Die Zeiten, in denen an jeder Schule ohne Probleme eine evangelische und eine katholische Religionsgruppe gebildet werden konnten, sind vielerorts vorbei. Zu wenige Schüler:innen, fehlende Lehrkräfte und die veränderte religiöse Landschaft stellen das traditionelle Modell vor Herausforderungen.
Eine Zahl zeigt, wie groß die Veränderung inzwischen ist: Im Schuljahr 2025/26 lernten in Bayern 42.380 Schüler:innen in 2.287 Gruppen nach dem Modell "Religionsunterricht mit erweiterter Kooperation", kurz RUmeK. Das geht aus Zahlen hervor, die das Bayerische Kultusministerium auf Anfrage des Sonntagsblatts zur Verfügung gestellt hat. Dieses Modell wurde 2019/20 als Schulversuch gestartet und im Schuljahr 2025/26 verstetigt.
Das bedeutet, dass evangelische und katholische Kinder zunehmend gemeinsam im Religionsunterricht sitzen. In Bayern wird daraus jedoch derzeit kein gemeinsames Fach "Christliche Religion", wie in Niedersachsen.
Zwei Konfessionen, ein Klassenzimmer
RUmeK richtet sich an die Jahrgangsstufen 1 bis 4 von Grund- und Mittelschulen. Der Unterricht folgt dabei grundsätzlich dem Lehrplan der vor Ort vertretenen Mehrheitskonfession. Inhalte der Minderheitskonfession werden in einem vertretbaren Rahmen konfessionssensibel einbezogen.
Dies ist ein wichtiger Unterschied zu einem gemeinsamen christlichen Religionsunterricht: RUmeK versucht nicht, einen neuen Lehrplan für alle christlichen Schüler:innen zu schaffen. Die konfessionelle Grundlage bleibt erhalten, allerdings findet der Unterricht häufiger gemeinsam statt.
Ein weiteres Modell ist KoRUk, der "Konfessionelle Religionsunterricht kooperativ". Es wurde im Schuljahr 2024/25 als Modellprojekt gestartet und zunächst bis zum Schuljahr 2027/28 weitergeführt.
KoRUk richtet sich an die Jahrgangsstufen 1 und 2 von Grundschulen. Die Schüler:innen werden hier auf Grundlage des Lehrplans der Konfession unterrichtet, der der jeweiligen Lehrkraft angehört. Auch hierbei werden evangelische und katholische Schüler:innen gemeinsam unterrichtet.
Allerdings ist KoRUk nicht einfach die nächste Stufe nach RUmeK: Laut dem Katholischen Büro kann das Modell nur eingerichtet werden, wenn weder regulärer konfessioneller Religionsunterricht noch RUmeK möglich sind.
Warum wird gemeinsam unterrichtet?
Der Hintergrund ist vor allem praktisch. Wenn an einer Schule nur wenige evangelische oder katholische Kinder vorhanden sind, lässt sich keine eigene Gruppe mehr sinnvoll bilden. Hinzu kommt der Mangel an Religionslehrkräften.
Auf Anfrage des Sonntagsblatts erklärte das Kultusministerium allerdings, dass sich statistisch nicht aufschlüsseln lasse, wie viele RUmeK-Gruppen konkret wegen zu geringer Schülerzahlen und wie viele wegen fehlender Lehrkräfte eingerichtet wurden. Auch lässt sich statistisch nicht feststellen, welche Gruppen ohne RUmeK überhaupt nicht zustande gekommen wären.
Fest steht jedoch, dass das Problem groß genug ist, um die Kooperation dauerhaft zu etablieren.
Dabei gelten auch für die gemeinsamen Gruppen klare Regeln. Eine Religionsgruppe umfasst grundsätzlich bis zu 26 Schüler:innen. Bei jahrgangsübergreifenden Gruppen liegt die Grenze ebenfalls bei 26, bei einer Teilung innerhalb eines Jahrgangs bei 13 Kindern. Kleinere Gruppen sind möglich, wenn entsprechende Ressourcen vorhanden sind.
Niedersachsen macht aus zwei Fächern eines
Einen anderen Weg geht Niedersachsen. Im Schuljahr 2026/27 startet dort das Fach "Christliche Religion". Evangelische und katholische Schüler:innen besuchen einen gemeinsamen Religionsunterricht, der auch gemeinsam verantwortet wird.
Dies ist mehr als nur eine organisatorische Lösung für zu kleine Gruppen. Es ist ein anderes Verständnis davon, wie christlicher Religionsunterricht künftig aussehen kann.
Genau deshalb ist der Blick nach Niedersachsen für Bayern interessant: Wenn evangelische und katholische Kinder ohnehin gemeinsam lernen, warum braucht es dann noch zwei konfessionelle Fächer?
Bayern sagt: Nein
Die Antwort fällt in Bayern derzeit ziemlich eindeutig aus. Auf Anfrage des Sonntagsblatts erklärt Matthias Belafi vom Katholischen Büro: "Ein von den beiden großen Kirchen gemeinsam getragener Religionsunterricht wird nicht angestrebt."
Der Grund ist nicht allein juristischer Formalismus. Die katholische Seite hält die konfessionelle Verankerung auch pädagogisch und theologisch für wichtig. Kinder sollten zunächst in der eigenen religiösen Tradition Orientierung gewinnen, bevor sie sich mit anderen Religionen und Weltanschauungen auseinandersetzen.
Auch die evangelische Landeskirche hält am konfessionellen Ansatz fest – allerdings mit wachsender Offenheit für Kooperation. Auf Anfrage des Sonntagsblatts betonte die ELKB, konfessioneller Religionsunterricht bedeute nicht, dass Schüler:innen voneinander getrennt bleiben müssten. Im Gegenteil: Gerade die gemeinsame Auseinandersetzung könne helfen, Unterschiede wahrzunehmen und Gemeinsamkeiten zu entdecken.
