4.03.2018
Kriminalität

Gottesdienst thematisiert Gewalt gegen Einsatzkräfte

Schon seit Längerem machen Berichte über Angriffe auf Polizisten, Sanitäter und Feuerwehrleute von sich reden. Pfarrer Gottfried Tröbs lud je einen Vertreter ein und machte einen Gottesdienst daraus.
Beim Gottesdienst in Burglengenfeld (von links): Pfarrer Gottfried Tröbs, Feuerwehrkommandant Christoph Wasser, Polizeihauptkommissarin Tina Schmidt und Rettungssanitäter Andreas Schießl.
Beim Gottesdienst in Burglengenfeld (von links): Pfarrer Gottfried Tröbs, Feuerwehrkommandant Christoph Wasser, Polizeihauptkommissarin Tina Schmidt und Rettungssanitäter Andreas Schießl.

Eine ältere Dame droht, Rettungskräfte anzufahren, die während eines Einsatzes die Zufahrt zu ihrem Haus versperren. Ein Notarzt wird mit dem Messer bedroht, weil er einer stark alkoholisierten Frau zu Hilfe eilt: Übergriffe auf Sanitäter, Feuerwehrleute und Polizei haben zugenommen – nicht nur in Großstädten, sondern auch im Oberpfälzischen Burglengenfeld "ist Gewalt gegen Einsatzkräfte ein Thema", sagte der evangelische Pfarrer Gottfried Tröbs. Im Gottesdienst "Dir werd ich helfen!" berichteten Vertreter des örtlichen BRK-Rettungsdienstes, der Feuerwehrwache und der Polizeidienststelle von ihren Erfahrungen.

 "Der Respekt gegenüber den Einsatzkräften schwindet zusehends", erklärte Rettungssanitäter Andreas Schießl. Seit 15 Jahren sei er als Notfallsanitäter tätig, derzeit als Leiter der BRK-Rettungswache. Beharrend auf seinem Recht sei "der Wutbürger immer weniger bereit, Rücksicht zu nehmen, wenn es um die Absicherung von Unfallstellen geht". Es werde gehupt, wild gestikuliert und verbal ausgekeilt, um sich und sein Einzelinteresse durchzusetzen. "Die Schwelle zum Angriff ist viel niedriger als früher", sagte er vor etwa 70 Gottesdienstbesuchern.

Helfer arbeiten ehrenamtlich

Feuerwehrkommandant Christoph Wasser legte dar, dass sie alle freiwillige Helfer seien, die ehrenamtlich arbeiteten. Wenn dann bei einer Verkehrsabsicherungsmaßnahme für eine Sportveranstaltung ein Autofahrer drohe, ihn zu überfahren, wenn er ihn nicht bald durchlasse, "dann hört der Spaß wirklich auf", sagte er.

Auch die Polizei beklage eine zunehmende Zahl von Gewalterlebnissen. Bei Festnahmen, Platzverweisen und anderen Maßnahmen seien Handgreiflichkeiten "erwartbar", berichtete Polizeihauptkommissarin Tina Schmidt. "Da wird beleidigt, geschubst, bespuckt und getreten."

Uneinsichtigkeit als Normalfall

Als "schockierend und erschreckend" erlebe sie aber, wenn normale Alltagssituationen zu eskalieren drohten, "wenn Otto Normalbürger überreagiert". Als Beispiel nannte sie Verkehrsdelikte: "Der Fahrzeugführer weiß, dass er etwas falsch gemacht hat, fängt aber trotzdem an, auf seinen Rechten zu beharren." Dabei werde gestritten bis zur Beleidigung, auch wenn der Fahrer eindeutig im Unrecht sei. "Diese Uneinsichtigkeit ist der Knackpunkt." Solche Verhaltensweisen und Aggressionen seien "in allen Schichten der Bevölkerung" zu beobachten. Viele Menschen stünden unter Stress und Druck und reagierten, wie sie es von sich selbst nicht erwarten würden. Darunter fielen auch Bürger, die sich theoretisch für die Unantastbarkeit der Menschenwürde aussprächen. Man habe es zusehends "mit irrationalen Verhaltensweisen" zu tun.

Die Polizeihauptkommissarin konstatierte zudem "eine allgemeine Verrohung" der Gesellschaft. Es würden Waffen bei sich getragen, es werde geschubst und nachgetreten, wenn jemand am Boden liege. "Das ist eine neue, gesteigerte Form von Gewalt", erklärte Schmidt.

Verschiebung des Wertesystems

Ursache dafür sieht die Polizeibeamtin zum einen in der Leistungsgesellschaft, die eine erfolgreiche Selbstbehauptung zur Maxime stilisiere und dabei das Wertesystem der Gesellschaft verschoben habe. "Für Unzufriedenheit und Frust muss dann die Polizei als Projektionsfläche herhalten", erklärte sie.

Zum anderen macht sie Medien wie Internet und Fernsehen für diese Verhaltensänderungen verantwortlich, weil sie Aggression und Gewalt verherrlichten. "In meiner Kindheit gab es keine Leichen und explodierenden Fahrzeuge im Fernsehen." Heute würde dadurch die Sensationslust geschürt, das Empfinden von Gewalt und Ungerechtigkeit beeinflusst, sagte Schmidt, die zugleich Präventionsbeaufragte der Polizei ist. Wegsehen einerseits und Sensationslust andererseits seien auch Formen von Gewalt. Sie forderte mehr Anstand und Zivilcourage von den Bürgern.

Dass solche Schilderungen keine Ausreißer sind, belegen Zahlen des Polizeipräsidiums Oberpfalz: Danach gab es im Jahr 2016 insgesamt 519 Fälle von Gewalt gegen Polizeibeamte, davon waren 198 Körperverletzungsdelikte. 2015 waren es noch 490 mit 181 Körperverletzungen. Auch wenn die Zahlen von 2017 noch nicht vorliegen, so geht Polizeisprecher Dietmar Winterberg schon jetzt "von einem leichten Anstieg" der Gewaltdelikte gegen Einsatzkräfte aus.

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