Bundesweit gibt es an Schulen sehr unterschiedliche Regeln zur Handynutzung im Klassenzimmer. Der Augsburger Bildungsforscher Klaus Zierer befürwortet ein generelles Handyverbot an Schulen. Schon ein ausgeschaltetes Smartphone in der Schultasche könne zu sehr ablenken, sagte er dem Evangelischen Pressedienst (epd). Zierer gehört unter anderem der von Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) einberufenen Expertenkommission "Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt" an, betont aber, dass er im Interview nicht für die gesamte Kommission spricht.

Selbst ausgeschaltet lenkt das Smartphone noch ab

An etlichen Schulen wird die Nutzung von Smartphones im Unterricht oder sogar auf dem gesamten Schulgelände eingeschränkt. Wie bewerten Sie solche Konzepte?

Klaus Zierer: Ich befürworte sie klar. Private Smartphones haben im Unterricht nichts verloren. Weder Schülerinnen und Schüler noch Lehrkräfte brauchen sie für guten Unterricht. Was wir aus der Forschung wissen, ist eindeutig: Das eigene Smartphone lenkt ab - und zwar selbst dann, wenn es ausgeschaltet ist. Je näher das Gerät, desto geringer Aufmerksamkeit und Lernleistung. Deshalb sollten private Endgeräte aus dem Klassenzimmer verschwinden. Ob sie in einer Handybox, einem Schließfach oder an einem festen Ablageort liegen, ist zweitrangig. Entscheidend ist, dass sie während der Schulzeit nicht genutzt werden.

Inwiefern wirken Smartphones so stark ablenkend?

Das zeigen zahlreiche Studien zum sogenannten "Brain-Drain-Effekt". In einer bekannten Untersuchung schrieben drei Gruppen denselben Test: Eine hatte das ausgeschaltete Smartphone auf dem Tisch, die zweite in der Tasche und die dritte musste es vor dem Prüfungsraum abgeben. Das Ergebnis wurde inzwischen mehrfach bestätigt: Schon die bloße Nähe des eigenen Smartphones belastet das Arbeitsgedächtnis und verringert die Aufmerksamkeit - selbst im ausgeschalteten Zustand.

Welche positiven Folgen haben Handyverbote?

Die Forschung dazu ist noch vergleichsweise dünn. Was wir aber sehen, ist ein positiver Effekt auf das Wohlbefinden. Wenn Kinder ihre Pausen nicht am Smartphone verbringen, sondern miteinander spielen und sprechen, wird die Schule wieder ein sozialer Raum. Wichtig ist allerdings, solche Regeln pädagogisch zu begleiten: Man muss erklären, warum sie gelten, und Alternativen anbieten - etwa bewegte Pausen. Aus vielen Schulen wissen wir, dass diese Konzepte gut funktionieren. Selbst viele Schülerinnen und Schüler bewerten sie im Nachhinein positiv.

Manche Eltern befürchten, dass ihre Kinder dadurch digitale Kompetenzen verpassen.

Diese Sorge halte ich für unbegründet. Das, was Kinder überwiegend auf privaten Smartphones tun, hat mit den digitalen Kompetenzen, die sie später im Berufsleben brauchen, wenig zu tun. Digitale Kompetenz baut auf analogen Fähigkeiten wie Lesen, Schreiben, Rechnen und Denken auf. Natürlich sollten digitale Medien im Unterricht eingesetzt werden - aber mit geeigneten schulischen Geräten und einem pädagogischen Konzept, nicht mit privaten Smartphones.

Handyverbot stärkt Konzentration und soziales Miteinander

Könnte ein Handyverbot dazu führen, dass Kinder ihre Smartphones nach der Schule umso intensiver nutzen?

Dafür gibt es keine Hinweise. Die außerschulische Bildschirmzeit liegt je nach Studie ohnehin bereits bei mehreren Stunden täglich. Viel mehr Zeit lässt sich kaum noch hinzufügen. Wenn Schule zeigt, dass Begegnung, Kommunikation und gemeinsames Spielen wertvoll sind, kann das sogar positive Auswirkungen auf die Freizeitgestaltung haben. Schule sollte nicht nur schützen, sondern auch Orientierung geben.

Immer mehr Eltern wünschen sich klare Regeln. Braucht es dafür politische Vorgaben?

Das wäre aus meiner Sicht wünschenswert. Stattdessen wird seit Jahren diskutiert, ohne systematisch zu handeln oder die notwendigen Studien in Deutschland auf den Weg zu bringen. Deshalb verstehe ich Eltern gut, die gezielt Schulen auswählen, die klare Smartphone-Regeln haben. Sie können nicht darauf warten, bis die Politik irgendwann entscheidet.

Sollte es an Schulen im Umgang mit Smartphones andere Regeln für ältere Schüler geben?

Zierer: In Ganztagsschulen kann man ab einem gewissen Alter feste Zeitfenster einrichten, etwa 20 oder 30 Minuten am Nachmittag, damit Jugendliche wichtige Absprachen mit ihrem Verein oder mit ihren Freunden treffen können. Für jüngere Kinder halte ich das nicht für notwendig. Regeln sollten sich am Alter und an der Entwicklung der Jugendlichen orientieren.

Auch Erwachsene müssen den Umgang mit Smartphones lernen

Sie kritisieren aber nicht nur Smartphones.

Die Debatte müsste eigentlich auch private Tablets, soziale Medien und Online-Gaming einbeziehen. Ein privates Tablet im Unterricht bringt dieselben Ablenkungen mit sich. Kinder finden immer Wege, Sperren zu umgehen. Schule sollte ein Ort sein, an dem die Konzentration auf Bildung im Mittelpunkt steht und unnötige Ablenkungen möglichst ausgeschlossen werden.

Warum fällt es Kindern besonders schwer, der Versuchung zu widerstehen?

Aus neurologischer Sicht spielt der präfrontale Kortex eine entscheidende Rolle. Dieser Bereich ist für Selbstregulation und Konzentration verantwortlich und reift im Durchschnitt erst bis etwa zum 24. Lebensjahr vollständig aus. Je jünger ein Mensch ist, desto schwerer fällt es ihm, Ablenkungen zu widerstehen. Das lässt sich pädagogisch nicht beschleunigen. Deshalb brauchen Kinder und Jugendliche einen Rahmen, der ihnen hilft, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Betrifft das Problem nur Kinder?

Zierer: Nein. Auch Erwachsene lassen sich ständig von Smartphones, E-Mails oder Messenger-Diensten ablenken. Sinnvoll wäre es für alle, feste Zeiten für Kommunikation und soziale Medien einzuplanen und sich dazwischen auf die eigentliche Aufgabe zu konzentrieren. Wir sind als Gesellschaft in diese Entwicklung hineingeraten und müssen jetzt lernen, vernünftige Regeln für den Umgang mit digitalen Medien zu finden.