Antiziganismus – die Ausgrenzung und Abwertung von Menschen, die mit dem sogenannten "Z-Wort" stigmatisiert wurden und immer noch werden – gehört zu den ältesten und zugleich am wenigsten aufgearbeiteten Formen von Diskriminierung und Ausgrenzung in Europa. Vor allem Sinti leben seit Jahrhunderten in Deutschland und sind dennoch bis heute von Vorurteilen, Diskriminierung und Gewalt betroffen.

"Der Begriff ist ehrlich gesagt auch gar nicht so einfach erklärbar", sagt Thomas Bollwein, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Evangelischen Arbeitsstelle Antiziganismus Bayern. "Letztendlich betrifft das die Ausgrenzung und Diskriminierung aller Menschen, die mit dem Wort stigmatisiert werden." Antiziganismus, so Bollwein, teile die Gesellschaft in eine Eigen- und eine Fremdgruppe: "Letztendlich geht es darum, dass es eben die `Anderen` sind."

Wie solche Bilder entstehen, wie sie sich in der Geschichte festgesetzt haben und was das mit heutiger Heimatpflege zu tun hat – darum geht es bei einem Informations- und Begegnungsabend am Freitag, 12. Dezember 2025, im Evangelischen Bildungs- und Tagungszentrum Bad Alexandersbad. Veranstalter sind die Evangelische Arbeitsstelle Antiziganismus Bayern, der Regionalverband Deutscher Sinti & Roma Schwaben, die Bezirksheimatpflege Schwaben und die Evangelische Erwachsenenbildung Hochfranken.

Antiziganismus – ein verdrängtes Kapitel

In vielen regionalen Chroniken und Heimatbüchern kommen Sinti und Roma kaum vor.. Aber warum? Die Antwort liegt für Bollwein in der Art, wie Geschichte geschrieben wird: "Geschichte und Erinnerungskultur wird ja in der Regel von Menschen geschrieben, die über Bildung, Wissen oder auch Macht verfügen. Und das verfügen Sinti und Roma eben nicht, weil sie seit Jahrhunderten ausgeschlossen werden und dadurch eben auch keine Stimme bekommen haben."

Für Bollwein ist Antiziganismus deshalb mehr als eine Reihe unglücklicher Vorfälle. Er spricht von einer tief verankerten Struktur, die sich durch Schulbücher, Lokalgeschichten, Alltagsreden und Behördenpraxis zieht. "Allgemein ist halt das Problem, dass sehr viel über Minderheiten gesprochen wird", sagt er. "Wir können zwar viel über andere Leute reden, aber letztendlich ist es viel wichtiger, auch ihre eigene Perspektive mit einzubeziehen."

Ein Blick in die Geschichte zeigt, wie das lange Zeit nicht geschah. Über Jahrzehnte dominierte eine sogenannte "Zigeunerkunde", eine Pseudowissenschaft, die rassistische Annahmen der NS-Zeit fortschrieb und nur über die Minderheit sprach, statt mit ihr. Aufarbeitung könne, so Bollwein, nur gemeinsam mit den Betroffenen gelingen: "Es ist ja nicht nur eine Geschichte der Mehrheit, sondern es ist auch eine Geschichte der Minderheit. Und das ist eben sehr wichtig, gemeinsam das zusammen anzugehen."

Bürgerrechtsbewegung und neue Ausstellung

Eine zentrale Figur der Bürgerrechtsbewegung ist Romani Rose. Er organisierte 1980 gemeinsam mit anderen Sinti in der KZ-Gedenkstätte Dachau einen Hungerstreik, um auf die prekären Lebensverhältnisse aufmerksam zu machen. "Das ist eben so der Meilenstein des Ganzen, wie es dazu gekommen ist, dass die Sinti auch als Minderheit anerkannt werden", sagt Bollwein. Zugleich betont er: "Letztendlich ist es aber eher so der Ausgangspunkt und wir müssen da noch viel dran arbeiten."

Daran knüpft die neue Wanderausstellung "Schwäbische Sinti und Roma in Vergangenheit und Gegenwart – Schwäbdigi Sinti & Roma ano puro Ziro uni newo Ziro" an, die an dem Abend in Bad Alexandersbad vorgestellt wird. Sie erzählt eine über 600-jährige Geschichte zwischen Ausgrenzung und Teilhabe und ist gemeinsam von der Regionalvertretung der Sinti und Roma Schwaben und der Bezirksheimatpflege Schwaben entwickelt worden. Bollwein sieht in ihr ein Beispiel dafür, "wie Zusammenarbeit Brücken baut – zwischen Minderheit und Mehrheitsgesellschaft, zwischen Vergangenheit und Zukunft".

