Am Donnerstag ist Christi Himmelfahrt. Zumindest laut Kalender. Inoffiziell dominiert ein anderer Feiertag: der des männlichen Geschlechts.
An die christliche Erzählung denkt dabei kaum jemand: Es geht um Bollerwagen, Bierkästen und einem Geräuschpegel, der dem Anlass einen sehr weltlichen Charakter verleiht. Gewidmet ist der Tag zwar den Vätern, doch der Begriff erscheint erstaunlich dehnbar. Beim traditionellen Männerausflug versammeln sich erfahrungsgemäß nicht nur Väter, sondern Männer, inklusive derer, die theoretisch irgendwann Väter werden könnten.
Die Berliner Erfindung des Vatertags und ihre bis heute spürbaren Folgen
Deutschland ist damit ein Sonderfall. Vatertage existieren auch anderswo, aber nirgendwo sonst fällt der alljährliche Männeraufmarsch ausgerechnet auf einen christlichen Feiertag. Und er trägt Berliner Handschrift. Die Brauereien des späten 19. Jahrhunderts erkannten früh das ökonomische Potenzial der Himmelfahrtsprozessionen. Aus religiösen Umzügen wurden Herrentouren, aus Frömmigkeit Folklore und aus der Folklore ein national gepflegtes männliches Trinkritual. Im ostdeutschen Raum ist deshalb auch der Begriff "Herrentag" verbreiteter.
Hier prallt die christliche Vorstellung von Transzendenz mit dem Himmel als Sehnsuchtsort auf eine sehr diesseitige Praxis der Entgrenzung. Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Pointe dieses Feiertags: dass ein christliches Fest der Transzendenz hierzulande ausgerechnet als Ritual organisierter Diesseitigkeit begangen wird.
Und genau hier zeigt sich, welche Bilder von Vaterschaft dieser Feiertag stabilisiert: raue, laute, enthemmte Männer – im Grunde eine Karnevalsshow für toxische Männlichkeit.
Muttertag in Deutschland: Vom Blumenverkauf zur politischen Inszenierung
Besonders deutlich wird die Verzerrung im Vergleich mit dem Muttertag, der in diesem Jahr direkt am Sonntag davor stattfindet. Seine Geschichte ist nicht weniger aufschlussreich. Anfang der 1920er-Jahre griffen deutsche Blumenhändler eine amerikanische Idee auf und etablierten den Muttertag als verlässlichen Verkaufstag. Kaum waren die Nationalsozialisten an der Macht, erkannten sie dessen ideologisches Potenzial: Aus dem Blumengruß wurde der "Ehrentag der deutschen Mutter", aus privater Wertschätzung staatlich organisierte Gebärmoral, verknüpft mit Rassenideologie und Mutterkreuzen.
Bis heute lebt der Muttertag von dieser eigentümlichen Mischung aus üppigen Blumenbouquet, vor Dankbarkeit triefender Gesten und schlechtem Gewissen. Dazu sicherheitshalber noch eine Schachtel Rocher und – ganz wichtig – eine handgeschriebene Karte, in der "Danke", "beste Mama der Welt" und "was würden wir nur ohne dich machen" in wechselnder Reihenfolge erscheinen.
Eine gute Frage übrigens. Was würde eine Gesellschaft machen ohne das sorgende, aufopferungsvolle, unermüdliche Geschlecht in der Rolle der Mutter machen – die Ikone der Selbstlosigkeit, einmal jährlich gewürdigt und damit, so die stille Logik, hinreichend entlastet.
Feiertagsschieflage: Wie Muttertag und Vatertag alte Rollenbilder zementieren
Das Problem liegt dabei nicht nur bei den dankenden Kindern oder Ehemännern, die Blumen besorgen und Restauranttische reservieren. Auch viele Mütter nehmen diesen Tag ernst – als wäre er wenigstens ein kleines Aufatmen, eine kleine gesellschaftliche Quittung für unbezahlte Arbeit und alltäglichen Selbstverständlichkeiten.
Gerade darin zeigt sich der Unterschied der beiden Feiertage. Der Muttertag muss organisiert werden. Das Bild dahinter: Mütter sind abhängig, von der Gunst, der Planung und des Nichtvergessens derer, die sie beschenken. Sie machen sich den Tag nicht selbst schön – andere machen ihn schön für sie. Und er gilt nur denen, die es bereits vollbracht haben: Mutter zu sein.
Am Vatertag organisiert sich die Feier dagegen selbst. die Männer ziehen los, sie brauchen niemanden, der ihnen den Tag herrichtet. Keinen Blumenstrauß, der pünktlich ankommen muss. Sie feiern sich selbst. Dafür braucht es weder Kinder, noch tatsächliche Vaterschaft. Es reicht, männlich zu sein.
Gleichstellung auf dem Prüfstand: Braucht Deutschland neue Feiertage?
Vielleicht liegt die eigentliche Absurdität von Mutter- und Vatertag genau darin: dass zwei Feiertage, die angeblich Familie würdigen sollen, bis heute vor allem sehr alte Rollenbilder verwalten. Der Muttertag belohnt Fürsorge symbolisch. Der Vatertag entschuldigt Freiheit präventiv. Zusammen ergeben sie ein bemerkenswert stabiles ungleiches Gesellschaftsmodell.
Vielleicht braucht es deshalb keine neuen Feiertagsnamen, sondern eine andere Vorstellung von ihnen. In Anlehnung an Christi Himmelfahrt vielleicht einen Tag der Transzendenz – eine Art Unterbrechung des rein Immanenten, des Alltags und seiner Rollen. Ein Tag, an dem man sich nicht als Mutter, nicht als Vater, sondern schlicht als Mensch feiern darf.