1.02.2018
Gesundheit

Einfach mal tief durchatmen und frische Luft tanken - von wegen: Auf Deutschlands Straßen sind immer mehr Autos unterwegs. Die Stickstoffe-Grenzwerte in Städten werden reihenweise überschritten. Im vergangenen Jahr wurde München gar zur Rekord-Stau-Stadt gekürt. Die Folgen der verpesteten Luft sind bereits jetzt katastrophal, sagt der Regensburger Mediziner Michael Kabesch. Er untersucht im Rahmen einer europaweiten Studie, wie hoch das Risiko für Kinder und Jugendliche ist, durch Luftschadstoffe bleibende Schäden davonzutragen.
Autoabgase verpesten die Luft.
An vielbefahrenen Straßen erhöht sich das Asthmarisiko drastisch.

Immer mehr bayerische Großstädte richten Umweltzonen ein. Welche Wirkung haben die Schadstoffbelastungen, die durch Autos hervorgerufen werden, auf Kinder?

Michael Kabesch: Fast jedes zehnte Kind in Deutschland leidet inzwischen an Asthma bronchiale oder einer anderen Atemwegserkrankung. Wir wissen aus den Forschungsergebnissen der vergangenen 20 Jahre, dass es zwischen dem Auftreten und dem Schweregrad von ganz vielen Lungenerkrankungen und der Tatsache, ob Kinder in der Nähe von vielbefahrenen Straßen wohnen, einen direkten Zusammenhang gibt: Kinder haben dann mehr Heuschnupfen, mehr allergische Immunreaktionen, mehr Husten und mehr Asthmasymptome. All diese Dinge stehen im direkten Zusammenhang mit der Luftschadstoffbelastung.

"Dieselpartikel lagern sich in den Zellen ein"

Wie wirkt Autoverkehr medizinisch und biologisch auf den Menschen?

Michael Kabesch: Bereits heute kann man sagen, dass Dieselpartikel in menschlichen Zellen eingelagert werden und die Entzündungsreaktion im Körper erhöhen. Auch die Lungenfunktion wird dadurch nachweislich reduziert. Neu ist: Selbst bei der generellen Regulation der menschlichen DNA sind Umwelteffekte aus dem Straßenverkehr nachweisbar. Bei Tabakrauch konnte gezeigt werden, dass diese Veränderungen über Jahrzehnte bestehen bleiben, auch wenn man mit dem Rauchen aufhört. Für Schadstoffe aus dem Straßenverkehr zeigen erste Studien, dass es zu ähnlichen Veränderungen in der Lunge kommt. Wie lange diese Veränderungen anhalten, ist noch nicht untersucht und unklar.

Verkehrspolitiker sehen neuerdings vor allem in Dieselfahrzeugen die Ursache allen Übels, weil sie die Umwelt mit Feinstaub und Stickoxiden belasten. Deckt sich das mit Ihren medizinischen Untersuchungen?

Michael Kabesch: Dass alles am Diesel liegt, dem würde ich so nicht zustimmen. Der Diesel ist nur ein Teil des Problems. Es geht darum, die Automobilität noch einmal komplett neu zu überdenken: Was braucht man wirklich und was könnte man ganz anders lösen? Eine Verschiebung der zunehmenden Auto-Mobilität in Richtung Benzin- und Elektroverkehr kann nicht die endgültige Lösung des Problems sein. Das sind nur kurzfristige Lösungen, die den Kindern und der Gesundheit nur ganz wenig bringen. 

 

Der Regensburger Mediziner Michael Kabesch.
Der Regensburger Mediziner Michael Kabesch.

 

Welches Szenario, befürchten Sie, tritt ein, wenn das Ruder verkehrspolitisch nicht herumgerissen wird?

Michael Kabesch: Regensburg ist das einzige deutsche Zentrum mit einer großangelegten europäischen Untersuchung zur Schadstoffbelastung bei Kindern. Das findet in diesem Rahmen statt, weil Luftschadstoffe an Ländergrenzen nicht haltmachen, weil es ein europa- und weltweites Problem ist. Wenn wir über Grenzwerte sprechen, die wir übrigens in Deutschland im EU-Vergleich ganz schlecht einhalten, dann ist da noch eine Frage, die uns als Kinderärzte sehr bewegt: Sind diese Grenzwerte überhaupt realistisch für Kinder? Sind diese Werte nach dem, was wir heute medizinisch, wissenschaftlich und biologisch wissen, überhaupt vertretbar? Oder müsste man sie noch mal ganz anders und deutlich niedriger ansetzen, wenn wir wirklich Kindergesundheit schützen wollen?  

Wie müssten die Grenzwerte Ihrer Meinung nach aussehen?

Michael Kabesch: Je weniger Schadstoffe, desto besser. Das ist die Maxime schlechthin. Aber das, was wir an Grenzwerten schon haben und nicht einhalten, ist wahrscheinlich auch nicht ausreichend dafür, um wirklich unsere Gesundheit langfristig und die Gesundheit der nächsten Generationen zu gewährleisten.

"Jeder ist sich selbst der nächste"

Trotzdem steigen die Menschen nicht auf den ÖPNV um. Warum wird dann weiter mit großen SUVs in die Innenstädte gefahren?

Michael Kabesch: Ich kritisiere, dass wir das, was wir machen könnten, nämlich logisch zu denken, nicht machen. Dass sich jeder selbst der nächste ist und der Mobilität den Vorrang gibt vor dem, was wir eigentlich längst begriffen haben, nämlich dass der Autoverkehr Schaden anrichtet.

Womit müssen wir rechnen in fünf oder zehn Jahren?

Michael Kabesch: Es geht nicht darum: Man atmet etwas ein und dann geht es einem schlecht, sondern der Zusammenhang ist ein anderer. Wenn durch die Schadstoffbelastung eine Einschränkung der Lungenfunktion besteht, haben sie danach nie wieder eine Chance, das zu verbessern. Der Gipfel, den sie mit 18 erreicht haben, definiert, wie schnell es von da an bergab geht. Das kann bedeuten, dass sie mit 60 Jahren ein echtes Lungenproblem kriegen. Und das bei einer prognostizierten Lebenserwartung für die Generation, die heute geboren wird, von nahezu 100 Jahren! Es geht nicht um die nächsten fünf oder zehn Jahre. Das was in den nächsten Jahren passiert, wird eine Generation in 50, 60, 70 Jahren beschäftigen, ohne die Möglichkeit, daran noch etwas ändern zu können.

 

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