"Wollen Sie das Geschlecht wissen?", "Ja?" Ich räusperte mich und wiederholte das Ja - dieses Mal ohne Schleim auf der Stimme und das merkwürdige Fragezeichen am Ende. Natürlich wollte ich bestätigt bekommen, was ich seit dem positiven Schwangerschaftstest geahnt hatte. "Es wird ein Junge".
Stille.
Muss ich jetzt etwas sagen? Es ist schon seltsam, dass die Mitteilung des Geschlechts eine Reaktion einzufordern scheint. Sie verdichtet alle Klischees, Vorurteile und Erwartungen, die an ein Geschlecht geknüpft werden. "Danke, damit habe ich gerechnet", antwortete ich.
Pause.
Dann die Ärztin: "Ich hoffe, Sie freuen sich." Kein Atemzug dazwischen, ich: "Mir ist das Geschlecht eigentlich egal."
Lüge.
Was die Nachricht "Es wird ein Junge" in mir ausgelöst hat
Ich sehe mich als Jungsmama. Das Bauchgefühl hatte mich von Tag eins begleitet, und die Bestätigung fühlte sich stimmig an. Als Jüngste von drei Schwestern, oder Grazien, wie wir uns uneitel selbst nannten, spürte ich darin etwas, das ich nur als Aufbruch beschreiben kann.
Eine Art Hunger, nicht direkt nach den Antworten, die ich mir in unzähligen Ratgeberbüchern und Apps anlesen kann, sondern nach meinen Fragen selbst. Wie erzieht man einen Sohn in einer Welt, die Männer nicht gut formt?
Ich kannte ein Haus voller Frauen, was ich über Kinder wusste, wusste ich über Mädchen. Das ist kein kleiner Unterschied. Vielleicht war es das, ich war neugierig und begeistert von der Vorstellung, dass ich von Grund auf neu lernen musste, nicht nur, wie man Mutter wird, sondern wie man einen Sohn erzieht.
Ich habe zwei Nichten. Von meiner Schwester habe ich mir das ein oder andere abgeguckt und dabei gedacht: Beeindruckend. Bei mir wird es anders. Nicht besser, sondern anders. Schließlich bekomme ich einen Jungen. Da greift keine Intuition, keine Erfahrung. Das muss ich neu lernen, mir neue Vorbilder suchen.
Was ich also vor allem dachte: Einen Sohn zu erziehen ist eine größere Herausforderung. Nicht nur für mich – allgemein. Ich trug die Klischees, die Vorurteile, die gesellschaftlichen Erwartungen vielleicht weit stärker in mir, als ich zugeben wollte. Weit stärker jedenfalls als meine arme Frauenärztin, auf die ich sie pars pro toto projiziert hatte.
Mädchen sollen heute alles dürfen – und Jungen vor allem nicht weiblich sein
Mädchen will man empowern: Du kannst alles werden, du brauchst keinen Mann, der dich ernährt, du kannst im Paillettenkleid zur Flötenstunde oder mit Hoodie und Skateboard zum Boxtraining – Hauptsache, du weißt, wer du bist. Das ist das Versprechen. Es schwingt natürlich mit, dass Frauen trotzdem mehrheitlich im Gesundheitswesen, in der Erziehung, in Sozialberufen landen. Dass sie von klein auf lernen, auf Gefühle zu hören - die eigenen und die der anderen.
Dass sie zum dritten Geburtstag eine Puppe bekommen, um die sie sich kümmern, während die Mama gerade die nervige kleine Schwester füttert. Sei wie eine Mama. Doch das Entscheidende ist, sie dürfen inzwischen auch sein wie Jungs: unabhängig, zielstrebig, im Teenageralter dann bitte vor allem: unangreifbar.
Jungs lernen vor allem eines: sei kein Mädchen. Keine lackierten Nägel. Kein Feenkostüm. Kein Rollenspiel, in dem man eine Fantasiewelt baut und darin verarbeitet, was einen bewegt. Das alles ist Mädchenkram. Und Mädchenkram, das lernen Jungs früh, ist das Schlimmste, was man sein kann. Oder tun. Oder auch nur denken. Wobei noch schlimmer ist es: ein Müttersöhnchen zu sein.
Zu richtigen Männern werden Jungs durch ihre Väter – das ist die gängige Annahme. "Schau doch mal, was Papa in der Garage macht.", "Papa geht mit dir Fußball spielen.", "Zum Geburtstag bekommst du deine eigne Kinderbohrmaschine."
Wie tief die Angst vor Weiblichkeit in vielen Jungen steckt
Die Buchautorin Anne Dittmann hat das in in ihrem Buch "Jungs von heute, Männer von morgen" entfaltet – und auf einen einfachen Nenner gebracht: Die männliche Norm lautet nicht nur "sei kein Mädchen". Sie lautet: sei nicht weiblich. Sei es nie. Unter keinen Umständen. Ich bin die Mutter. Nach dieser Logik bin ich also das erste Problem, dem mein Sohn in seinem Leben begegnet. Noch vor dem Zahnen.
