Fast jeden Montag, manchmal auch samstags, demonstrieren sie in der Innenstadt von Nürnberg, mit Deutschlandfahnen, AfD-Flaggen, Transparenten mit Aufschriften wie "Rot-grüne Politik zerstört Deutschland" oder "Kriegskanzler? Nicht mit uns!".
Unter dem Namen "Team Menschenrechte" versammeln sich durchschnittlich 50 bis 100 Menschen und fordern etwa "Asylwahnsinn stoppen", "Brandmauer einreissen" oder "Deutschland retten". Zweimal liefen die Anhänger der Gruppierung dabei auch durch die "Straße der Menschenrechte", einer begehbaren Installation in der Kartäusergasse mit Pfeilern für jeden Artikel der "Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte".
Seit Mai 2025 wird das "Team Menschenrechte" vom bayerischen Landesamt für Verfassungsschutz im Phänomenbereich Rechtsextremismus beobachtet.
Von Corona-Protesten zur rechten Mobilisierung
Entstanden ist die Gruppierung aus den Reihen der "Querdenker"-Proteste gegen staatliche Maßnahmen während der Coronapandemie. "Sie waren der Meinung, dass es menschenfeindlich ist, wenn es eine Maskenpflicht gibt oder über Impfungen gesprochen wird. Deshalb haben sie sich den Namen 'Team Menschenrechte' gegeben", sagt Stephan Doll, Geschäftsführer der Gewerkschaft DGB Mittelfranken und Vorsitzender der Allianz gegen Rechtsextremismus in der Metropolregion Nürnberg.
"Ich würde sie eher als Team rechter Menschen bezeichnen." Der Name sei "eine Verhöhnung der Menschenrechte".
"Der Name ist aus meiner Sicht eine Strategie, die in der extremen Rechten schon seit mehr als zehn Jahren ganz bewusst gefahren wird", sagt Birgit Mair, Leiterin des Instituts für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung (ISFBB) in Nürnberg. "Diese 'Resignifikation' bedeutet, dass man sich bekannte Begriffe, Narrative und Symbole aneignet und dann in seinem Sinn - in diesem Fall in einem völkisch-nationalistischen Sinn - umdeutet."
Dann würden Menschenrechte plötzlich bedeuten, für ein "sauberes Deutschland" mit einem sogenannten "Remigrationsprogramm" Millionen von Menschen aus dem Land zu werfen, sagt Mair.
Die Leiterin des ISFBB und andere Experten für Rechtsextremismus halten die Gruppierung aus mehreren Gründen für gefährlich. Hier liefen Pandemieleugner und Neonazis, Reichsbürger und christliche Fundamentalisten, AfD-Politiker und Politiker der NPD-Nachfolgepartei "Die Heimat" gemeinsam durch die Stadt, sagt Jonas Schmidt, Mitarbeiter der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus in Bayern.
"Das 'Team Menschenrechte' ist ein perfektes Beispiel für die sogenannte 'Mosaik-Rechte' - ein Begriff, der selbst aus dem neurechten Spektrum kommt. Hier treten inhaltlich widersprüchliche oder sogar unvereinbare Positionen zurück zugunsten von Gemeinschaftsgefühl und der Identifikation gemeinsamer Feinde."
Warum Experten die Gruppierung für gefährlich halten
Durch diese Zusammenarbeit verschiedener Milieus, älterer und neuerer Netzwerke würden auch Personen für die Proteste mobilisiert, die zuvor nicht explizit in extrem rechten Kreisen aufgetaucht seien, sagt Schmidt. Dies führe zu einer Normalisierung extrem rechter Positionen. Die Versammlungen funktionierten als "Orte der Politisierung, Turboradikalisierung und Vernetzung".
Das gemeinsame Feindbild: böse Machthaber oder Strippenzieher im Hintergrund, auch "Deep State" genannt. Dazu gehören die unabhängige Wissenschaft, die freie Presse, queere Menschen, migrantisierte Menschen, der Islam, die Antifa.
