24.07.2019
Musik

Ein Probenwochenende beim Bayerischen Landesjugendposaunenchor

Ein ganzes Wochenende widmen sie sich nur der Musik. Während andere junge Menschen Party machen, feilen die jungen Blechbläserinnen und -bläser an Phrasierung, Ausdruck und Zusammenspiel. Dass man dabei einen hohen Anspruch an sich selbst und zusätzlich auch noch Spaß haben kann, dafür steht der Bayerische Landesjugendposaunenchor.
Dreimal im Jahr trifft sich das junge Auswahl-Ensemble des Posaunenchorverbands zum Proben. Radioreporter Peter Themessl war dabei. Hören Sie rein!

Probiert es einfach. Mit der Luft drauf und dann däh-ju-dad! So einen kurzen Hochzieher!" Kerstin Dikhoff spitzt die Finger und macht einen Schlenkerer, als wollte sie das Gesagte in der Luft nachzeichnen. Dikhoff ist Dirigentin des Bayerischen Landesjugendposaunenchors. Dreimal im Jahr kommt das Auswahl-Ensemble des Bayerischen Posaunenchorverbands (BLJP) zu einem der seltenen Probenwochenenden zusammen. Die Musiker im Alter von 15 bis 27 Jahren gehören zur Nachwuchselite der Posaunenchöre in Bayern.

Ein Drittel von ihnen beschäftigt sich laut Dikhoff bereits professionell mit Musik. "Manche haben noch ihren Heimat-Posaunenchor hier und studieren bereits irgendwo in Deutschland. Manche arbeiten schon als Profimusiker im Orchester in Trier oder Reutlingen."

Jede der Stimmen ist mehrfach besetzt

Dikhoff deutet auf die Noten. "Da, die Triole am Schluss, die ist zu hektisch. Da-da-di, breit ausspielen", sagt die Landesposaunenwartin. Die jungen Musiker reagieren prompt. Der Takt wird noch mals intoniert, – und sitzt. Dikhoff strahlt. "Das ist das Schöne hier, dass unglaublich schnell umgesetzt wird und dass sich innerhalb von einem Wochenende viel entwickelt."

Links von der Dirigentin sitzen die Trompeten, rechts die Posaunen und Bassposaunen, dann die Tuba und in der Mitte die Wald- und Flügelhörner, auch eine Piccolotrompete ist dabei. Jede der mindestens vier Stimmen ist mehrfach besetzt, so wie ein typischer Posaunenchor eben.

Mitglieder des Bayerischen Landesjugendposaunenchor
Trompeten im Einsatz: Jedes Chormitglied spielt eine eigene Stimme. Damit das Zusammenspiel funktioniert, braucht es ein gutes Gehör.

Dieses Mal übt das Orchester im evangelischen Jugendhaus am Knappenberg. Es liegt inmitten eines Waldes bei Neukirchen (Kreis Amberg-Sulzbach). Der Probenraum wirkt mehr wie eine Jugendherberge denn ein Konzertsaal. Entsprechend locker ist die Atmosphäre. Die jungen Musiker sitzen in kurzen Hosen, Schlabber-T-Shirts und Turnschuhen da und feilen an ihrem Konzertprogramm, das sie immer am Sonntagabend nach den Proben aufführen.

Hanna (23) aus Castell in Unterfranken ist eine von ihnen. Sie spielt seit ihrem achten Lebensjahr Trompete und stammt aus einer musikalischen Familie, wie sie sagt. Schon früh habe sie im Posaunenchor mitgespielt und wollte auch bei Konzerten dabei sein. "Es macht Spaß, mit anderen zu musizieren und immer mehr dazuzulernen. Natürlich gehört auch Technik dazu und dass man zu Hause viel übt", sagt sie. Eigentlich sei es aber ganz einfach: Wer in das Auswahlensemble will, "muss Spaß, Mut und Freude haben, an sich selbst zu wachsen", erklärt sie.

Bayerische Landesjugendposaunenchor ist der älteste in Deutschland

Der Bayerische Landesjugendposaunenchor ist der älteste in Deutschland, es gibt ihn bereits seit 16 Jahren. Er war sogar das Vorbild für die anderen Landesverbände. Getragen wird er vom Verband evangelischer Posaunenchöre in Bayern. Die Chöre sorgen dafür, dass in den Gemeinden, bei Kirchentagen und bei Gottesdiensten geistliche Lieder, aber auch andere Ensembleliteratur zum Klingen kommt.

Wer ein Auswahlverfahren und eine Probephase erfolgreich besteht, darf dem Landesjugendposaunenchor angehören. Die Chormitglieder verpflichten sich dann für mindestens zwei Jahre, an allen Proben und Konzerten teilzunehmen.

