12.04.2017
"Gewissensfrage"-Autor im Gespräch

Rainer Erlinger: "Etikette kann gewalttätig sein"

Seit 15 Jahren schreibt Rainer Erlinger in der SZ-Kolumne "Die Gewissensfrage" über moralische Probleme des Alltags. Nun ist sein neues Buch erschienen: "Höflichkeit. Vom Wert einer wertlosen Tugend". Er stellte es in Regensburg vor.
Rainer Erlinger
Rainer Erlinger: »Höflichkeit bietet uns die Möglichkeit, respektvoll miteinander umzugehen.«

Würden Sie mir die Tür aufhalten?

Rainer Erlinger: Das würde ich auf jeden Fall machen, weil ich jedem Menschen die Tür aufhalte als Zeichen, diesen Menschen wahrgenommen zu haben, um  ihm Respekt und Achtung zu zeigen.

Ist da auch Galanterie dabei, weil ich eine Frau bin?

Erlinger: Ich finde, das sollte gerade nicht davon abhängen, welches Geschlecht oder Alter jemand hat. Ich mache es, weil mein Gegenüber ein Mensch ist.

Wenn es Ihre Chefin wäre, würden Sie die Tür aufhalten?

Erlinger: Ich würde es machen, obwohl sie meine Chefin ist – trotz der Bedenken, es könnte so aussehen, als ob ich mich einschleimen will.

Und wenn es Ihre Mitarbeiterin wäre, die in der Hierarchie unter Ihnen steht?

Erlinger: Die Höflichkeit beim Türaufhalten zeigt sich gerade dann, wenn der Vorgesetzte dem Untergebenen, der Lehrer dem Schüler die Tür aufhält.

Höflichkeit ist bei Ihnen eine humane Tugend. Wie steht es mit der Etikette?

Erlinger: Viele Leute, die besonders gut in der Etikette sind und darin glänzen, die spiegeln sich in ihrer eigenen Perfektheit. Daran sieht man, dass das Beachten der Etikette gar nicht dem Gegenüber dient, sondern umgekehrt demjenigen, der sie beherrscht.

Mit Benimmregeln lassen sich Menschen ausgrenzen, die unwissend sind?

Erlinger: Die Etikette ist etwas, was gehobene Kreise beherrscht haben und die anderen nicht. Sie  war ein Abgrenzungsmittel. Deshalb kann sie ein gewalttägiges Mittel sein, weil über denjenigen, der nicht den richtigen Anzug hat, nicht die Krawatte richtig binden kann, nicht weiß, welches Messer man bei einem feinen Dinner nimmt, leicht die Nase gerümpft wird von denen, die es können.

Wie ehrlich ist man, wenn man höflich ist? Ist ein Kompliment auch eine Lüge?

Erlinger: Wenn man jemanden zehn Jahre nicht gesehen hat und sagt "Sie haben sich aber gar nicht verändert", dann wissen doch beide, dass das nicht stimmt. Aber die Nachricht, die man damit übermittelt, ist die, dass ich Ihnen etwas Schönes sagen möchte. Das mache ich mit einer Formulierung, über die wir beide schmunzeln. Das ist dann nicht gelogen, weil wir uns einig sind, dass es ein Spiel ist.

Was ist so wertvoll an dieser scheinbar wertlosen Tugend Höflichkeit?

Erlinger: Inhaltlich geht es um Achtung für das Gegenüber. Außerdem, und das halte ich für nicht weniger bedeutend, ermöglicht die Höflichkeit einen gesitteten Umgang miteinander, auch dann noch, wenn man sich nicht mag oder widerstreitende Interessen hat. Dadurch ist die Höflichkeit eine Möglichkeit der Streitvermeidung.

Warum sind die Umgangsformen im Internet so grauenvoll?

Erlinger: Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass in dem Moment, in dem man Webcams installiert, sodass man die Augen sehen kann, die Anzahl der unhöflichen Postings rapide abnimmt. Den meisten ist nicht bewusst, dass sich hinter der Tastatur und dem Bildschirm ein Mensch verbirgt.

Sollen wir höflich sein aus humanis­tischen oder christlichen Gründen?

Erlinger: Sigmund Freud hat sinngemäß so schön geschrieben: "Liebe den Nächsten wie dich selbst. Das ist eine Zumutung, wenn der Nächste ein Widerling ist." Aber ich kann trotzdem höflich mit ihm umgehen. Das Gebot, den Nächsten zu lieben wie sich selbst, überfordert meiner Meinung nach jeden, der nicht heilig ist.

Muss ein Protestant, wenn er in eine katholische Kirche geht, niederknien?

Erlinger: Die Katholiken knien vor demselben Gott, vor dem der Protestant steht. Wenn man zu einem anderen Gott betet, dann fände ich es falsch, wenn man eine Unterwerfungsgeste macht vor einem Gott, den man nicht anerkennt. Das fände ich verlogen. Für mich ist die Höflichkeit begründet auf Achtung und Respekt, die kann zum Aufstehen zwingen, zum Beispiel vor den Gläubigen, deren Gotteshaus ich besuche. Aber ich bin nicht verpflichtet, mich zu unterwerfen. Das Knien ist ganz klar eine Unterwerfungsgeste.

Halten Sie sich an Ihre Maßstäbe?

Erlinger: Ich bemühe mich natürlich. Aber ich bin auch nur ein Mensch, und damit "fehlbar". Und wenn ich in eine Zwickmühle komme, frage ich auch andere, die mir dann sagen: "Das ist eine typische Frage, die du selbst beantworten müsstest."

Gehen Sie nachts bei Rot über die Ampel?

Erlinger: Wenn ich rübergehe, sagen die Leute: "Siehst du, er predigt Stehenbleiben und geht rüber." Wenn ich stehen bleibe, sagen die Leute: "Schau dir diesen Moralapostel an, der will uns zeigen, dass er auch nachts stehenb leibt." Lassen wir es einmal offen, wie ich mich in diesem Fall verhalten würde.

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