4.05.2017
Streit um Luther-Statue

Wie der Bronze-Luther zur Ruhe kam

Es ist nirgendwo verbrieft, dass Martin Luther niemals in Weißenburg war. Allerdings auch nicht, dass der Reformator jemals in der alten Römer- und Reichsstadt gewesen ist. Zumindest in Gestalt einer Bronze-Statue ist Luther jedoch seit nunmehr 35 Jahren aus Weißenburg nicht mehr wegzudenken. Und drei Jahrzehnte lang prägte deren Standort das Tagesgespräch wie kaum ein anderes Thema.
Die Weißenburger Dekanin Ingrid Gottwald-Weber und die Statue Martin Luthers vor der Kirche St. Andreas. Erst seit vier Jahren herrscht endlich Ruhe im Streit um den Standort des Kunstwerks.
Die Weißenburger Dekanin Ingrid Gottwald-Weber und die Statue Martin Luthers vor der Kirche St. Andreas. Erst seit vier Jahren herrscht endlich Ruhe im Streit um den Standort des Kunstwerks.

Wenn sich eine Foto-Ausstellung wie die Installation »DENK-MAL« der Weißenburger Fotografin Gerhild Wächter mit nur einer einzigen Statue beschäftigt, dann steckt da eine Geschichte dahinter. Und die ist im Falle der Weißenburger Luther-Statue auch eine launige, die zeigt, wie das Spannungsfeld Künstler gegen Politiker ebenso wie die »Macht des Volkes Stimme« dafür sorgen, dass ein eigentlich gewöhnlicher Akt wie die Installation eines Kunstwerks über Jahre hinweg die Schlagzeilen der Gazetten beherrscht.

Luther wollte nicht über den Menschen thronen

Erst im November 2013 machte Ingrid Gottwald-Weber dem Jahrzehnte währenden Verwirrspiel ein Ende, indem die Weißenburger Dekanin dafür sorgte, dass die 800 Kilogramm schwere Figur endlich an den Platz kommt, an dem sie heute steht: zentral auf die Fläche vor der Kirche St. Andreas, mit Blickrichtung in das Tor zur Altstadt.

»Eben so, wie es ihr Schöpfer, der Münchner Künstler Martin Mayer, gewollt hatte«, erinnert sich die Dekanin. Den hatte im Jahr 1983 der Unternehmer Hermann Gutmann beauftragt, zum 500. Geburtstag Martin Luthers eine Bronze-Figur zu schaffen, die dann in das Eigentum der Kirche übergehen sollte. Idealerweise wäre die Figur auf einem Sockel gestanden, auf dem sich dann der Stifter verewigt hätte.

Mayer dachte aber gar nicht daran, »seinen« Luther auf irgendetwas zu stellen, da er der Überzeugung war, der Reformator habe sich als Mann des Volkes gesehen, der nicht über den Menschen abgehoben thronen wollte. »Er war drauf und dran, die Figur wieder mitzunehmen«, erklärt Ingrid Gottwald-Weber.

Schaufensterpuppe wurde zum Luther umgebaut

Damit ging die Odyssee los. Für eine Stellprobe rund um die Kirche wurde sogar eine Schaufensterpuppe vom städtischen Bauhof zum Luther umgebaut, die dann eine Zeit lang am Römermuseum, dann auf einer Grünfläche stand. Dort wurde dann die eigentliche Statue hingestellt, was jedoch über Jahre immer wieder zu kontroversen Diskussionen führte. Damals parkten auf dem Platz vor der Kirche auch noch Autos, weshalb die Verwaltung diesem einst gewünschten Standort nicht zustimmen wollte. Der Weißenburger Luther wollte einfach nicht zur Ruhe kommen.

2013: Im Rathaus sitzt ein neuer Bürgermeister, im Pfarramt eine neue Dekanin. Beiden glückt nun das, was 30 Jahre lang Ortsgespräch war, die Versetzung der Statue an den ursprünglich gedachten Platz, mittlerweile frei von Autos. »Seitdem herrscht Frieden in Weißenburg«, erinnert sich Gottwald-Weber gerne.

»Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?« – diesen Satz aus Matthäus 16, 26 hält der Bronze-Luther in der Bibel aufgeschlagen in der Hand. Der Seelenfriede hat sich also durchgesetzt. Und so ist auch die Bilderschau Gerhild Wächters, die drei Jahre lang die Statue in verschiedenen Situationen fotografiert hat, eine spannende Dokumentation geworden.

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Sonntagsblatt