13.11.2018
Nepper, Schlepper, Bauernfänger

Enkeltrick und falsche Polizisten: Auf diese Maschen sollten Senioren achten

Es beginnt immer mit einem Anruf: Falsche Polizeibeamte jagen Tausenden Menschen in Bayern einen Schrecken ein und haben bereits mehrere Millionen Euro erbeutet. Die Polizei gibt Hinweise zum richtigen Verhalten.
Frau am Telefon

Am Dienstagmittag klingelt bei Elfriede Mayer (Name geändert) im Münchner Stadtteil Sendling das Telefon. Es meldet sich ein Polizeibeamter, der sich als Armin Raschke vorstellt. Er erzählt der Rentnerin Erschreckendes - von laufenden Ermittlungen gegen einen Täter, der womöglich bald auch Mayers Konto leerräumen könnte. Am Ende wird er sie um 10.000 Euro erleichtert haben - denn Raschke ist kein Polizist, sondern ein Betrüger.

In ganz Bayern steigen die Zahlen der Betrugsmasche "Falsche Polizeibeamte" eklatant. In München wurden in 2017 insgesamt 3.239 solcher Anrufe registriert, im Vorjahr waren es nur 291 - das entspricht einer Steigerung von mehr als 1.000 Prozent. Auch heuer gingen "täglich oft 20 oder 30 Anzeigen ein", sagt der Münchner Polizeisprecher Sven Müller.

Allein in den vergangenen drei Wochen haben Betrüger bei Münchner Rentnern knapp eine halbe Million Euro erbeutet. Dabei bleibt es meistens glücklicherweise nur beim Versuch: Nur in 40 Fällen gelang es dem Anrufer tatsächlich, Beute zu machen - im Polizeijargon "vollendete Delikte". Die Schadenssumme im Großraum München lag 2017 bei 4,3 Millionen Euro, 2016 bei rund 225.000 Euro.

Die Dunkelziffer ist noch höher

Andere Polizeipräsidien in Bayern berichten von ähnlichen Entwicklungen. In Unterfranken stieg die Zahl im selben Zeitraum von 120 auf 564 Fälle, in Oberfranken von 69 auf 411. Auch in Oberbayern Süd und in Mittelfranken gab es nur eine Tendenz: steil nach oben. Die Vorfälle hätten sich von 2016 auf 2017 "mindestens verdreifacht", sagt Polizeisprecher Alexander Huber aus Rosenheim. Und Michael Petzold aus Nürnberg sagt, auch 2018 bewege sich die Zahl "auf hohem Niveau".

Dabei sei die Dunkelziffer vermutlich noch viel höher: Viele Angerufene legten einfach auf und informierten nicht die Polizei. "Und viele, die tatsächlich Geld verloren haben, schämen sich zu sehr", sagt Huber. Die Geschädigten seien "meist ältere Damen und Herren, die um ihr ganzes Erspartes gebracht werden", sagt Petzold aus Nürnberg, "das ist mehr als verwerflich". Darum habe Nürnberg eine Sonderkommission eingesetzt, auch München hat eine eigene Arbeitsgruppe.

Die Betrugsmasche mit falschen Polizeibeamten ist immer ähnlich, aber nicht zu unterschätzen. Es beginnt stets mit einem Anruf, oft zeigt das Display eine Nummer mit der Endung -110 an. "Die Telefonate werden aus professionell betriebenen Call-Centern aus dem Ausland geführt", heißt es im Sicherheitsreport des Präsidiums München. Nach bisherigem Kenntnisstand befänden sich diese zumeist in der Türkei.

Hochprofessionelle Gruppen

"Das sind hochprofessionelle organisierte Gruppen", sagt Müller. Viele Täter hätten lange in Deutschland gelebt und könnten daher exzellent Deutsch, könnten "sich in die Lebensstrukturen älterer Menschen einfühlen" und so im Gespräch Vertrauen aufbauen. Die angezeigten Nummern seien technisch manipuliert. So ließen sich immer noch zu viele Menschen überzeugen, irgendwo ihr Erspartes zu deponieren.

Im Fall von Elfriede Mayer behauptete der Anrufer, derzeit ermittle die Polizei gegen einen Mann, und im Zuge dieses Verfahrens seien ihre Personalien und ihre Bankverbindung gefunden worden. Es bestehe Gefahr, dass die Täter auch ihr Konto abräumen könnten. Zur Überführung der Tatverdächtigen müsse sie Bargeld hergeben. Der falsche "Raschke" war überzeugend: Mayer hob 10.000 Euro von ihrem Konto ab und legte sie vor ihrem Haus ab. Nachdem sie am folgenden Tag nichts mehr von "Raschke" hörte und das Geld verschwunden war, informierte sie die Polizei.

"Am besten veröffentlicht man seine Nummer nicht mit Namen im Telefonbuch", sagt Müller. Die Täter suchten sich bewusst Namenskombinationen aus, die nach älteren Jahrgängen klängen - wie etwa "Elfriede Mayer". Zudem stünden jüngere Leute, die nicht zur Zielgruppe der Täter gehörten, meist gar nicht im Telefonbuch. Wer angerufen wird und vermutet, dass etwas nicht stimmt, soll Petzold zufolge das Gespräch rasch beenden und sich nicht verwickeln lassen.

Die Polizei holt niemals Geld ab

"Man sollte die angezeigte Nummer notieren und dann die Polizei unter 110 anrufen", sagt er. Falls es schon konkrete Handlungsanweisungen des Anrufers gegeben habe, etwa wann und wo Geld hinterlegt werden soll, "ist es sinnvoll, dies der Polizei mitzuteilen": Die Täter auf diese Weise zu schnappen, "klappt hin und wieder".

Petzold weist zudem darauf hin: "Die Polizei ruft niemals an und sagt, dass sie Geld abholen will." Wer Geld schulde, etwa weil er mit dem Auto geblitzt worden sei, "bekommt einen Brief mit Zahlungsaufforderung". Die Polizei rufe auch nie von einer 110-Nummer an: "Die dient nur dem Bürger als Notrufnummer."

Die Münchner Polizei arbeite nach Möglichkeit eng mit den türkischen Ermittlern zusammen, sagt Müller. Die Täter gingen zumeist nicht nur gegen deutsche, sondern ebenso gegen türkische Bürger vor, daher habe die türkische Polizei "auch ein Eigeninteresse". Generell sei es jedoch kompliziert, die Strukturen aufzudecken. Im Juni nahm die türkische Polizei bei einem Einsatz zur Bekämpfung betrügerischer Call-Center mehrere Personen fest.

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

#Glaubensfrage

Nach dem Amoklauf am Münchner OEZ wurde er zum Medien-Liebling: der Polizeipressesprecher Marcus da Gloria Martins. Wie die Polizei die sozialen Medien in ihre Arbeit einbezieht und welche Werte der Rheinländer an seine beiden Töchter weitergeben möchte, hat er uns im Interview erzählt.