Für diese Menschen und alle, die sich dem "Team Menschenrechte" etwa auf Gegendemonstrationen entgegenstellten, sieht Schmidt auch "eine reale physische Gefahr".
Selbst wenn von der Mehrheit der Demonstranten keine unmittelbare Gewalt ausgeübt werde, würden doch Gewaltfantasien geäußert mit der Richtung "Wenn wir an der Macht sind...", sagt Schmidt. "Das sollte man unbedingt ernst nehmen."
In der Vergangenheit habe es auch bereits Übergriffe auf Gegendemonstranten und Pressevertreter gegeben.
An die Macht kommen soll nach Ansicht des "Team Menschenrechte" vor allem die AfD. Birgit Mair bezeichnet die Gruppierung als "Vorfeldorganisation" der Partei: "Sie sind eines der vielen außerparlamentarischen Projekte, die die AfD unterstützen und pushen." Die Gruppe will, dass die Partei die Macht bekommt und sie will, "dass Alice Weidel Bundeskanzlerin wird", erläutert Mair.
Immer wieder würden Demonstranten des "Team Menschenrechte" wegen Straftaten wie dem Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, Volksverhetzung oder Beleidigungen angezeigt, teilt die Kriminalpolizei Nürnberg mit. Es sei "nicht erkennbar", dass sich die Gruppierung "effektiv von der rechtsextremistischen Ideologie abgrenzt", heißt es im Bayerischen Verfassungsschutzbericht 2025.
Streit um Demonstrationsrouten und Versammlungsfreiheit
Zuletzt hatte die Stadt Nürnberg versucht, den Verlauf der Demonstration am 4. Mai durch die "Straße der Menschenrechte" zu verhindern. Einer Klage dagegen gab jedoch der Bayerische Verwaltungsgerichtshof in München statt mit dem Verweis auf die hohe Bedeutung der Grundrechte der Versammlungsfreiheit und der Meinungsfreiheit. Die Stadt habe deshalb keine rechtlichen Möglichkeiten, Versammlungen an diesem Ort durch die Gruppierung zu verhindern, teilte ein Sprecher der Stadt dem Evangelischen Pressedienst (epd) mit.
Birgit Mair kritisiert allerdings, dass das "Team Menschenrechte" trotz einer relativ geringen Zahl an angemeldeten Personen für ihre Demonstrationen oft große und zentrale Straßen als Route genehmigt bekomme - anders als andere Demonstrationen mit einer ähnlichen Teilnehmerzahl.
"Das könnte die Stadt ändern, dann wären die Demonstrationen auch nicht mehr ganz so spektakulär."
DGB-Geschäftsführer Doll fordert sogar ein Verbot der Gruppierung durchs Innenministerium. Bis dahin wünscht er sich weiter "zielgerichteten Gegenprotest". Etwa 200 Menschen beteiligen sich nach Polizeiangaben durchschnittlich an mehreren Gegendemonstrationen, die regelmäßig von den Omas gegen Rechts und neueren antifaschistischen Bündnissen wie Alerta Parade oder Verlinkung Nürnberg organisiert werden. Auch das Bündnis Nazistopp und der DGB rufen immer wieder zu Protest auf, ebenso wie lokale linksextremistische Gruppen.
Gegenprotest wächst – doch vielen reicht er noch nicht
Doll würde den Gegenprotest gerne auf eine breitere gesellschaftliche Basis stellen. Viele Menschen seien von den Versammlungen betroffen und würden etwa montags, wenn das "Team Menschenrechte" demonstriere, nicht mehr zum Einkaufen in die Stadt gehen. "Ich würde mir wünschen, dass insgesamt die Stadtgesellschaft, also auch die Gewerbetreibenden und die Geschäftsleute, sich deutlich mehr erheben und sagen: 'Wir schließen uns einem vielfältigen bunten Protest an.'"