Rebecca (27) aus Merkendorf in Mittelfranken hat sich lange nicht getraut, die Hürde zu nehmen. "Ich dachte immer, ich brauche noch mehr Übung. Dann hat mich Johanna vom Chor ermuntert mitzumachen", sagt sie. Seit vier Jahren ist sie nun dabei. Es wird aber ihr letztes Konzert sein, weil sie die Altersgrenze erreicht hat. Mitmachen würde sie auf jeden Fall wieder: "Im Laienchor muss man sich noch mit Tönen und Rhythmus auseinandersetzen. Hier kann man die Feinheiten üben, was dann auch ein viel cooleres Ergebnis liefert." Es gebe keine bessere Motivation, als sich auf das Probenwochenende vorzubereiten, sagt die studierte Juristin.

Landesposaunenwartin Kerstin Dikhoff mit Posaunist Phillip.
Landesposaunenwartin Kerstin Dikhoff bespricht mit Phillip das Solostück. Der Posaunist ist bereits fest angestellt im Orchester Reutlingen.

Weil die talentierten Musiker schnell die Anforderungen umsetzen, arbeiten auch berühmte Gastdozenten gerne mit dem Chor. So hätten schon der frühere Leiter des Windsbacher Knabenchores, Karl Friedrich Beringer, Thomas Clamor von der Sächsischen Bläserphilharmonie und Christian Sprenger, Professor für Posaune in Weimar, mit den jungen Leuten geübt, berichtet Dikhoff.

Seit in der Früh wird am Knappenberg geprobt, mit Pausen nur auf Zuruf. Doch die Stimmung ist trotzdem gut. Es könnte auch an dem Stück "Where Eagles Soar" liegen, ein sehr lyrisches, erhebendes Stück. Ratata-tam, ratata-tam blasen die Musiker. Es erinnert ein wenig an Hollywood-Filmmusik. "Das Stück wurde geschrieben, um das menschliche Potenzial zu entfalten, dass jeder seine Träume verwirklichen kann und sich wie ein Adler in die Lüfte erheben. Das hat so eine Euphorie", sagt Profi-Schlagzeuger Daniel Piccon, der den Posaunenchor bei dieser Aufführung unterstützt. Die vorantreibende Rhythmik beflügelt die jungen Leute sichtlich. Der Klang steht wie eine Wand im Raum.

Am Anfang ist Stress, dann macht es Freude

Dieses Gänsehaut-Feeling ist es auch, das Gerrit dazu gebracht hat, unbedingt in den Chor zu wollen. "Boah, der Chor ist einfach so gut", sagt er. Er spielte bereits im Landesposaunenchor in Niedersachen, als er sich in Bayern bewarb. Im zweiten Anlauf hat seine Aufnahme dann geklappt. Dass er auch ein exzellenter Sänger ist, kommt dem Bassposaunisten zugute. "Viele Professoren sind der Meinung, dass ein guter Sänger auch ein guter Posaunist ist." Atmung, Volumen und Gesangslinien seien die gleichen. Für Gerrit ist ein Traum in Erfüllung gegangen: Im Oktober fängt er mit dem Posaunenstudium an.

Posaunist Phillip (25) aus Altensittenbach bei Hersbruck feilt derweilen an seinem "Adler-Solo". "Im ersten Moment bedeutet das zwar Stress, weil ich das gerade zum ersten Mal gespielt habe. Aber hauptsächlich macht es mir Freude, wenn es dann funktioniert und ich es in den gesamten Klangkörper reinarbeiten kann", sagt er. Phillip studiert bereits Posaune und hat es geschafft, während des Studiums eine feste Stelle im Orchester in Reutlingen zu ergattern. "Die guten Leute werden immer jünger. Damit ist es schwieriger, nach dem Studium noch von einem Orchester eingeladen zu werden."

Freundschaften fürs Leben

Inzwischen ist es Abend. Die Musiker sind froh über eine kurze Pause. Schon den ganzen Tag müssen sie ihre Gesichtsmuskulatur für das Blasen anspannen. "Das ist sowohl ansatzmäßig als auch von der Konzentration her manchmal der Wahnsinn", sagt Dikhoff. Kein Wunder sei es, dass am Abend ausgelassen gefeiert werde, sagt Dikhoff. Und manchmal entstehen dort auch Freundschaften fürs Leben. Selbst eine Ehe soll im Jugendposaunenchor schon geschlossen worden sein, "mit reichlich Musik zur Hochzeit".

Bis zum Sonntagabend müssen die Musiker die Konzentration aber erst mal aufrechterhalten. Denn auf Einladung des Dekanats Sulzbach-Rosenberg wird nicht nur zum 25-jährigen Bestehen des deutschen Dachverbands aller Posaunenchöre (EPID) ein Auftragsstück des Komponisten Jens Uhlenhoff, die "Suite über 25 Jahre", gespielt, sie erklang bereits beim Kirchentag in Dortmund. Sondern dem Landesjugendposaunenchor wird der Jubiläumsförderpreis im Wert von 7.000 Euro der Bücher-Diekmeyer-Stiftung überreicht. Sie setzt sich ebenfalls seit 25 Jahren für die Förderung der Kirchenmusik ein. "Der Preis hat uns natürlich besonders gefreut", sagt Dikhoff.

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