Regensburg (epd). Der emeritierte Regensburger Medizinprofessor Wolfgang Jilg wehrt sich gegen die Vereinnahmung seiner Forschung durch Impfgegner. Ein in diesen Kreisen als Beleg für das hohe Risiko bei Masernimpfungen angeführtes Gutachten sei "missverstanden bzw. (bewusst) falsch interpretiert worden", schreibt Jilg dem Evangelischen Pressedienst (epd) auf Anfrage. Die "Freiheitskanzlei" hatte in einem Artikel Anfang Juli behauptet, Virologe Jilg habe in einem Gutachten ein 1.800-fach erhöhtes Gehirnentzündungs-Risiko nach der Masernimpfung belegt - im Vergleich zum Risiko nach einer regulären Masern-Infektion.

Jilg bestätigte auf epd-Anfrage, dass er das zitierte Gutachten im Auftrag der Staatsanwaltschaft Amberg im März 2021 erstellt hatte. Anlass war ein Strafprozess gegen ein Ärztepaar, das mit falschen Zeugnissen 38 Kinder von der in Deutschland geltenden Masernimpfpflicht befreit hatte. Ergebnis des Gutachtens von Jilg war, dass in allen Fällen unrichtige Zeugnisse ausgestellt wurden, um die Impfpflicht zu umgehen. Die beiden Angeklagten wurden inzwischen rechtskräftig verurteilt. Das Gutachten geht auch auf die Beweggründe des Ärztepaars ein - aus diesem Teil stammen auch die im Artikel fehlinterpretierten Zitate, erläuterte Jilg.

Hinter der "Freiheitskanzlei" steckt ein alter Bekannter

In seinem Gutachten ging der emeritierte Medizinprofessor auf die Behauptung des Ärztepaars ein, dass die Gefahr einer Gehirnentzündung (Enzephalitis) durch eine Masernimpfung viel höher sei als durch eine normale Maserninfektion - schließlich gebe es kaum noch Masernfälle. Dabei sei der angeklagte Arzt von der Annahme ausgegangen, dass das Enzephalitis-Risiko nach einer Impfung bei eins zu einer Million liegt - doch für diese Behauptung gibt es laut Jilg keinen wissenschaftlichen Beleg. Würde man dieser Behauptung folgen, wäre das Risiko tatsächlich in etwa 1.760 Mal so hoch wie bei einer "regulären" Maserninfektion.

Die von der "Freiheitskanzlei" gezogenen Schlüsse seien falsch, sagte Jilg. Bei immungesunden Kindern seien solche Hirnentzündungen nach Masernimpfungen bislang überhaupt nicht belegt. Dazu kommt: Dass sich nur noch wenige Menschen mit dem Masernvirus regulär anstecken, liege an den hohen Impfquoten. Hinter dem Internetportal steht der Unternehmer und Aktivist Markus Bönig. Während der Corona-Pandemie hat er unter anderem "Impfunfähigkeitsbescheinigungen" angeboten. Auch die Seite "Beitragsblocker.de" gehört zu seinem Unternehmen. Dort verkauft er Pakete mit juristischen Schriftsätzen gegen den Rundfunkbeitrag.