28.10.2010
Swingendes Vaterunser

Symphonische Rhapsodie "Our Father" von Ralf Grössler

Das kulturelle Wissen über christliche Werte schwindet. Doch eine Kenntnisbastion hält sich auch in Köpfen, die sich über kirchliche Fragen sonst keine Gedanken machen: das Vaterunser. Zu allen Zeiten genoss es auch in Komponistenkreisen hohe Beachtung.
Musiknoten

Die musikalische Bandbreite dieser Vertonungen macht sprachlos. Das Vaterunser ist auch in gesungener oder musizierter Form unverwüstlich. Es begegnet um 590 als Gregorianischer Choral, taucht im 16. Jahrhundert im Gewand eines Gemeindeliedes von Martin Luther auf ("Vater unser im Himmelreich") und ist in verschiedenen Varianten auch als Neues Geistliches Lied präsent.

Dann die kunstvollen mehrstimmigen Bearbeitungen: Sie reichen von Palestrina und Jacobus Gallus bis in die Romantik und die Popmusik. Rheinberger machte ein schlichtes geistliches Kunstlied draus, Max Reger einen zwölfstimmigen Chorsatz, Bernstein baute es in sein Musiktheaterstücke "Mass" ein, Verdi und Tschaikowsky schrieben Orchesterbearbeitungen. Auch von Gotthilf Fischer, den Söhnen Mannheims oder den Toten Hosen gibt es Adaptionen. Besonders erfolgreich - nach ökonomischen Kriterien - war Cliff Richards anno 1999 mit einem "Millennium Prayer".

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Symphonische Rhapsodie

Eine neue klangliche Variante im Stile von Gospel & Spiritual hat 1987 der Kirchenmusiker Ralf Grössler geschaffen. Nach einer Überarbeitung kam das Werk vor zehn Jahren als "Symphonische Rhapsodie" für Solo, Chor und Orchester heraus und wird seither, wie viele andere gospel­orientierte Arbeiten Grösslers, häufig aufgeführt.

Das Stück verknüpft das Spiritual "Sometimes I feel like a motherless child" mit dem Vaterunser und einigen frei gewählten Bibelstellen. Der erste Satz gehört der melancholischen Gospel-Melodie, bevor in vier- bis fünfstimmigem meist homophonem Chorsatz der Text des "Our Father" anhebt. Besonderes Gewicht hat ein aus dem Römerbrief eingeschobener Verzweiflungsruf: "I cry out to you, but you do not answer" ("Ich rufe zu dir, aber du antwortest nicht"). Mehrfach stapelt Grössler die Stimmen fugiert überei­nander, von unten nach oben, ganz nach dem Prinzip:

"Aus der Tiefe rufe ich zu dir, o Herr!"

Auch im dritten Satz lässt der Komponist zunächst Gebetsrufe aus Psalmen erklingen, bevor das Vaterunser wieder zu Wort kommt: In großer Ruhe und Schlichtheit ("Forgive us the wrong" - Vergib uns unsere Schuld) oder in eindringlicher Motorik ("Do not bring us to the test" - Führe uns nicht in Versuchung).

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Der vierte Satz gehört der Doxologie, die hier zu einem Mosaik des Gotteslobes aus verschiedenen Bibelstellen ausgeweitet wird. Eine Fuge über "Yours is the glory forever" (Dein ist die Herrlichkeit in Ewigkeit) beschließt das Werk - beinahe, denn Grössler hat sich den Spaß gemacht, eine Zugabe gleich dazuzukomponieren. Sie bringt den Schlussruf nochmals in komprimierter Form, klettert von D-Dur nach Es-Dur und endet in einem bombastischen Fortissimo.

Dass das "Vaterunser" für Grössler eine besondere persönliche Bedeutung besitzt, illustriert der Komponist mit einer Anekdote aus der Entstehungszeit des Werkes, die er als "persönlich schwere Zeit" in Erinnerung hat. In seinem damaligen Wirkungsort Fürstenfeldbruck obliegt es nämlich dem Organisten, im Gottesdienst die Vater-Unser-Glocke zu betätigen: "Es passierte öfters, dass ich mich so sehr ins Gebet vertiefte, dass ich vergaß, die Glocke nach dem Gebet abzuschalten."

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