Rauben uns unsere digitalen Endgeräte zu viel Energie und Zeit, um uns zu engagieren? Der Pfarrer, Gemeindeberater und systemische Berater Roland Thürmel meint, jeder möchte eigentlich die Welt ein Stück besser machen und ruft dazu auf, sich dazu wieder analog zu verabreden. Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) rät er der Kirche und dem Staat den Menschen einfach mal zuzuhören und sie zu Wort kommen zu lassen.

Bei einem Podium zum Thema Nachhaltigkeit und Digitalisierung haben Sie vor Kurzem gesagt, wir müssten aus dem "hybriden Trott wieder raus". Wollen Sie keine Videokonferenzen mehr?

Roland Thürmel: Das ist ein vielschichtiges Thema.

Ich bin überzeugt, der Heilige Geist kann auch Zoom, und Gottes Geist ist immer dann gegenwärtig, wenn Menschen anfangen, sich tatsächlich zu verstehen und wechselseitig Neues an sich zu entdecken.

Es ist ein kreativer Prozess, der beim Reden und Zuhören entsteht, und kann durch ganz unterschiedliche Medien passieren. Wir können sprechen und wir können zuhören. Wir können nachdenken und wir können auch mal schweigen. Dafür müssen wir uns die Zeit nehmen und dann ist nicht mehr die entscheidende Frage, welchen Kanal ich nutze.

Die kritische Ressource Zeit oder die Zeit zur Verlangsamung, wo nehmen wir die her?

Ich sage häufig, ich habe keine Zeit, aber ich nehme sie mir. Ich möchte nicht so tun, als könnte ich das immer und bin ein leuchtendes Vorbild. Aber schon der Satz ist ein wichtiger Punkt: Ich nehme mir jetzt Zeit für dich, ist doch eigentlich ein wunderschöner Satz.

Jetzt kommt "Momo" wieder in die Kinos. In der Romanvorlage von Michael Ende geht es um Zeitdiebe. Wo stecken die denn heute? Vielleicht doch in den sozialen Medien?

Ich bin zwar nicht viel auf den sozialen Plattformen, aber ich liebe bestimmte Podcasts und ich liebe auch YouTube. Auf solchen Kanälen kann man sehr vielen schlauen Menschen zuhören, die wirklich was zu sagen haben zur aktuellen Entwicklung. Aber natürlich gibt’s auf beiden Plattformen auch viele Inhalte, bei denen ich sagen würde: Vorsicht, in welche Welt driftet das ab?

In den Sozialen Medien sind wir am Tag im Schnitt 40 Mal empört, über eine Stadtbild-Äußerung, über ein Selbstlob von Donald Trump oder anderes. Die Empörung ist dann immer schnell weg und bringt nichts weiter. Was raten Sie, wie man mit dieser Empörung vielleicht etwas sinnvoller umgehen könnte?

Irgendwann muss man mal sagen: Stopp. Jetzt suche ich mir einen weiteren Menschen, mit dem ich ins Gespräch darüber gehe, an welcher Stelle man vielleicht ansetzen kann, um die Welt ein ganz kleines Stück besser zu machen. Wo könnte ich mich mit meiner wenigen Zeit sinnvoll engagieren?

Am Ort, aber auch wieder übers Digitale. Häufig sehnen sich doch die Menschen danach, dort dabei zu sein, wo etwas entsteht, wollen zusammen mit anderen etwas tun und ein Ergebnis sehen. Sie wollen ein Zeichen setzen, dass man das Gegebene nicht einfach so hinnehmen muss, sondern tatsächlich auch was verändern kann.

Um sich zu verabreden, zu treffen und abzustimmen und die Welt besser zu machen: Wo kann da die Kirche Angebote machen oder Menschen unter die Arme greifen? Gibt’s da was?

Um "Kirche der Menschen" zu sein, müssten wir einfach noch viel mehr zuhören, als wir das im Moment tun.

Im ersten Schritt müssten wir eine hörende, zuhörende Kirche werden: Was beschäftigt nicht nur unsere Mitglieder, sondern Menschen insgesamt? Um überhaupt in den Dialog zu kommen, müssen Menschen Dinge sagen, die man erst einmal nicht gut findet.

Wichtig ist, nicht gleich mit den eigenen Antworten zu reagieren, sondern mit einer fragenden Grundhaltung zu reagieren. Das öffnet oft Türen und macht den Raum des Möglichen größer.

Um noch mal auf das Thema Empörung und das Rausgehen auf die Straße zu kommen. Müssen wir wieder mehr lernen, auf die Straße zu gehen oder zur Menschenkette, statt einen erbosten Videoschnipsel hochzuladen?

Die Demos, auf denen ich zuletzt war, waren nicht nur von Empörung geprägt. Etwa bei Fridays for Future-Kundgebungen wurde sehr viel Konstruktives gesagt und ausgetauscht. Dort reden die Menschen auch miteinander. Und ich finde diesen Austausch sehr wertvoll. Den könnte man auch digital sehr gut organisieren.

Ich habe vor Kurzem über Taiwan gelesen, dass der Staat eine Social-Media-Plattform aufgebaut hat, in der echte Bürgerbeteiligung stattfindet. Ich glaube, die Erfahrung, dass ich als Bürger von der Politik wahrgenommen werde, holt Menschen wirklich gut ab. Ein moderiertes Verfahren, um zu guten Lösungen zu kommen, fehlt uns.

In Deutschland hat es einen Bürgerrat Klima gegeben, der sich jahrelang mit Ansätzen für eine gute Klimapolitik befasst - aber seine Ergebnisse liegen irgendwo in einem staubigen Eck…

Aus meiner Beratungserfahrung kann ich sagen, dass es wichtig ist, zu klären, was mit den Ergebnissen ehrenamtlicher Gremien passiert. Ich finde, diese Kultur haben wir in unserer Kirche schon. Wir haben ehrenamtliche Entscheidungsgremien und gehen nicht darüber hinweg. Die Menschen vor Ort sind die Expertinnen und Experten vor Ort. Und ich kann doch nicht gute Lösungen entwickeln und den Expertenrat dabei ausschlagen.

Das Gleiche gilt auch für unser Land. Wir sind Expertinnen, Experten unserer Situation und diese Expertise darf man nicht ausschlagen, sonst ist das die totale Watschen für die Bürger.