Aber ich bin eben auch Teil der Lösung. Indem ich ihn an meiner Perspektive teilhaben lasse. Das zumindest glaube ich sehr fest. Indem ich ihm zeige, dass Frauen fürsorglich und ehrgeizig sind. Dass sie diskutieren, scheitern und weitermachen. Dass der Blick für andere kein Weichheitsmerkmal ist, sondern ein Werkzeug. Empathie ist Strategie. Dass er das alles darf. Dass er alles sein darf – so wie Mädchen heute alles sein dürfen. In der Theorie zumindest.
Einen Sohn erziehen heißt auch, die eigenen Reflexe zu hinterfragen
Aber zuerst muss ich meine eigenen Vorurteile loswerden. Die, die ich nicht mal als Vorurteile erkenne, weil sie sich wie Reflexe anfühlen. Ich stelle mir folgende Szene vor: Mein Sohn sitzt mit seinen drei Jahren am Tisch und hat Durst. Ich stehe auf, um ihm Wasser zu holen. Denke ich dann: Er wird ein Mann, er soll nicht lernen, dass Frauen ihn bedienen? Oder denke ich dann einfach: Er ist ein Kind? Fürsorge ist keine Gefahr. Und das nächste Mal bringe ich ihm bei, wie er sich selbst ein Glas Wasser einschenkt.
Die Politikwissenschaftlerin und Autorin Emilia Roig schreibt in ihrem Buch "Lieber Sohn oder So rettest du die Welt": Fürsorge sei kein Altruismus, der sich selbst vergesse, sondern ein Netz, in dem niemand allein falle. Fürsorge zeige sich in alltäglichen Momenten, nicht im Ausnahmezustand. Sie sei kein sentimentaler Luxus, sondern existenziell.
Und plötzlich sieht Fürsorge ganz anders aus: Sie ist nicht Aufopferung, sondern Kompetenz. Stärke, würde man vielleicht sagen – wenn sie männlich geprägt wäre. Auf jeden Fall ist Fürsorge etwas, das ich meinem Sohn mitgeben will – nicht als Ausnahme, sondern als Haltung.
Männer als Beschützer – und das Problem hinter diesem Ideal
Denn das Gegenbild ist mir vertraut. Der Mann, der sich als der "Beschützer" begreift, weil er nicht schlägt, nicht brüllt, nicht droht. Aber Schutz braucht eine Bedrohung, sonst ist er nichts wert, und genau in dieser Logik steckt das Problem: Der Mann, der Gewalt verabscheut, ist in seiner Rolle als Beschützer auf sie angewiesen. Er braucht die Gefahr, damit sein Versprechen gilt. Er braucht gewaltttäige Männer.
Und für wen gilt der Schutz überhaupt? Vor allem für Frauen und Mädchen. Sie müssen ihm gehören – denn wer beschützt, besitzt. Das ist keine Übertreibung, sondern die Konsequenz eines Systems, das Männern Fürsorge nie beigebracht hat, sondern nur Kontrolle und Dominanz.
Hier trennen sich die Wege. Fürsorge auf der einen Seite. Schutz auf der anderen. Und dazwischen: mein Sohn.
Fürsorge zieht kein Revier. Sie fragt nicht, wem jemand gehört. Sie fragt nur, wer etwas braucht. Wer für andere sorgt, stellt sich nicht über den anderen, er stellt sich daneben. Und das, denke ich, ist das Erste, was mein Sohn lernen soll: die Antennen ausfahren, Empathie. Und damit die Freiheit, sich nicht über Dominanz zu definieren.
Und vielleicht auch das: dass Fürsorge die Arbeit ist, die unsichtbar bleibt – und nach den Maßstäben unserer Wirtschaft sogar ineffizient ist. Wer heute in einem Pflegeberuf arbeitet, weiß, wovon ich spreche. Wieviel Minuten bleiben noch pro Patient:in? Fürsorge ist langsam. Sie lässt sich nicht optimieren oder skalieren.
Und genau deshalb ist sie subversiv. Und da komme ich als werdende Jungsmama ins Spiel: Was ich tun kann ist, Fürsorge zu normalisieren. Sie aus dem Korsett der Weiblichkeit befreien. Meinem Sohn zeigen, dass Fürsorge keine nette Geste ist, die man sich hin und wieder mal leistet, wenn man "mal Zeit hat". Sondern die Haltung, aus der heraus man lebt.
Meine Liebe zu diesem Kind kennt kein Geschlecht
Ich habe meine Frauenärztin angelogen. Das Geschlecht ist mir nicht egal. Es war mir nie egal.
Ich stelle mich innerlich auf eine ganz andere Erziehung ein, als bei Mädchen. Was aber stimmt ist, ich spüre keinen Unterschied in meiner Bindung zu diesem Kind. Meine Liebe kennt kein Geschlecht. Ich spüre nur diesen Bauch, die wiederkehrenden Bewegungen, besonders gegen vier Uhr nachtmittags und ein Gefühl der Dankbarkeit, das größer ist als alle Theorie, die ich in diesem Text aufgeboten habe.