Als Franka Böhm die Nachricht erhält, kann sie es zunächst kaum glauben. Die 25-jährige Vikarin aus Selb gewinnt mit ihrem Beitrag den Philoxenia-Preis – einer von zwei Liedern, die in diesem Jahr ausgezeichnet werden. Während der andere Gewinnerbeitrag stilistisch modern und peppig gehalten ist, setzt Böhm auf einen getrageneren, verträumten Klang.

Ausgezeichnet wird ein Lied mit einem Text, der auf den ersten Blick kaum nach einem Stoff klingt, aus dem Musik entsteht: das Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel, einer der ältesten und wichtigsten Texte der Christenheit. Zwischen Freude und Überraschung überwiegt bei ihr vor allem eines: Dankbarkeit.

"Ich hatte natürlich gehofft, dass mein Lied es schafft, aber so richtig daran geglaubt habe ich nicht", sagt Böhm rückblickend. Schließlich habe sie sich einer Aufgabe gestellt, die sie selbst als "gewissermaßen die Quadratur des Kreises" beschreibt. Einen theologischen Text aus dem 4. Jahrhundert in eine eingängige Melodie zu verwandeln, die von Gemeinden gesungen werden kann, sei ein großes Puzzle gewesen.

Dabei versteht sich Franka Böhm selbst gar nicht in erster Linie als Komponistin. "Außerdem bin ich nicht in erster Linie Komponistin, sondern Theologin", sagt sie. Umso mehr freue sie sich über die Auszeichnung und über die Menschen, die sie auf dem Weg begleitet haben. Besonders ihre beste Freundin Hannah Lichtinger, die auch Theologin ist, Klavier und Orgel spielt, habe ihr beim Klaviersatz sehr geholfen.

Vier Konfessionen, eine Melodie

Der Preis passt zu einem Thema, das Franka Böhm seit Jahren beschäftigt: die Ökumene. Gemeint ist das Miteinander verschiedener christlicher Konfessionen. Für die Vikarin ist das keine theoretische Idee, sondern gelebte Leidenschaft.

"Ich persönlich liebe das Glaubensbekenntnis von Nizäa sehr", erzählt sie – sogar mehr als das Apostolische Glaubensbekenntnis, das in evangelischen und katholischen Gottesdiensten regelmäßig gesprochen wird.

Das Bekenntnis von Nizäa-Konstantinopel entstand vor rund 1.700 Jahren und gilt bis heute als gemeinsames Fundament vieler christlicher Kirchen weltweit. Für Böhm war genau dieser verbindende Charakter Ausgangspunkt ihrer Komposition.

Ihr Lied verbindet musikalische Elemente aus vier unterschiedlichen christlichen Traditionen – jeweils acht Takte pro Abschnitt. Die ersten acht Takte greifen das in der orthodoxen Welt bekannte "Agni Parthene" des heiligen Nektarios auf. Danach folgen acht Takte aus Martin Luthers "Ein feste Burg ist unser Gott", anschließend acht Takte aus dem katholischen Marienlied "Segne du Maria" und schließlich acht Takte aus dem anglikanischen Kirchenlied "Love Divine, All Loves Excelling".

Wie Einheit im Lied hörbar werden soll

Was auf dem Papier nach einem gewagten Experiment klingt, soll im Lied hörbar machen, was Böhm am Herzen liegt: Einheit in der Vielfalt. Und vielleicht ist genau das die eigentliche Botschaft ihres Liedes: Dass unterschiedliche Traditionen ihre Eigenheiten behalten dürfen und trotzdem gemeinsam klingen können. So wie die vielen Stimmen eines Chores, die erst zusammen einen harmonischen Klang ergeben.

"Mir war wichtig, diese Einheit verschiedener Konfessionen hörbar zu machen und zugleich die Wiedererkennbarkeit der Melodieelemente zu bewahren", erklärt sie. Sogar die Taktart ist bewusst gewählt. Das Lied steht im Dreivierteltakt. Einerseits verleiht das dem Stück Bewegung und Leichtigkeit. Andererseits verweist die Drei auf den christlichen Glauben an Gott – den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. "Auch, um etwas Schwung hineinzubringen und zugleich eine Trinitätssymbolik in der Taktart aufzugreifen", sagt Böhm.

