Die Einsamkeit kommt häufig leise ins Leben geschlichen. Erst stirbt der Partner. Dann werden Wege länger, Treppen steiler, Einladungen seltener. Freunde verschwinden aus dem Alltag, Angehörige wohnen weit weg, der Körper macht nicht mehr alles mit. Und irgendwann ist da diese Stille, die nicht mehr nur Ruhe ist, sondern schwer wird.

Genau auf diese Stille richtet die bundesweite Aktionswoche "Gemeinsam aus der Einsamkeit" vom 22. bis 28. Juni den Blick. Auch das evangelische Dekanat Coburg beteiligt sich gemeinsam mit der Diakonie daran. Das Dekanat will zeigen, wie vielfältig kirchliche und diakonische Angebote gegen Einsamkeit wirken können: Besuchsdienste, offene Cafés, Mittagstische, Seniorenkreise, Krabbelgruppen, Jugendtreffs, Gottesdienste, Suppenküche, queersensible Seelsorge oder auch Angebote für Studierende. Einsamkeit ist kein Randthema für wenige – sie kann jeden treffen, alte und junge Menschen, Familien, Studierende, psychisch Erkrankte, queere Menschen, Geflüchtete. Die Formen sind verschieden, das Gefühl dahinter oft ähnlich: Ich bin allein mit mir und weiß nicht, wohin damit.

Einer, der dieser Einsamkeit beruflich besonders nahekommt, ist Ralph Utz. Der 62-Jährige ist seit rund vier Jahren Altenheimseelsorger im Dekanat Coburg, zuvor war er Gemeindepfarrer. Heute ist er in sieben Pflegeheimen im Stadtgebiet Coburg unterwegs. "Ich will einfach für die Menschen vor Ort da sein", sagt er. Dahinter steckt mehr, als der Satz ahnen lässt: Utz führt Seelsorgegespräche mit Bewohnerinnen und Bewohnern, mit Angehörigen und Mitarbeitenden. Manchmal ist ein Gespräch geplant, oft entsteht es zwischen Tür und Angel – dort, wo Menschen nicht lange erklären wollen, aber trotzdem hoffen, dass jemand merkt: Da ist etwas.

Wenn ein offenes Ohr mehr zählt als schnelle Antworten

Dazu kommen Fortbildungen, Gedenkveranstaltungen für Verstorbene, Aussegnungen und Begleitung in Krisensituationen. Als er die Stelle übernahm, arbeitete sich Utz auch in die psychosoziale Notfallversorgung ein – wichtig vor allem für Angehörige, die vom Sterben der Mutter, des Vaters oder der Oma überrascht und überrollt werden und in solchen Momenten jemanden brauchen, der bleibt. Nicht mit fertigen Antworten, sondern mit Zeit, Ruhe und einem offenen Ohr.

In der Altenheimseelsorge ist Einsamkeit eines der großen Themen. Sie beginnt oft schon vor dem Einzug ins Heim: Der vertraute Alltag bricht weg, Menschen verlieren ihre gewohnte Umgebung, ihre Nachbarschaft, ihre kleinen Rituale. Im Pflegeheim kommt dann ein neues Leben dazu, das zwar Sicherheit gibt, aber nicht automatisch Heimat wird. Utz erinnert sich an den Satz eines Bewohners: "Das Leben im Pflegeheim ist wie ein offener Vollzug. Man kann zwar rausgehen. Aber eigentlich kann man es nicht."

Besonders schwierig wird es, wenn Einsamkeit auf Depressionen oder Demenz trifft. Menschen ziehen sich zurück, sprechen weniger, verlieren die Lust am Kontakt; manchmal dauert es lange, bis sie in Gesprächen auftauen. Demenz sei ein großes Angstthema, sagt Utz: Manche spüren, dass sie selbst vergesslicher werden, und fühlen sich damit allein. Andere leiden darunter, dass Mitbewohnerinnen und Mitbewohner dement sind und vertraute Gespräche kaum noch möglich scheinen – Einsamkeit mitten unter Menschen.

Nähe entsteht oft durch kleine Begegnungen

Utz setzt dem keine großen Programme entgegen, sondern Begegnung, Gespräche, Rituale, Gottesdienste – und die feiert er meist mit Abendmahl, nicht nur aus theologischen Gründen, sondern aus seelsorgerlicher Erfahrung. "Dann haben die Menschen gleich vier Berührungspunkte mit Blickkontakt": bei der persönlichen Begrüßung, beim Friedensgruß, bei der Austeilung des Abendmahls und am Ende bei der Verabschiedung. Für manche Bewohnerinnen und Bewohner seien das mehr und intensivere Kontakte als sonst am ganzen Tag.

Dabei erlebt Utz alte Menschen oft als sehr ökumenisch. Ein katholisches Gegenüber zur Altenheimseelsorge gibt es in seinem Bereich nicht, seine Angebote stehen allen offen, unabhängig von Konfession oder Kirchenbindung. Und manchmal entstehen gerade mit Menschen Gespräche über den Glauben, die mit Kirche zunächst wenig anfangen können. Wenn es gewünscht ist, liest Utz aus der Bibel vor; das evangelische Pastorale hat er stets dabei.

Besonders deutlich wird Einsamkeit am Lebensende. Früher, sagt Utz, hätten Menschen oft am Bett gesessen, bis jemand gestorben ist. Heute fehlt dafür im Pflegealltag häufig die Zeit – auch Gemeindepfarrerinnen und -pfarrer können diese Begleitung kaum noch leisten, zu viele Aufgaben, zu wenig Luft. Umso wichtiger seien spezialisierte Stellen wie seine. Doch auch hier schwingt Sorge mit: Utz geht spätestens in fünf Jahren in den Ruhestand, was dann mit seiner Stelle passiert, ist offen. "Es werden im Moment so viele Stellen gestrichen", sagt er. Mit Blick auf die Regionalisierung kirchlicher Angebote macht ihm das Sorgen, denn gerade Menschen in Pflegeeinrichtungen können weite Wege nicht mehr zurücklegen – die Angebote müssen zu ihnen kommen, nicht umgekehrt. "An den Entwicklungen der nächsten Jahre wird man sehen, wie diakonisch Kirche wirklich ist", sagt Utz.

Kirche vor Ort: Angebote gegen Isolation und Rückzug

Die Woche gegen die Einsamkeit zeigt im Dekanat Coburg, wie viele Wege aus der Isolation es geben kann: Besuchsdienste, die Geburtstagsgrüße und Jubiläen nicht dem Zufall überlassen. Der gemeinsame Mittagstisch im "dialog" in der Metzgergasse, an dem Menschen mit viel und wenig Geld, unterschiedlichen Alters und verschiedener Herkunft zusammen essen. Die Kontakt- und Begegnungsstätte Mosaik, die Menschen mit psychischen Erkrankungen das ganze Jahr über Begegnung ermöglicht. Die Suppenküche in St. Johannis Rödental, in der Ehrenamtliche seit Jahren kochen und Menschen ohne Anmeldung zusammenkommen. Dazu Krabbelgruppen, Jugendtreffs, Frauenfrühstück, Cafés, Seniorengymnastik und Gottesdienste in Seniorenheimen.

Für Ralph Utz beginnt Seelsorge nicht mit der perfekten Antwort. Sie beginnt mit Anwesenheit – mit dem Mut, eine Tür zu öffnen, mit der Geduld, Stille auszuhalten, und mit dem Vertrauen, dass ein Mensch manchmal nicht viel braucht, um sich weniger allein zu fühlen: einen Blick, ein Wort, eine Hand, ein ehrliches "Ich bin da".