RUmeK und KoRUk tragen beide Kirchen mit – einen gemeinsam verantworteten Religionsunterricht wollen sie derzeit jedoch nicht. Die katholische Kirche formuliert das besonders eindeutig. Die evangelische Landeskirche zeigt sich offener für die Diskussion über neue Formen, setzt in Bayern derzeit aber ebenfalls auf den konfessionell-kooperativen Weg.
Gemeinsam lernen, ohne Unterschiede einzuebnen
Das ist vielleicht der interessanteste Aspekt der bayerischen Entwicklung. Die Kooperation soll nicht darin bestehen, aus "evangelisch" und "katholisch" einfach "christlich" zu machen. Vielmehr sollen die Unterschiede sichtbar bleiben.
Dazu gehören beispielsweise unterschiedliche Gottesdiensttraditionen, das Verständnis von Abendmahl und Eucharistie, Fragen nach Kirche und kirchlichen Ämtern sowie Formen gelebter Frömmigkeit. Das Ziel lautet also: mehr gemeinsames Lernen, ohne die konfessionellen Unterschiede abzuschaffen.
Die ELKB bezeichnete die bisherigen Erfahrungen mit KoRUk auf Anfrage des Sonntagsblatts als "sehr ermutigend". Schulen, Lehrkräfte und Familien reagierten demnach überwiegend positiv. Eine Evaluation soll weitere Erkenntnisse liefern.
Nicht nur Grundschulen verändern sich
Die Entwicklung beschränkt sich zudem nicht auf Grund- und Mittelschulen. An Berufsschulen gibt es mit StReBe ("Stärkung des konfessionellen Religionsunterrichts an Berufsschulen") ein weiteres Kooperationsmodell. Nach Angaben des Kultusministeriums, das dem Sonntagsblatt auf Anfrage Zahlen zur Entwicklung nannte, begann der Schulversuch 2019/20 an acht Schulen. 2023/24 waren es bereits 20, 2025/26 insgesamt 40 Schulen. Für 2026/27 sind vier weitere vorgesehen.
Das Ministerium verwies zudem auf positive Erfahrungen: Der Unterricht lasse sich leichter organisieren, Ausfälle würden reduziert und beide Konfessionen könnten verlässlich vertreten sein.
Das zeigt: Die konfessionelle Trennung bleibt rechtlich bestehen, organisatorisch wird sie aber an immer mehr Stellen durchlässiger.
Und was ist mit den anderen Schüler:innen?
Damit ist allerdings nur ein Teil des Problems gelöst. Denn die religiöse Landschaft an Bayerns Schulen verändert sich nicht nur durch das Verhältnis zwischen evangelischen und katholischen Schüler:innen. Die Zahl der Schüler:innen, die das Fach Ethik wählen, ist deutlich gestiegen. Im Schuljahr 2020/21 nahmen rund 323.000 Schüler:innen am Ethikunterricht teil. Im Schuljahr 2025/26 waren es bereits etwa 471.000, was einem Anstieg von rund 46 Prozent entspricht.
Auch der islamische Religionsunterricht verzeichnet ein Wachstum – von etwa 17.000 auf 23.000 Schüler:innen im selben Zeitraum. Demgegenüber gingen die Teilnehmerzahlen im katholischen Religionsunterricht leicht zurück – von rund 619.000 auf 601.000 –, ebenso im evangelischen Religionsunterricht – von etwa 279.000 auf 264.000.
Diese Entwicklung lässt sich deshalb kaum noch als reine Ökumene-Frage darstellen. Auch die ELKB betonte auf Anfrage des Sonntagsblatts, dass die religiöse Vielfalt an den Schulen eine wichtige Herausforderung ist – die konfessionelle Kooperation aber "nicht die gesamte Antwort" darauf darstelle.
Wie weit RUmeK und KoRUk tatsächlich verbreitet sind, lässt sich zudem nur schwer sagen. Das Kultusministerium erfasst bei RUmeK bislang nicht, an wie vielen einzelnen Schulstandorten das Modell eingesetzt wird, sondern die Zahl der entsprechenden Gruppen. Die von der evangelischen Landeskirche zur Verfügung gestellten Zahlen beziehen sich wiederum ausschließlich auf geplante konfessionsübergreifende Maßnahmen in evangelischer Verantwortung für das Schuljahr 2026/27. Sie lassen regionale Unterschiede erkennen: Für Niederbayern etwa wurden darin keine solchen Maßnahmen ausgewiesen. Woran das liegt, lässt sich aus den Zahlen allein nicht ablesen.
Die eigentliche Zukunftsfrage
Damit steht Bayern vor einer interessanten Zwischenlösung. Die Kirchen halten am konfessionellen Religionsunterricht fest. Gleichzeitig schaffen sie jedoch immer mehr Möglichkeiten, evangelische und katholische Kinder gemeinsam zu unterrichten. Zudem wächst die Zahl der Schüler:innen, die andere Modelle wie Ethik oder islamischen Religionsunterricht besuchen.
Wird Bayern bald das Fach "Christliche Religion" einführen? Dafür gibt es derzeit keine Anzeichen. Spannender ist die Frage, wie lange sich ein Religionsunterricht noch konfessionell organisieren lässt, wenn die Schüler:innen längst in einer vielfältigeren religiösen Welt leben.
Bayern versucht derzeit, darauf eine Antwort zu geben, ohne das bisherige System grundsätzlich aufzugeben: Gemeinsam lernen, Unterschiede bewahren, Konfessionen aber nicht abschaffen. Ob dieses Modell langfristig trägt, dürfte eine der spannendsten Fragen für den Religionsunterricht der kommenden Jahre werden.