Menschen stehen in zwei Reihen, hinten links ein Kreuz an der Wand
Oben von links: Regionalbischof (EKM) Johann Schneider, Priester Fayez Mansour (antiochenisch-orthodox), S.E. Metropolit Anba Damian (koptisch), Dr. Johannes Oeldemann und Maria Wedewer-Steffen (Vorsitzende Philoxenia), Bischof Emmanuel von Christoupolis (griechisch-orthodox, Vertreter der Orth. Bischofskonferenz OBKD), Erzbischof Tichon von Rusa (russisch-orthodox), Bischof Sofian von Kronstadt (rumänisch-orthodox), Erzpriester Slobodan Milunovic (serbisch-orthodox).
Unten von links: Silvia Jansen, das Armenische Frauenensemble Shogher, Franka Böhm

Im Mittelpunkt des Refrains steht deshalb auch kein einzelner Satz des Glaubensbekenntnisses. Stattdessen greift die Vikarin Worte aus der orthodoxen Liturgie auf, die unmittelbar vor dem Glaubensbekenntnis gesprochen werden: "Lasst uns einander lieben, damit wir einmütig den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist bekennen, die wesenseine und ungeteilte Dreieinigkeit."

Für Böhm steckt darin die eigentliche Botschaft ihres Liedes: Liebe, Gemeinschaft und Zusammenhalt. "Damit wollte ich vor allem Liebe und Einheit betonen – etwas, das für mich beim ökumenischen gemeinsamen Beten und Singen entscheidend ist. So wie Gott Liebe ist und ein Beziehungsgeflecht zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist, so sollen auch die Christen sich untereinander lieben und eine gute Beziehung haben."

"Musik ist meine Gebetssprache"

Wer mit Franka Böhm spricht, merkt schnell, dass Musik für sie weit mehr ist als ein Hobby. Sie gehört zu ihrem Glauben wie das Amen zum Gebet. "Das ist für mich eine absolute Einheit. Ich könnte mir Glauben ohne Musik gar nicht vorstellen", sagt sie.

Dann findet sie ein Bild, das ihre Beziehung zur Musik besonders treffend beschreibt:

"Musik ist für mich meine Gebetssprache und meine Art, mit Gott zu kommunizieren."

Schon lange beschäftigt sich Böhm mit geistlicher Musik. Dabei zieht sie besonders das an, was außerhalb des eigenen kirchlichen Tellerrands liegt. Die gebürtige Oberpfälzerin stammt aus Fuchsmühl im Landkreis Tirschenreuth und absolviert seit März ihr Vikariat in Selb. Ihre Familie ist katholisch geprägt, sie selbst ist jedoch durch die Konversion ihrer Eltern in evangelischen Strukturen aufgewachsen. Diese Erfahrungen haben ihren Blick geweitet.

"Mich hat immer besonders das interessiert, was nicht aus meiner unmittelbaren Umgebung stammt", sagt sie. Weltmusik, Balkanmusik oder Klänge aus dem orientalischen Raum faszinieren sie ebenso wie die Liturgien der orthodoxen Kirchen. Gerade dort entdeckt sie immer wieder Schätze, die im Westen kaum bekannt sind.

Warum Musik Glauben tiefer verankern kann

Dass Musik Menschen oft anders erreicht als Worte, davon ist sie überzeugt. Predigten hätten ihren Platz. Doch Lieder wirkten auf eine eigene Weise. "Musik erreicht das Herz oft auf eine andere Weise als gesprochene Worte", sagt sie.

Vor allem durch Wiederholung könne Musik Glaubensinhalte tief verankern. Ein Lied werde zum Begleiter des Lebens, weit über den Gottesdienst hinaus. Diese Hoffnung verbindet sie auch mit ihrem preisgekrönten Werk. Das Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel soll wieder stärker ins Bewusstsein rücken. Nicht als trockener theologischer Text, sondern als lebendige Glaubenssprache.

Besonders Formulierungen wie "Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott" oder "Schöpfer der sichtbaren und unsichtbaren Welt" empfindet sie als poetisch und kraftvoll.

Der Philoxenia-Preis markiert für Franka Böhm deshalb keinen Schlusspunkt, sondern eher einen Anfang. Sie möchte sich künftig noch stärker im ökumenischen Bereich engagieren und sich besonders dafür einsetzen, dass auch christlich-orthodoxe Gemeinden in Deutschland mehr wahrgenommen werden. "Ökumene ist nicht nur evangelisch-katholisch", sagt sie.

"Ich möchte orthodoxe Gemeinden dabei unterstützen, ihre Liturgie – dort, wo sie es wünschen – auch auf Deutsch zu singen. Das ist ein Beitrag zu Integration und kulturellem Austausch."

Hören kann man das preisgekrönte Lied derzeit noch nicht. Böhm plant für Ende August eine neue, qualitativ verbesserte Aufnahme, die sie anschließend auf YouTube veröffentlichen möchte.