Wenn Isabella Niedworok sich morgens um sechs Uhr ihr Diensthandy schnappt, beginnt sie ihren Arbeitstag deutlich entspannter als noch vor ein paar Monaten. Seit Jahresmitte arbeitet die Wohnbereichsleiterin im Seniorenzentrum Gottfried Seiler in Feucht bei Nürnberg mit einer neuen App. Mit ihr können ihre Kollegen und sie ihre kompletten Arbeitsschritte bei der Pflege der Bewohner ganz einfach dokumentieren. Sie greifen etwa beim Wecken und Waschen zum Handy und sprechen ihre Beobachtungen und Pflegemaßnahmen einfach ins Smartphone.

Das wandelt dank Künstlicher Intelligenz (KI) das Ganze in einen Text um, der kurz überprüft und dann in der jeweiligen Akte der Bewohner gespeichert wird. "Ich bin happy", sagt Niedworok über diese technische Erleichterung. So dokumentiert sie, dass ein Bewohner morgens in schlechter Verfassung ist, im nächsten Zimmer vermerkt sie per Sprachnotiz Toilettengänge. Auch wenn sich einer der Klienten nicht mehr selbst ankleidet oder sich mit dem Rollstuhl außerhalb des Zimmers nicht mehr selbstständig bewegen kann, wird das vermerkt.

Wunddokumentation und Pflege leichter gemacht

Die Wunddokumentation ist das persönliche Highlight der Wohnbereichsleiterin. Bei einer Eingangsuntersuchung oder nach einem Sturz kann sie Wunden oder Verletzungen einfach per Handyfoto dokumentieren und schnell in den Unterlagen digital sichern. "Außerdem kann ich es einfach an den Hausarzt weiterleiten." Das war zuvor deutlich umständlicher. Pflegedienstleiter Robert Scheurer versichert, "die gewonnene Zeit wird nicht in Mehrarbeit investiert, sondern in Zeit, um Bewohnern etwas Gutes zu tun."

Jeder Pfleger, jede Pflegerin drückt beim Gang durch die Zimmer oder im Speisesaal einfach auf den entsprechenden Namen des Bewohners. Alle Notizen sind dann gleich individuell im System abgelegt. "Was nicht dokumentiert ist, hat auch nicht stattgefunden", ergänzt Scheurer. Deshalb liege der Zeitaufwand einer Pflegekraft für die Dokumentation bei etwa einem Drittel der Arbeitszeit. "Unsere Dexter-App erleichtert uns diese Bürokratie." Er schätzt die Zeitersparnis auf etwa 20 bis 40 Prozent. Das sei für ihn ein positives Beispiel für KI in der Pflege.

Der Träger, die Rummelsberger Diakonie, hat nach umfangreichen Praxistests die Dexter-App in allen 14 Häusern eingeführt. "Die Erfahrungen sind durchweg positiv", lautet Scheurers erstes Resümee. Die Pflegeteams können die Dokumentationen nicht nur schneller erledigen, "es steigt auch die Qualität".

Zeitersparnis durch digitale Prozesse

In Zeiten vor der App hat die Pflegekraft erst nach dem Rundgang zu sechs bis zehn Bewohnern im Büro Daten eingegeben. Weil es drei PCs für fünf bis sechs Mitarbeiter gibt, sei es schon mal zu unnötiger Wartezeit gekommen. Selbst für einen eventuellen Notfall sind die Pflegeteams mit dem umgehängten Smartphone besser gerüstet. So lässt sich nicht nur schneller ein Notarzt rufen, zählt Niedworok weiter auf. Mit ein paar Klicks lasse sich auch sofort die Medikamentenliste aufrufen. Auch eine mögliche Patientenverfügung taucht dann auf dem Display auf.

Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) teilt auf Anfrage mit, man habe keinen Überblick, wie viele der rund 14.000 Mitgliedseinrichtungen KI-Systeme einsetzen, erklärt aber, "grundsätzlich können KI-gestützte Digitalisierungslösungen Pflegekräfte zum Beispiel bei Dokumentationsaufgaben sehr entlasten und auch einen Beitrag zur Entbürokratisierung leisten."

Der Erleichterung ging bei der Wohnbereichsleiterin allerdings Zurückhaltung vor der neuen Technik voraus. "Ich war zunächst etwas skeptisch", räumt sie ein. Bei der Schulung habe sie dann aber erlebt, wie einfach sich die App bedienen lässt. Dann sei die Euphorie bei ihr und ihren Kollegen immer größer geworden.

KI in der Pflege: Chancen und ethische Fragen

Im Seniorenzentrum Gottfried Seiler ist die Vielfalt der Nationen im Team groß. Pflegefachkräfte und Pflegehelfer kommen aus Polen, Rumänien, der Ukraine oder Syrien. Die Griechin Alketa Topuzi arbeitet seit zwei Jahren in der Einrichtung. Auch sie kommt mit der App gut zurecht, sagt sie. Allerdings ist ihr Deutsch noch nicht so gut, dass die KI von Dexter alles fehlerfrei erkennt. Wenn sie unsicher ist, wählt sie die analoge Unterstützung:

"Ich frage einfach Isabella, ob alles richtig ist, bevor ich die Nachricht speichere."

Der Professor für Ethik und Anthropologie der Evangelischen Hochschule Nürnberg, Arne Manzeschke, rät dazu, beim Einsatz digitaler Helferlein mit KI genau hinzuschauen. Es gebe einerseits einige sinnvolle Anwendungen, um mit KI etwa den Einsatz des Personals zu planen. Andererseits müsse sich die Gesellschaft grundsätzlich überlegen, wie viel soziale Interaktion etwa ein KI-gestützter Pflegeroboter übernehmen soll.

Manzeschke denkt an eine künftige Roboterbegleitung bei Toilettengängen oder Intimwäsche. Dem einen könnte ein Mensch lieber sein, dem anderen lieber eine Maschine. Dahinter steht für ihn die Frage, wie viel "Zwischenmenschlichkeit die Pflege der Zukunft erfordert". Hinter der Hoffnung auf eine Entlastung der Pflegekräfte durch KI sieht er aber noch eine ganz andere Dimension. "Bei all diesen Lösungen ist Deutschland und Europa von Lösungen aus den USA abhängig." Solange die USA eine stabile, wertegeleitete Demokratie ist, ist es für den Professor unproblematisch. Mit Blick auf die "digitale Souveränität" müsse die EU auch die Infrastruktur mit Rechenzentren in und Softwarelösungen aus Europa bereitstellen.