Gegenwart: Diskriminierung im Alltag

Antiziganismus ist kein Thema, das in den Archiven liegen bleibt. In Schulen erleben Kinder, denen eine Zugehörigkeit zu Sinti oder Roma zugeschrieben wird, bis heute Ausgrenzung und Mobbing. "Das führt natürlich auch dazu, dass die Kinder nicht so gerne in die Schule gehen", erklärt Bollwein. Medien arbeiten mit vertrauten Bildern, oft mit einem "mystischen, zauberhaften" Flair einerseits und klarer Ausgrenzung andererseits. In Filmen und Serien tauchen Sinti und Roma als romantisierte Fahrende oder als kriminelle Randfiguren auf – Bilder, die wenig mit dem Alltag der meisten Betroffenen zu tun haben.

Ähnliche Muster beobachtet Bollwein im Kontakt mit Behörden oder auf dem Wohnungsmarkt. Menschen, denen eine Zugehörigkeit zur Minderheit zugeschrieben wird oder die einen entsprechenden Nachnamen tragen, hätten es bei der Wohnungssuche oft schwerer. "Das ist ein sehr großes Problem im Alltag", sagt er. Viele Sinti seien außerdem in Freikirchen organisiert, weil Vertrauen zu den traditionellen Kirchen fehle. Diese hätten die Verfolgung in der NS-Zeit "im besten Falle mit toleriert, zum Teil aber auch unterstützt" und damit erheblich Vertrauen verspielt.

Persönlicher Zugang und Einladung zum Gespräch

Besonders deutlich sei ihm Antiziganismus im Jahr 2016 geworden, erzählt er, als in Bamberg ein Abschiebelager für Geflüchtete aus dem Westbalkan eingerichtet wurde. "Da waren sehr viele Roma dabei", so Bollwein. "Die Leute werden in ihren Ländern aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen und strukturell benachteiligt. Dann kommen sie nach Deutschland, um dem zu entfliehen – und erleben wieder Ausgrenzung." Seitdem beschäftigt ihn die Frage, wie sich solche Strukturen verändern lassen – institutionell, aber auch im persönlichen Umgang.

Genau an dieser Stelle setzt der Abend in Bad Alexandersbad an. "An dem Abend ist vor allem wichtig, dass die Leute erstmal einen Einblick bekommen: Was sind überhaupt Probleme? Wie kann man sie angehen, wie kann man sie gemeinsam aufarbeiten, aber dann auch persönliche Vorurteile abbauen?", beschreibt Bollwein sein Ziel. Viele Menschen hätten Hemmungen, Fragen zu stellen, aus Angst, etwas Falsches zu sagen. "Ich denke, wichtiger ist es, neugierig zu lernen, wie man mit dem anderen umgehen kann", sagt er. "Wir lernen uns gegenseitig kennen als Menschen – nicht als fremde und eigene Gruppe."

Die Veranstaltung "Antiziganismus als Themenfeld der Heimatpflege – Ein Abend mit Informationen, Austausch und Begegnung" findet am Freitag, 12. Dezember 2025, von 18 bis 20.30 Uhr im Evangelischen Bildungs- und Tagungszentrum Bad Alexandersbad, Markgrafenstraße 34, statt. Der Eintritt ist frei. Die Veranstalter hoffen auf lebendige Gespräche und darauf, dass Heimatpflege künftig genauer hinschaut – auf ihre blinden Flecken ebenso wie auf Beispiele gelingenden Miteinanders.

Dossier Sinti & Roma

Sinti und Roma sind in Deutschland eine nationale Minderheit. Der Begriff "Roma" wurde auf dem ersten Weltkongress der Roma-Nationalbewegung gewählt. Sinti werden als Untergruppe der Roma gesehen und meinen Nachfahren von Gruppen, die seit dem 15. Jahrhundert eingewandert sind. Unsere Themenseite Sinti und Roma informiert über aktuelle Bewegungen, Projekte und Aktionen.

Wenn Sie eine Ausstellung über Sinti und Roma ausleihen möchten: Hier geht es zum Portal ausstellung-leihen.