitte des Gartens, droht er blind zu werden für die Tatsache, dass er womöglich gerade dann am unerbittlichsten von anderen Mächten und Gewalten geritten wird, wenn er sich am selbstbestimmtesten glaubt. Erst dann, wenn der Mensch offen dafür wäre, sich vom Heiligen Geist bestimmen zu lassen, könnte es ihm gelingen, die verfluchte Herrschaft des Diabolos abzuschütteln und die Geister zu scheiden. Erst dann, wenn er die Dialektik der Selbstbestimmung durchschauen würde, würde er vielleicht einsehen, dass es manchmal klüger sein könnte, die Selbstbestimmung vor sich selber und vor ihren unheilvollen Dynamiken zu schützen, statt selbstbestimmt in sein Verderben zu rennen.

Zurück zum sogenannten Freitod. Ich finde ja, dass eine humanistische Gesellschaft, die aus lebensqualitätssteigernden Gründen immer empfänglicher für die Möglichkeit begleiteter Sterbehilfe wird, angesichts klammer Sozial- und Rentenkassen und angesichts eines zunehmend maroderen Gesundheitssystems endlich auch ernsthaft über Anreizsysteme zur Beförderung des Wunsches nach einem freiwilligen frühzeitigen Ableben von Rentnerinnen und Rentnern nachdenken sollte, statt immer noch reflexartig und lebensqualitätsmindernd auf Suizidprävention zu setzen.

Was haben Sie gedacht, als Sie diesen letzten Satz gelesen haben? Ich müsste mich sehr täuschen, wenn er Ihnen nicht sofort als zynisch und menschenverachtend erschie­nen wäre. Und das ist er natürlich auch. Er ist nicht nur zynisch, sondern vielleicht sogar diabolisch. Allerdings ist er auch höchst instruktiv für die Selbstbestimmungsdebatte. Denn dieser Satz offenbart dreierlei.

Zum einen offenbart er die letzte Konsequenz der sogenannten utilitaristischen Ethik, die Gemein­nutz und Eigennutz so ausbalanciert, dass dafür auch Opfer in Kauf genommen werden.

Zum anderen offenbart er den Zerfall einer Gesellschaft, die im Namen der Selbstbestimmung unwillkürlich die Würde des Menschen opfert, wenn sie die individuelle Selbstbestimmung zum höchsten Gut erklärt.

Und schließlich offenbart er die tückische Verschränktheit von Selbstbestimmung und Fremdbestimmung. Wer kann in einer Welt, in der uns digital und medial unentwegt Stimmen einlullen, die wir für unsere eigenen Stimmen halten, noch wissen, wer oder was wirklich selbstbestimmt ist und wer oder was nicht? Wer kann in einer Welt, in der uns permanent Mächte, Akteure und Gewalten unter das Bewusstsein greifen, noch entscheiden, was unserem eigenen Bewusstsein entspringt? Wer kann angesichts der vertrackten Wechselwirkungsprozesse von Leib und Seele, Körper und Psyche, Krankheit und Gesundheit, Materie und Geist noch sagen, wo Selbstbestimmung anfängt und wo sie endet und ob es so etwas wie Selbstbestimmung überhaupt gibt?

Wittgenstein und die ethische Dimension des Suizids

All diese ernüchternden entscheidungserschwerenden Sachverhalte sollte man zumal als Christ im Blick haben, wenn man sich mit den erwähnten, vor Selbstbestimmungstrunkenheit glänzenden Augen auf Wolke sieben begibt und das Hohe Lied des Freitods als Inbegriff der Überzeugung singt, dass der freie Mensch erst frei ist, wenn er über sich keinen Herrn mehr außer sich selbst anerkennt.

Ludwig Wittgenstein war einer der scharfsinnigsten Philosophen des 20. Jahrhunderts und das jüngste von acht Kindern des wohl reichsten Mannes Österreich-Ungarns, des Stahlmagnaten Karl Wittgenstein, und seiner Frau Leopoldine, einer begabten Pianistin. Drei von Ludwigs ältesten Geschwistern nahmen sich das Leben. Am 10. Januar 1917 schrieb Ludwig Wittgenstein in sein Tagebuch: "Wenn der Selbstmord erlaubt ist, dann ist alles erlaubt. Wenn etwas nicht erlaubt ist, dann ist es der Selbstmord. Das wirft ein Licht auf das Wesen der Ethik. Denn der Selbstmord ist sozusagen die elementare Sünde."

Wir gehören nicht uns selbst. Jedenfalls nicht nur.

Hilfe bei Suizidgedanken

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